DIE POLITISCHE SEITE

Februar / März 2008

 

Bevölkerungsschwund in Deutschland – Zahlen, Gründe, Konsequenzen

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wieder habe ich ein zentrales Thema unseres Landes aufgegriffen. Es hat die zunehmende Wucht einer Lawine. In den letzten zwei Jahren ist es bereits zu einem Zentralthema der deutschen Innenpolitik geworden. Die Frage heißt schlicht: Stirbt unser Volk langsam aus? Haben wir bereits resigniert und uns aufgegeben? Oder gibt es noch Möglichkeiten, die Unheilslawine zu stoppen? Und sind die von der Bundesregierung ergriffenen Maßnahmen ausreichend bzw. sind sie sinnvoll?

 

Entschuldigen Sie bitte, dass aus dem gigantischen Thema ein gigantischer Artikel wurde. Ich veröffentliche ihn dennoch so, wie er ist und überlasse es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ob Sie den Artikel gleich ganz zur Seite legen oder in Abschnitten lesen wollen. Ich wollte Ihnen auf jeden Fall den ganzen Artikel vorlegen und diesen nicht von mir aus portionieren.

Weil er aber echt überlang geworden ist, wird die nächste Politische Seite erst wieder in drei Monaten d.h. im Mai erscheinen.

 

Danke für Ihr Interesse, Ihre Gebete und auch Ihre Gaben, die ich immer wieder für die Gebetsarbeit in Deutschland und Europa brauche.

 

Ihr Ortwin Schweitzer

 

 

 

INFORMATION

 

Es ist hoch an der Zeit. Darum zunächst ein Zitat aus DIE ZEIT Nr. 4 vom 20. Januar 2005:

Deutschland schrumpft und altert. Die Geburtenrate in unserem Land ist seit Jahrzehnten rückläufig; statt 2,1 Kindern, die notwendig wären, um die gegenwärtige Bevölkerungszahl zu erhalten, leisten sich Paare im Schnitt nur noch 1,3 Sprösslinge. Lange haben wir diese Entwicklung nur aus dem Blickwinkel der individuellen Lebensgestaltung betrachtet: Jeder musste schließlich selbst wissen, ob er sich eine Familie wünschte. Seit etwa zehn Jahren mischt sich Sorge um das Gemeinwohl in die Debatte: Wenn wir immer weniger Menschen werden, wer zahlt dann noch Rentenbeiträge, wer finanziert medizinische Versorgung und Pflege, wer bringt die Steuern auf für den Erhalt von Schulen, Museen, Straßen, Schwimmbädern?

Wir müssen uns mit einiger Schonungslosigkeit die Frage stellen, ob wir als Gesellschaft weiter existieren wollen oder nicht. Falls ja, stehen wir vor einem Paradigmenwechsel von großer Tragweite: Dann darf Familienpolitik nicht länger als „weiches Thema“ eine Randexistenz führen. Wenn wir das Problem des demografischen Wandels ernst nehmen – und wir haben allen Grund das zu tun –, dann muss Familienpolitik zu einer umfassenden Bevölkerungspolitik werden, zu der alle gesellschaftlichen Kräfte beitragen: die Politik (von der kommunalen Ebene bis zur Bundesregierung), aber genauso die Kirchen, die Verbände, die Gewerkschaften – und vor allem die Wirtschaft. Gerade für deren Belange ist mehr Nachwuchs unerlässlich: Sie braucht die Konsumenten ebenso wie den Fachkräftenachschub; sie gedeiht in lebendigen Regionen mit intakten Familien, nicht in verödeten Landstrichen. Die Unternehmen werden zudem nicht mehr lange ohne die qualifizierten Frauen auskommen, die zugleich Mütter und berufstätig sein wollen.

Der Standortfaktor der Zukunft heißt Familienfreundlichkeit – und Regionen, denen es nicht gelingt, ein familienfreundliches Klima zu schaffen, dürften auf lange Sicht auch wirtschaftlich das Nachsehen haben.

 

 

Hatte Kanzler Schröder bei seinem Regierungsantritt 1998 Familienpolitik – in „guter Tradition“ der bisherigen Regierungen – noch als Gedöns oder ähnlich bezeichnet, so ist Familienpolitik durch die Entwicklungen der letzten zehn Jahre aus dem Schatten der bisherigen „großen Ressorts“ herausgetreten und ist inzwischen zu einem der wichtigsten, zukunftentscheidenden Ministerien geworden. Wenige Minister haben in den vergangenen zwei Jahren mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen als Ursula von der Leyen mit ihren familienpolitischen Ansätzen. Ja, man kann wohl sagen, ohne zu übertreiben: die richtige Bevölkerungspolitik wird zur Existenzfrage der deutschen Nation werden d.h. welche Anreize muss der Staat den Männern und Frauen der mittleren Generation geben, dass wieder mehr Kinder geboren werden? Eine zentrale Frage künftiger Wahlen wird daher die Familienpolitik der einzelnen Parteien sein. Und dabei ist zu beachten, in wieweit die Parteien ideologischen Vorgaben folgen oder auf die real geäußerten und in Umfragen klar erhobenen Wünsche der potentiellen Elterngeneration eingehen.


1. Zahlen, die sprechen

(Statistisches Bundesamt Wiesbaden 2007, zu den Jahren bis 2006)

 

1.1 Anzahl der Kinder

Im Jahr 2006 wurden 672 724 Kinder in Deutschland geboren; dies sind 13 071 weniger als im Vorjahr – bedauerlich. Aber erfreulich, wenn man den Unterschied von 19 827 zwischen 2004 und 2005 betrachtet. Allerdings gibt es Schwankungen auch schon in früheren Jahren. Rekord war zwischen 2003 und 2004, als die Geburtenziffer nur um 1099 herunter ging.

Insgesamt ging die Geburtenrate von 2000 bis 2006 um 94 275 zurück, wobei auffallend ist, dass seit 2001 in den neuen Bundesländern die Zahl nur geringfügig um 1621 abgenommen hat, während im Westen die Abnahme fast 10 000 betrug; der große Einbruch in beiden Teilen war zwischen 2000 und 2001 mit ca. 48 000 im Westen und ca. 13 000 im Osten. Was war da los?

Auffallend auch, dass innerhalb der Zahl der Lebendgeborenen, die insgesamt abnimmt, die Zahl aus nichtehelichen Verbindungen jedes Jahr kontinuierlich zunimmt: von 179 574 in 2000 auf 201 519 in 2006. Lag der Prozentsatz an der Gesamtzahl der Geburten 2000 noch deutlich unter 25% so nähert sich die Zahl nun schon der 28% Marke. Gleichzeitig fiel die Zahl der Eheschließungen von 418 550 um 44 869 ab d.h. die Form der nichtehelichen Lebensgemeinschaften nimmt zu. Die Zunahme an Kindern in dieser Lebensform spiegelt wohl die zunehmende Zahl der Scheidungskinder bzw. der Kinder in Patchworkfamilien wieder.

Gegenüber 1996 wuchs die Zahl der „alternativen Familien“ der Alleinerziehenden und der nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern um 30% auf 2,3 Mio. in 2006 an. Gleichzeitig ging die Zahl der verheirateten Paare mit Kindern („traditionelle Familie“) um 16% auf 6,5 Mio. zurück. Trotz der Verschiebung zeigt dies aber, dass die Familien mit Ehepaaren und Kindern nach wie vor den überwiegenden Teil von Familien ausmachen (74%).

In Berlin ist der Anteil der alternativen Familienformen der Alleinerziehenden oder Lebensgemeinschaft von Erwachsenen mit Kindern 47% (1996: 34%); am niedrigsten ist er in Baden-Württemberg mit 20% (1996: 15%).

 

1.2. Kinderzahl pro Familie

Von den 2006 ehelich geborenen 471 205 Kindern waren

208 081

179 586

58 580

16 135

4 833

3 990

das 1. Kind dieser Eltern

das 2. Kind

das 3. Kind

das 4. Kind

das 5. Kind

das 6. Kind

 

Bei den 201 519 nichtehelichen Kindern besteht leider keine Angabe über die Reihenfolge.

Die Zahlenreihe der ehelichen Kinder zeigt aber:

•  Über dreiviertel der Kinder sind entweder 1. oder 2. Kind. Der Abstand zwischen 1. und 2. Kindern beträgt 28 Tausend.

•  Zwischen 2. und 3. Kind kommt der große Einbruch von ca. 120 Tausend weniger.

•  Ähnlich groß etwa ist die prozentuale weitere Abnahme von Kind zu Kind.

Im Durchschnitt leben in Deutschland 1,61 minderjährige Kinder in einer Familie. 1996 waren es noch 1,65. Dies ist aber noch der Wert in 2006 für die westlichen Bundesländer; im Osten dagegen sank der Wert auf 1,43.

Niedersachsen steht bei dieser Messung mit 1,69 Kindern pro Familie an der Spitze, Mecklenburg-Vorpommern mit 1,40 am Ende. Berlin hat mit 1,50 den besten Wert im Osten.

 

1.3. Fruchtbarkeit

Interessant und überraschend ist das Ergebnis, wenn man die Zahl der in einem Bundesland Geborenen einmal ins Verhältnis setzt zur Zahl seiner Einwohner. Das Ergebnis heißt dann: auf wie viele Einwohner kam in 2006 ein Säugling? Der Bundesdurchschnitt bei 82,5 Mio. Bürgern und 672 724 Geburten liegt bei 122 Einwohnern. Am fruchtbarsten zeigen sich Hamburg und Berlin mit 109, bzw. 110. Dies ist bemerkenswert, weil beide bei der Zahl der Kinder pro Familie mit 1,58 bzw. 1,50 deutlich unter dem Bundesschnitt von 1,65 liegen. Das heißt, 2006 war ein sehr gutes Jahr für die beiden Stadtstaaten. Der Grund dafür dürfte wohl sein, dass in beide Großstädte gerne junge Leute zur Arbeit oder zum Studium hin ziehen, dass sie sich aber darum auch nicht mehr als ein, höchstens zwei Kinder „leisten“ können. Und nimmt man die Spitzenposition von Berlin in Bezug auf alternative Lebensformen hinzu, so versteht man, warum es nicht mehr Kinder pro Familie geben kann.

Interessant ist zum Vergleich, dass Baden-Württemberg an der Spitze steht, was die normale Familienstruktur betrifft (80%), und bei der Fertilität den 3. Platz mit 116 belegt, d.h. dass es in Baden-Württemberg eher auch größere Familien gibt und – da Baden-Württemberg die niedrigste Arbeitslosenquote hat – dorthin auch viele jüngere Menschen ziehen und eine Familie gründen, weil der Arbeitsplatz relativ gesichert ist (vgl. Lösungsansätze Nr. 2 „Familienatlas“).


1.4. Staatsangehörigkeit

Interessant ist, dass von den 2006 geborenen 672 724 Kindern nur 29 176 nicht deutsche d.h. ausländische Eltern hatten, wobei dies 2000 noch auf 49 776 Kinder zutraf. Abnehmende Tendenz also.

Die Hauptmasse (643 548) sind aber Kinder mit deutscher Staatsangehörigkeit. Unter diesen sind der Hauptanteil (335 190) Kinder, deren beide Eltern verheiratete Deutsche sind. Auf Grund der Gesetzeslage ist aber seit 1.1.2000 ein Kind durch Geburt Deutscher, wenn ein Elternteil seit acht Jahren in Deutschland wohnt und eine Aufenthaltserlaubnis hat.

Insofern gibt es Neugeborene, bei denen der Vater (schon) Deutscher und die Mutter Ausländerin ist oder auch umgekehrt. Einen besonders hohen Anteil mit 182 525 Geburten haben dabei die nicht verheirateten Paare, bei denen die Mutter Deutsche und der Vater Ausländer ist.

Bei allen deutsch-ausländischen Paaren zeigt sich im Gegensatz zu den deutsch-deutschen Paaren eine steigende Tendenz von Kindern seit Jahren.

 

1.5. Religionszugehörigkeit

Die Zugehörigkeit der Kinder verteilt sich natürlich auf alle in Deutschland ansässigen Religionsgemeinschaften in der Reihenfolge:

 

 

davon Religionszugehörigkeit des Vaters:

Mutter

insgesamt

Evangelisch

Katholisch

Gemeinschaftslose

Islam.Reli-Gem.

Katholisch

194 994

37 813

111 879

23 613

3 289

Evangelisch

185 465

85 672

39 238

36 666

2 312

Gemeinschaftslos
(ohne kirchliche Zugehörigkeit)

170 372

18 731

12 709

110 073

2 385

Islam.Reli-Gem.

69 599

593

918

1 507

63 314

 

Es zeigt sich, dass die drittstärkste religiöse Kraft in Deutschland die Gemeinschaftslosen (Entkirchlichten) sind. Hier wachsen Kinder auf, die in ihrem Elternhaus kein christliches Kulturgut mehr vermittelt bekommen. (Frage vor einem Kruzifix: „Wer ist das, der da oben hängt?“)

 

Die Bindekraft der Ev. Kirche zeigt sich wieder als die schwächste – noch weniger als die der Kirchenfernen – die Bindekraft des Islam ist weitaus am stärksten. Bindekraft meint, man achtet bei der Partnerwahl auf einen Partner gleichen Glaubens und erkennt an, dass dies wichtig ist.

 

1.6. Familien

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden definiert „Familie“ als: Eltern-Kind-Gemeinschaft mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren im Haushalt. Von daher fallen Familien mit nur volljährigen Kindern – egal ob verheiratet oder nicht oder allein erziehend - nicht unter den statistischen Begriff „Familie“. Der Grund für diese Definition liegt in der Aufgabe des Amtes als einer Bundesbehörde. Ihre Erhebungen dienen der staatlichen Planung von Kindergärten und Schulen oder auch der Entwicklung etwa des Elterngeldes.

39% der Bevölkerung lebten 2006 entweder als Eltern oder als Kinder unter 18 Jahren in Familien.

Ein Vergleich der Bundesländer zeigt, dass 2006 die Baden-Württemberger mit 42% am häufigsten in Familien lebten und – wie gesagt – nur 20% davon in den sogenannten alternativen Familienformen (allein erziehend und Lebensgemeinschaften).

Auffallend der Rückgang von Familien im Osten. 1996 lebten in Mecklenburg-Vorpommern noch 49% der Einwohner in Familien, zehn Jahre später nur noch 34%. Nach Berlin hat Mecklenburg-Vorpommern die höchste Zahl an alternativen Familien mit ca. 43%.

Die Zahl der Familien in Deutschland sank kontinuierlich. Waren es vor 10 Jahren noch 9,4 Mio., so sind es heute 668 000 weniger d.h. 8,8 Mio. Erschütternd ist, dass die Zahl der Familien im Osten um 630 000 abnahm d.h. um 28% abnahm, während das Minus im viel größeren Westen nur 37 000 (-1%) betrug. Man kann in den neuen Bundesländern geradezu von einem Absturz der Familie sprechen.

 

1.7. Weltbevölkerung

Im Auftrag der UNO wurden Untersuchungen zur Weltbevölkerung vorgenommen, die Erstaunliches zu Tage förderten.

In keinem Industrieland werden genug Kinder geboren, so dass die Bevölkerungszahl konstant bliebe. So wird Deutschland in den nächsten 50 Jahren voraussichtlich so viele Einwohner verlieren, wie einst in der DDR lebten. Japan hat 2005 seinen Höhepunkt erreicht und wird in den nächsten 50 Jahren um ein Drittel schrumpfen. Der Iran hat nach der Revolution einen Geburtenrückgang um nahezu zwei Drittel erlebt und wird so um 2030 mehr ältere Menschen als Kinder haben.

Chinas Bevölkerungspolitik ist bekannt: jedes Paar nur ein Kind. Dazuhin werden weibliche Föten vielfach abgetrieben, so dass heute auf 100 Mädchen 117 Jungen kommen. Durch diese konsequente Geburtenbeschränkung vergreist die chinesische Gesellschaft: bis zur Mitte des Jahrhunderts werden 30% der Chinesen über 60 Jahre alt sein.

59 Staaten d.h. 44% der Weltbevölkerung haben gegenwärtig nicht genug Kinder, um einen Bevölkerungsrückgang zu vermeiden. Seit den 60ger Jahren des 20. Jahrhunderts ist das Bevölkerungswachstum um 40% zurückgegangen. Global ist nicht mehr die Überbevölkerung unser Problem, sondern der Bevölkerungsschwund. Nach den UNO-Berechnungen wird die Zahl der Menschen auf der Erde 2070 ihren Höhepunkt mit 9 Milliarden erreichen und dann langsam, kontinuierlich abnehmen.

Diese Prognosen sind deshalb wahrscheinlich, weil die Schwellen- und Entwicklungsländer konsequent eine eigene Industrie aufbauen werden. Dies bedeutet automatisch eine rasante Verstädterung dieser Länder. In der Stadt sind Kinder für die Eltern anders als im ländlichen Raum nicht mehr Helfer, sondern Last. Verstädterung bringt automatisch Bevölkerungsschwund mit sich. Die Frauen lernen Familienplanung einzusetzen.

Hinzu kommt, dass wer in der Stadt vorankommen will, Schulbildung braucht. Diese aber kostet Geld, was man vielleicht für zwei Kinder aufbringen kann, aber nicht für zehn.

In den Industriestaaten erhöht sich das Alter der jungen Erwachsenen, bis sie eine Familie gründen können deswegen, weil in diesen Staaten auf die Dauer Zuwächse nur die Branchen haben, die hohe Qualifikationen verlangen. Und hat man schließlich die Qualifikation, möchte die junge Frau wenigstens ein paar Jahre auch diesen hart erkämpften Beruf ausüben.

Die Entwicklungsländer werden diesen Prozess genauso miterleben – nur in viel größerem Tempo. Die Industriestaaten hatten das Glück, reich zu werden, bevor sie alt wurden. Die aufstrebenden Länder haben diese Chance nicht.

 

 

 

HINTERGRÜNDE

 

1. Paradigmenwechsel

Momentan ist „politically correct“ zu fragen, wie die Familien so unterstützt werden können, dass sie möglichst reibungslos in die Bedingungen der Arbeitswelt eingefügt werden können. Hierher gehören alle Bemühungen in Teilzeitarbeit, Flexibilität und gute Rückkehrmöglichkeiten. Im Zentrum des politischen Handels steht der Arbeitsmarkt, die Wirtschaft und der Lebensstandard d.h. das Wirtschaftswachstum.

Aber am Horizont zeichnet sich schon etwas ab, was die heutige Prioritätenliste der Regierungen – egal welcher Couleur – auf den Kopf stellen könnte. Die Frage nämlich: Was nützt uns die schönste Wirtschaft, wenn die Menschen fehlen? Sie fehlen nicht nur als Abnehmer, sondern auch als Fachkräfte. Schon jetzt buhlen die Firmen um die Studierenden, um sie später als Ingenieure für sich zu sichern. Und die „headhunter“ versuchen der Konkurrenz Fachkräfte mit immer noch lockenderen Angeboten auszuspannen. Dieser Zustand wird sich verschärfen. Die Zeit ist absehbar, wo sich die Arbeitswelt um die Familie dreht und müht, insbesondere um die jungen qualifizierten Mütter.

Langfristige Politik in diesem Land müsste sich heute schon auf diesen Paradigmenwechsel einstellen. Dabei geht es nicht um 4 Mrd. für den Aufbau von Kitas – was gut ist, aber nur „kosmetisch“ – sondern es geht um eine radikale Metanoia=Umdenken, weg von der Wirtschaft als Focus der Politik hin zur Familie als der Re-Generation von allem.

 

Dazu würde großer Mut gehören und der Wille, die wahren Gründe der Kinderlosigkeit in den Blick zu nehmen. Dies erfordert deshalb Mut, weil es immer Mut kostet, bisher leichtfertig Übergangenes oder emotional Abgelehntes noch mal in Ruhe auf seine Brauchbarkeit in Bezug auf eine Lösung des Problems zu betrachten.

Dieser Mut würde schon bei der Terminologie beginnen z.B. bei der Frage, ob man die objektiv nachweisbare beste Familienform von Vater-Mutter-Kinder, noch länger als „traditionelle Familie“ bezeichnen will und nicht einfach – nachdem sie ohnehin ¾ der Familien ausmacht – „Normal-Familie“ nennen möchte. Dies entspräche kulturgeschichtlich und statistisch-quantitativ den Tatsachen. Dieser Hinweis sei erlaubt, da in der heutigen deutschen Sprache das Substantiv „Tradition“ zwar unbelastet, das Adjektiv „traditionell“ aber mit der Nebenbedeutung „veraltet“ belastet ist.

Ungenau ist ebenfalls im offiziellen Sprachgebrauch - etwa des Statistischen Bundesamtes - die Bezeichnung für die zerbrochenen Familien der Alleinerziehenden und der Lebensgemeinschaften ohne eheliches Treueversprechen: man nennt sie „alternative Familien“. „Alternativ“ ist im Deutschen ein wertneutraler Begriff für eine andere Möglichkeit. Der Vorgang ist verständlich, da man ja nicht – wie früher! - stigmatisieren will. Aber! - es muss festgehalten werden, dass aus der Sicht der eben geschiedenen Mutter die Scheidung und das Alleinerziehen alles andere als eine „alternative Familienform“ ist, sondern Schmerz und Not.

Dasselbe bei den nicht durch ein eheliches Treueversprechen vor dem Standesbeamten oder gar vor Gottes Altar verbundenen Paaren. Sie entstehen meist aus vorangegangenen Verletzungen des einen oder beider Partner und allen daraus resultierenden Ängsten. Dies ist – wohl nach beider Meinung – ein Vorstadium, ein Provisorium, das sehr wohl, wie alle Provisorien, sehr langlebig sein kann. Dies als „alternativ“ zu bezeichnen ist sowohl von den Betroffenen aus gesehen unaufrichtig, als auch vom Staat her, da er diesen „Familien“ ja steuerlich nicht dieselben Bedingungen einräumt, wie den Normalfamilien, die das Grundgesetz Art 6 dem besonderen Schutz des Staates anbefiehlt.

„Alternativ“ kann man diese Familienformen auch deshalb nicht nennen, da beide im Sinn der Erhaltung des Volkes keine Reproduktionsfähigkeit besitzen, was ja das Wesen von „Familie“ ist. Bei den Alleinerziehenden ergibt sich das selbstredend aus der Lebenssituation. Bei den nichtehelichen Lebensgemeinschaften gilt wohl: „Ich habe zwar einen Partner, aber ich weiß nicht, ob er auf Dauer zu mir hält. Die Begründung ist nachvollziehbar.

Die Tatsache, dass genau diese Gruppe der „alternativen“ Familien statistisch zunehmende Kinderzahlen aufweist, ist – wie schon erwähnt – wohl der steigenden Scheidungsrate und der Bindungsangst vieler Paare geschuldet. Zwei Alleinerziehende, die heiraten oder nicht, haben meist auch keinen Mut, zusammen noch weitere Kinder zu zeugen („Patchworkfamilien“).

 

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: soll der Bevölkerungsschwund gestoppt und wieder umgedreht werden, muss Politik in Deutschland und in den Industriestaaten insgesamt einen Paradigmenwechsel vollziehen in der Priorisierung der Familienpolitik mit dem exklusiven Ziel eines Bevölkerungswachstums. Kulturgeschichtlich und aktuell statistisch erwiesen ist dabei die Tatsache, dass zu diesem Ziel allein die Normal-Familie mit verlässlichen Beziehungsstrukturen geeignet ist. Etwas anders zu behaupten ginge glatt an der Realität vorbei.

 

 

2. Mentalitätsumschwung

Politik in der Demokratie ist einerseits Reaktion auf Meinungen im Volk und andererseits Beeinflussung der Meinungen im Volk, vermittelt durch die Medien. Insofern kann ein Paradigmenwechsel in der Politik nur geschehen, wenn parallel dazu ein Umschwung von Denkmustern im Volk geschieht.

Konkret: So lange der Slogan heißt: „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, wird sich nichts ändern an der Mentalität, dass die eigentliche Erfüllung des Lebens in der Erwerbstätigkeit, im Beruf liegt und Familie eben irgendwie dazwischen „gemanagt“ werden muss. Der Mentalitätsumschwung bestünde darin, Familien-Arbeit und Berufs-Arbeit einander grundsätzlich gleichzustellen – auch gesetzlich. Warum bekommt eine Frau, wenn sie drei eigene Kinder betreut, keinen Cent und kaum eine Anrechnung auf eine spätere Rente, während sie, wenn sie außer Haus geht und bei einer Doppel-Verdiener-Familie deren drei Kinder ganztägig betreut, ein festes Gehalt bekommt, inkl. Sozialabgaben des Arbeitgebers, der diese Kosten dann sogar noch von seiner Steuer absetzen kann.

 

Dies zu ändern wäre staatlicher Paradigmenwechsel – Erziehungsgehalt für Mütter incl. Sozialabgaben, die der Staat bezahlt, für dessen Erhalt sie ja arbeitet. Die Wirkung wäre ein durchschlagender Mentalitätswechsel bei den jungen Frauen. Denn durch Umfragen erwiesen ist, dass die meisten sich Kinder wünschen und – ginge es finanziell – diese auch gerne zu Hause aufziehen würden. Dann würden vermutlich wieder mehr Paare den Mut zum Kind haben, da das Erziehungsgehalt ja eine feste Größe im Familienbudget wäre.

Dies ist nicht gesprochen gegen eine Wiederaufnahme der Berufstätigkeit der Frau nach der „Kinderphase“. Nur, wann diese zu Ende ist, bestimmt jedes Paar selber und nicht das nach 12 Monaten auslaufende „Elterngeld“.

Was frühere Generationen noch als selbstverständlich ansahen, dass auch akademisch ausgebildete Frauen sich mit ihrer Heirat grundsätzlich auch auf „Kinderjahre“ einstellten, kann heute so nicht mehr vorausgesetzt oder verlangt werden. Heute wird mit spitzem Stift nachgerechnet, was ein Kind „kostet“ an Ausgaben und an Lohnausfall. Der Versuch, dem Rechnung zu tragen, ist das Elterngeld von Ursula von der Leyen. Der Effekt auf die Gut-Verdiener ist vielleicht da, jedoch erzielt es keine Wirkung auf die Wenig-, Gering- oder Garnichtverdiener wie z.B. die Mutter mit drei Kindern (Lob sei ihnen), die einer Berufstätigkeit nicht mehr nachgehen können.

 

Sicher kann der Staat Müttern, vor allem den Akademikerinnen, nicht dasselbe Erziehungs-Gehalt bezahlen, wie die Berufswelt. Idealismus gehört weiterhin zum Kind – hat man doch an Kindern ja auch unbezahlbare Lebensfreude. Aber ein Hungerlohn ist kein Anreiz. Wer aber 24 Stunden am Tag drei Kinder erzieht, hat Anspruch auf ein Gehalt, von dem man leben kann. Auch Alleinerziehende, bitte!

 

Ein weiteres Problem im Bereich Familie würde gleichzeitig damit angegangen: die Abtreibungen. Wären Kinder nicht ein Armutsrisiko, sondern eine Lebenschance, würden viele junge „Ein-Kind-Mütter“, aber auch Frauen, die schon zwei Kinder haben, sich eine Abtreibung überlegen. Ebenso die „ledigen Mütter“.

Wie unter „Weltweit“ dargestellt geht die Weltbevölkerung im Zuge ihrer Verstädterung langsam zurück, da in der Stadt-Kultur, anders als in der Agrar-Kultur, Kinder eine Last darstellen. Die Industriestaaten, die diesen Weg zuerst beschritten haben, sind darum aufgerufen, Wege aus dieser Entwicklung aufzuzeigen. Einer davon wäre das Erziehungsgehalt.

Ein anderes Beispiel gibt Frankreich, das mit einer Geburtenrate von 1,88 je Frau weit vor Deutschland mit 1,65 liegt. So zahlt der Staat für jedes Neugeborene den Eltern ein „Begrüßungsgeld“ von 800,-EUR. Kindergeld gibt es 161,66 EUR/Monat plus so viele Steuervorteile zunehmend mit der Kinderzahl, dass eine Familie ab drei Kindern mit mittlerem Einkommen praktisch keine Steuern mehr bezahlt. Außerdem gibt es Erziehungsgeld zwischen 126 und 502 EUR/Monat, wenn ein Elternteil die Arbeitszeit reduziert oder ganz aufhört. Zuschüsse für Haushaltshilfen und für jedes Kind zwei Jahre Beitragsfreiheit bei der Rentenversicherung kommen noch dazu uvm.

Man sieht, wie auch durch gezielte Zuschüsse und Steuererleichterungen wirksame Anreize zum Kinderkriegen geschaffen werden können.

 

Das staatliche „Begrüßungsgeld“ zeigt noch einmal in eine neue Richtung. Es macht zum einen deutlich: Kinder sind nicht nur Privatsache, sondern „Vater Staat“ freut sich mit und bedankt sich bei den Eltern. Zu anderen hat jede Mutter, die mit Mühen ein Kind getragen und mit Schmerzen geboren hat, das Empfinden, dass sie als Mutter gewürdigt wird. Dies sind die Zeichen, die ein Staat setzten kann, wenn er einen Mentalitätswandel im Volk erreichen will.

Denn ein weiterer Faktor, der in den vergangen Jahren Frauen zurückhielt, Kinder zu wollen, war die Zerstörung der Würde der Mutter . Eine Frau, die seit der Pubertät d.h. der Ich-Findung als Frau nur gehört hat, dass Muttersein „Heimchen-am-Herd“ sei, gut genug für „Kinder-Küche-Kirche“, die wird sich wohl überlegen, ob sie als moderne junge Frau sich mit Kindern „das Leben verbaut“. Frage: Hing die Bereitschaft der Frauen früher, auch der Akademierinnen, ihr Leben ein Stück weit den Kindern hinzugeben vielleicht gerade damit zusammen, dass Muttersein trotz

Mühen eine stille Ehre war, Würde in sich trug, die durch nichts zu ersetzen war? Sie ist es immer noch nicht. Bloß unsere Kultur muss diese Würde neu formulieren.

 

Schade, dass die Diskussion im Herbst 2007, die Eva Hermann zu dieser Frage anstieß, so unglücklich verlief: Ihr Ansatz war richtig: „Wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen“, was Frau Hermann – m.E. richtig – in den Zusammenhang mit der niedrigen Geburtenrate brachte. Dass sie dann in die Geschichte dieses Wertempfindens der Frau als Mutter einstieg und die Linie über die 68ger bis zum 3. Reich auszog, war gewagt, worüber sie dann sich verhaspelte, was ihren Rauswurf aus der ZDF-Sendung mit Kerner am 9.10.07 zur Folge hatte, sowie ihre Entlassung aus dem NDR. Nach ein paar Tagen sagte sie dazu, dass es in ihrem Leben keinen Moment gegeben habe, in dem sie hätte aufgeben wollen. „Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Meine Motivation beziehe ich aus meinem Glauben an Gott“.

Dies zeigt, dass Eva Hermann weder „rechts“, noch dümmlich-naiv ist, sondern dass sie ihre Ansichten zur Mutterschaft aus ihrem christlichen Glauben heraus formuliert. Damit hatte sie die feministisch geprägte Gesellschaft zuvor schon so gereizt, dass es nur noch eines Anlasses bedurfte, um sie so plausibel wie möglich raussetzen zu können. Schade! Ihre Anfrage an die Würde der Mutter aber bleibt.

 

 

3. Sexualverhalten

Ging es in dem vorigen Abschnitt um die Würde der Frau als Mutter, so geht es in diesem um die Würde des Mannes als Vater.

Zwar rechnet die Statistik den Kinderquotienten heraus aus der Zahl der gebärfähigen Frauen eines Landes zwischen 15 und 50, aber durch Umfragen unter männlichen Singles im zeugungsfähigen Alter zeigt sich, dass die Unwilligkeit der Männer, Vater- und Familienverantwortung zu übernehmen, ein ebenso großer Faktor ist.

Laut Forsa-Befragung vom Oktober 2004 unter Kinderlosen, warum sie sich nicht vorstellen können, ein Kind zu bekommen, ist die häufigste Antwort mit 44% „weil ich keinen geeigneten Partner habe“ und „weil ich auch ohne Kinder mit meinem Leben zufrieden bin“ (44%); weiter „weil ich gerne unabhängig bin und nicht an ein Kind gebunden sein möchte“ (34%) und „weil mir die Verantwortung für ein Kind zu groß ist“ (22%). Kinderbetreuungsplätze rangieren übrigens auf vorletzter Position mit 9%.

Diese Umfrage ist unter Männern und Frauen gemacht worden. Sie spiegelt den persönlichen Reifegrad dieser Generation wieder. Es sind hier nur die Antworten der subjektiven Befindlichkeit herausgegriffen worden, um sozusagen einen Blick in das Herz dieser jungen Leite zu werfen.

 

Natürlich verzichtet dieses Alter nicht auf Sexualkontakte. Aber – und das ist der entscheidende Unterschied zu früher! – Frauen und Männer können „Sex haben“ (was für ein Ausdruck!), völlig losgelost von der Verantwortung einer evtl. folgenden Schwangerschaft. Mütter geben ihren Töchtern von der ersten Jungenfreundschaft an gleich die Pillenschachtel mit und die Anti-Aids-Werbung wird nicht müde, den Männern die Verwendung von Kondomen anzupreisen „Mach's mit!“

Dieses fast völlige Entschwinden des Gedankens einer Zeugung aus dem Geschlechtsakt ist das absolute Kennzeichen für das Sexualverhalten unserer Zeit. Geschlechtsgemeinschaft als Ausdruck von verbindlicher Liebe wurde so zum „Sex“ als Ausdruck unverbindlicher, meist zeitbedingter Freundschaftlichkeit oder als Ausdruck männlicher Begierde, dem die Freundin – auch nach erst kurzer Bekanntschaft – nichts mehr entgegensetzen kann. Sex als allezeit verfügbares Konsumverhalten.

 

Welch einen inneren Weg muss ein Mann im heiratsfähigen Alter und sicherer Position gehen, um seine Freiheit zum Partnerinnenwechsel für nur eine Frau aufzugeben? In Zeiten, als der Sexualkontakt vor der Ehe noch „verboten“ d.h. unerwünscht war (auch wenn er heimlich vollzogen wurde), da war die starke Motivation des Mannes zu heiraten: um mit dieser wunderbaren Frau schlafen zu können. Das Sexualbegehren half den Männern über ihre Bindungsangst hinüber. Entfällt diese Motivation, hat dieser Mann schon alles, was er will – warum sollte er sich in „das Gefängnis einer Ehe“ begeben?

Ein entscheidender Reifeschritt geht dem Mann damit verloren. Er wird zum „lonely rider“, der jedes halbe Jahr eine andere Frau anbaggert, bis er merkt, dass auch er älter wird. Die Versuche der 50jährigen Singles, weiterhin jung und knackig zu erscheinen, wirken so peinlich. Sie sind alte Jungs geworden. Statt Väter zu werden, sind sie große Jungs geblieben, weil sie bei sich blieben. „Fruchtbar sein heißt dagegen: aufgehen in einen anderen hinein, sich hergeben für etwas Neues“ (Matthias Lauer).

Lehrt die Männer, mit Sexualität wieder die Verantwortung für eine Frau und ein Kind zu verbinden und ihr werdet im nächsten Reifungsschritt wieder Väter heranwachsen sehen in Deutschland.

 

4. Gesellschaft

Hier können jetzt nur in Kürze alle transsubjektiven Gründe für das Fehlen von Kindern aufgezählt werden:

•  Ablehnende Haltung von Vermietern, geeignete Wohnungen zu vermieten; und wenn, dann sind die Mieten oft unerschwinglich.

•  Es gibt nur noch wenige Wohnungen, die für mehr als zwei Kinder Platz bieten.

•  Fast jeder qualifizierte Arbeitsplatz verlangt heute Mobilität bzgl. Umzugs woanders hin.

•  Möglicher plötzlicher Verlust eines „sicheren“ Arbeitsplatzes.

•  Wer Arbeit hat, muss mehr arbeiten als bisher: abends Erschöpfung, am Wochenende oft Dienst. Den Betrieb interessiert nicht die Freizeit und Familie des Mitarbeiters.

•  Die Ausbildung qualifizierter Berufe reicht bis an die 30; hinzu kommen dann die verdienstarmen Praxisjahre, wo dann an eine Familiengründung aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht zu denken ist. Und danach – meist schon in den Dreißigern – fühlen sich viele Frauen schon zu alt. Außerdem lässt in diesem Alter bereits die Fruchtbarkeit nach.

 

 

 

LÖSUNGSANSÄTZE

 

1. Die Bundesregierung

Auch unsere Regierung versucht etwas für die Familien zu tun und Mut zum Kind zu wecken. Die Maßnahmen sind z.T. noch im Fluss und es werden verschiedene Vorschläge gemacht, die geprüft werden.

Dabei ist das Problem, dass die beiden großen Parteien strategisch in verschiedene Richtungen gehen: die CDU, besonders die CSU haben die zahlenmäßig größte Gruppe der Normal-Familien im Blick und wollen von daher deren Existenz stärken; die SPD sieht stärker den Trend zu den sogenannten alternativen Familienformen, die stärker als die Normalfamilien auf Hilfe von außen angewiesen sind und möchte – entsprechend auch ihrer Tradition – von daher mehr staatliche Hilfe bis hin zur staatlichen Lenkung in die Familienpolitik einbringen.

Neben Steuererleichterungen pro Kind, Kindergeld, in manchen Ländern auch noch Landeserziehungsgeld entstand in dieser Legislaturperiode der größte Streit dadurch, dass sich CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen einen nicht mehr umgesetzten SPD-Plan der Regierung Schröder zu eigen machte und als eigene Idee vortrug – nämlich den Ausbau der Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren – so dass die CDU verwirrt und die SPD verärgert war. Mit 4 Mrd. Euro Bundeszuschuss sollte die Zahl der Krippen bis 2013 um 750 000 erhöht werden, damit die Mütter möglichst bald nach der Geburt ihres Kindes in den Beruf sollten zurückkehren können. In der ursprünglichen Form sollte die Krippe zur staatlich verordneten Form der Klein-Kinder-Erziehung werden wie in der ehemaligen DDR. Im Blick waren dabei ganz wesentlich die Migranten-Kinder, die sonst ohne Verordnung von oben bis zum Schulanfang kein Wort Deutsch könnten; ebenso Kinder aus sozial schwache Familien. Diesem Zwangsprogramm widersprach die CSU massiv als staatlichem Eingriff in die Familien unter Hinweis auf das Grundgesetz, wo es in Art 6(2) heißt: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die ihnen zuvörderst obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“. Was dies konkret bedeutet, regelt Absatz (3): „Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen“. Somit ist das sog. „Kinderbetreuungsausbau-Gesetz“ noch änderungsbedürftig. Bisher regelt dieses Gesetz nur die Finanzierung der Krippen, sagt aber nichts über die Möglichkeit und den entsprechenden finanziellen Ersatz heimischer Erziehung. CSU Vorschlag: 150, - € Betreuungsgeld.

Eine andere Diskussion löste Frau von der Leyen aus durch den Vorschlag eines Elterngeldes, das für 12 Monate 75% des bisherigen Gehaltes ersetzen soll, wenn ein Elternteil aus dem Arbeitsprozess aussteigt. Weitere zwei Monate würde es weiter bezahlt, wenn der andere Ehepartner – meist der Ehemann - auch für diese Zeit aussteigen würde. Dieses Elterngeld für 12 +2 Monate ersetzt das bisherige Erziehungsgeld, das 24 Monate bezahlt wurde.

Die beiden Gesetze sind so aufeinander bezogen, dass die Mütter möglichst schnell wieder in den Beruf zurückkehren und ihre Kleinen dann in der Krippe abgeben können. Hier setzt sich eindeutig die Wirtschaft durch und nicht das Kindeswohl.

 

2. Der Familienatlas

2005 legte das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos in Zusammenarbeit mit dem Familienministerium und der ZEIT eine Karte von Deutschland vor, auf der in acht verschiedenen Kategorien farblich gekennzeichnet gezeigt wird, wo Familien am besten leben.

Genannt wird hier dieser Ansatz, weil interessant ist, wonach die Familien befragt bzw. die Regionen getestet wurden – und das waren keineswegs vorrangig die Kinderkrippen. Die Fragen beleuchteten:

  1. die allgemeine demografische Entwicklung, also Geburten, aber auch Zuzüge und Wegzüge von Familien in dieser Gegend;
  2. Betreuungsinfrastruktur: Krippen, Kindergärtem, Schulen;
  3. Arbeitmarktsituation und Bildungschancen;
  4. Sicherheit (Kriminalität, Kinderunfälle) und Wohlstand;
  5. Frage, wie gut Familie und Beruf etwa durch flexible Teilzeitarbeiten vereinbar sind.

Das Ergebnis:

•  Die Arbeitsmarktsituation ist der entscheidende Faktor für die Familie. In Regionen mit geringer Arbeitslosigkeit wie vor allem in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen ist die Geburtenrate und der Kinderanteil an der Bevölkerung überdurchschnittlich gut.

•  42 Kreise und kleinere Städte – fast alle in Süddeutschland - haben den höchsten Kinderanteil an der Bevölkerung, „was einem weitgehend traditionellen Familienbild geschuldet sein dürfte“: Vater als Familienernährer, Mutter zu Hause bei den (mehreren) Kindern.

•  Interessant der Hinweis auf den Zusammenhang mit Religion. Von 92 Kreisen im Norden und Westen der alten BRD heißt es zunächst: ausreichend Arbeit, wenig Kriminalität, fast keine Krippen, dann aber: „Die höchste Geburtenrate pro Frau mit 1,90 Kindern finden wir im katholischen Cloppenburg in Niedersachsen. Unter rein bevölkerungspolitischen Gesichtspunkten schneiden damit jene Regionen am besten ab, die das traditionelle Familienbild am konsequentesten leben“. Und dies scheint – auch im ev. Süddeutschland – etwas mit Glauben und Religion zu tun zu haben.

Zusammenfassung

Wo sichere Arbeitsplätze, normale Familienstruktur und christlicher Glaube zusammenkommen, da geht es Familien gut, da ist Perspektive des Lebens und darum werden dort auch überdurchschnittlich Kinder geboren.

Wo keine Arbeit ist und der Glaube fehlt, da fehlt die Perspektive, die Hoffnung, die Familien zerfallen und die Geburtenrate geht zurück.

Wo Arbeit ist, der Säkularismus aber stark ist wie z.B. in Berlin oder Hamburg, da ziehen zwar junge Leute hin, die auch Kinder haben, aber die Zahl der Kinder pro Familie bleibt unterdurchschnittlich (1,40)und die Zahl der „alternativen“ Familienformen ist mit 47% in Berlin am höchsten in Deutschland.

Der Glaube

Das Institut der deutschen Wirtschaft (Köln) hat kürzlich nachgewiesen: Wer mehrmals in der Woche betet, hat im Schnitt 1,9 Kinder. Nichtbeter kommen nur auf 1,3. Ähnlich ist der Unterschied zwischen häufigen und seltenen Gottesdienstbesuchern.

In christlichen Gemeinschaften gibt es häufiger die Normal-Familienform mit Kindern. Das hängt damit zusammen, dass Christen versuchen, gesunde, tragende Beziehungen zu bauen, sie gehen seltener fremd und erleben eheliche Sexualität daher erfüllter. Sie sind in einem sozialen Netzwerk eingebunden (Gemeinde), das auch ihre Kinder mit umfasst und durch andere Vorbilder christliche Erziehung ermöglicht, die Lebenswerte vermittelt.

Aufpassen müssen christliche Gemeinden, dass sie Menschen, die in alternativen Lebensformen leben, auch bewusst eine Heimat geben. Denn diese sind oft besonders darauf angewiesen.

 

3. Die Deutsche Evangelische Allianz

Hartmut Steeb , Generalsekretär der DEA und ausgewiesener Familienpolitiker hielt kürzlich im Rahmen der Konrad-Adenauer-Stiftung ein Referat zum Thema: „Wie geht es mit der Familienpolitik weiter? Korrekturen sind erforderlich“.

Diese Korrekturen fasst er am Ende seiner Analyse zusammen und macht 8 konkrete Vorschläge:

•  Mutter-Sein als Beruf
Es geht nicht um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sondern um die Anerkennung der Leistung der Mutter in der Familie als Beruf. Es geht von daher auch nicht um einen „Wiedereinstieg in den Beruf“, sondern um den „Umstieg“ vom innerhäuslichen in den außerhäuslichen Beruf. Ein Wandel im Selbstverständnis der Mütter und in der Gesellschaft ist dazu nötig.

•  Mutter-Schutz als Sofortmaßnahme. Ein Mutterschutz von 6 Wochen vor der Entbindung ist grundsätzlich ausreichend, meint Steeb. Er bringt aber dennoch ins Gespräch, Mutterschutz mit der ärztlich festgestellten Schwangerschaft beginnen zu lassen, gerade bei Erstmüttern, um ihnen genügend Zeit für Kurse zur Vorbereitung auf Geburt und Mutterberuf zu geben. (Grundgesetz Art 6(3)).

•  Familienwahlrecht
Die Frauen mit mehreren Kindern haben keine Lobby. Ihr demokratisches Stimmrecht würde aber erhöht, wenn sie bei Wahlen je eine Stimme für jedes Kind abgeben könnten.

•  Abschaffung der Abtreibungsfinanzierung. Wenn ein Mann ein Kind zeugt und es geboren wird, so wird er für viele Jahre zur Unterhaltspflicht heran gezogen. Wenn er sich aber vorher mit dem nötigen Druck auf die Frau zur Wehr setzt, wird das Kind auf Kosten der Allgemeinheit abgetrieben. Dann kann doch wohl nicht sein.

•  Kindergeldzahlung
Steeb plädiert, dass realistische Beträge ermittelt und pro Kind direkt ausbezahlt werden.
Er schlägt 350,-EUR vor und zwar ab der festgestellten Schwangerschaft, da auch schon vor der Geburt Kosten anfallen. Die Beteiligung des Staates sei berechtigt, da später die Allgemeinheit auch Nutzen hat von den hochgezogenen Kindern.

•  Eheförderung
Dem Staat muss aufgrund aller inzwischen bekannten Vorzüge einer stabilen Familie an der Schließung von Ehen als verbindlicher Treuegemeinschaften gelegen sein. Steeb schlägt eine Hochzeitsgabe des Staates von 1000,-€/Person vor. Darüber hinaus könnten auch Ehekurse angeboten werden.

•  Familiengehalt
Wer den Beruf einer Hausfrau und Mutter bzw. eines Hausmannes und Vaters wählt, darf nicht länger im Erwerbsleben sozial und im Alter auch noch materiell benachteiligt sein. Es ist sozial ungerecht, dass die Früchte des Aufziehens von allen beansprucht werden, obwohl sich etliche an den Kosten zum Heranwachsen der neuen Generation gar nicht beteiligen. Deshalb schlägt Steeb vor, der Familie für die ersten beiden Kinder je 600.-EUR und für jedes weitere Kind 300,-EUR zu vergüten. Der 5. Familienbericht der Bundesregierung hat 1994 schon vorgerechnet, dass die Aufzucht eines Kindes bis zum 18. Lebensjahr den gesamten Aufwand von 400 000 DM kostet.

•  Kostenlose Beförderung von Kindern und Jugendlichen in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

 

4. Die AUF-Partei

Die Ende Januar gegründete AUF-Partei – „Partei für Arbeit, Umwelt, Familie. Christen für Deutschland“ – schließt sich in vielen Punkten der Meinung von Steeb an. Für den Fall, dass sie 2009 über die 5%-Hürde käme, würden diese von Steeb entwickelten familienpolitischen Ideen in die Bundespolitik mit eingebracht werden können.

In ihrem Grundsatzprogramm heißt es zum Erziehungsgehalt (Steeb: „Familiengehalt“): „Damit wird die Anerkennung der Erziehungsleistung gefördert und in diesem Zusammenhang erwartet AUF auch die Anerkennung des Berufs „Mutter“ bzw. „Vater“. Der Anspruch auf Erziehungsgehalt ist an eine Ausbildung während der Schwangerschaft und die Teilnahme an kontinuierlichen Schulungen bzw. Fortbildungen gekoppelt, die von freien Trägern angeboten werden“. Ein neuer Gedanke, der viel Diskussion auslösen dürfte, sowohl im Ob als auch im Wie.

Anders als bei Steeb auch die Vorstellungen zur Höhe des Gehaltes und zum Nicht-angekoppelt-Werden an die Zahl der Kinder, sondern „in der Höhe orientiert sich das Erziehungsgehalt am durchschnittlichen Bruttogehalt von Arbeitnehmer/innen. Es unterliegt den Sozialabgaben und den Steuern. So kann während der Erziehungsphase eine Rente aufgebaut werden und der Krankheitsfall ist abgesichert. Diese Politik steht auch für die soziale Absicherung von allein erziehenden Eltern und deren Kinder“.

 

 

 

 

GEBET

 

Leitmotiv in Dank und Fürbitte:

„Denke daran, was der Allmächtige kann,

der dir – Deutschland – mit Liebe begegnet“.

 

Ziel : dass uns wieder Kinder geboren werden

Aufgrund der Analyse ergeben sich 6 Themenbereiche fürs Gebet: Arbeit, Familienstruktur, Glaube, Integration, Politik und Gesellschaft und bestimmte Regionen.

 

1. Arbeit

•  Dank für den stabilen Aufschwung

•  Dank für Vollzeit- und Teilzeit-Arbeitsplätze

•  Segen über deiner Firma

•  Gutes Betriebsklima, kein Mobbing

•  Familienfreundliche Betriebe

•  Lehrstellen

•  Erhalt auch einfacher Arbeitsplätze in Deutschland

•  Perspektivlosigkeit vieler Hauptschülern, besonders der Schulabbrecher.

 

2. Familienstruktur

•  Dank für Gottes gute Ordnungen für Ehe und Familie – und für sein Erbarmen, wo sie nicht gelebt werden konnten.

•  Bitte um die richtigen Partnerschaften

•  Bitte um eine wieder wachsende Zahl von Paaren, die sich trauen, sich trauen zu lassen (Treueversprechen).

•  Angebote von Ehepaarkursen und Eheberatung. Bereitschaft der Männer, mit zu gehen.

•  Neues Bild von der Schönheit und Würde des Mutterseins; Bereitschaft junger Frauen, in neues Leben zu investieren.

•  Neues Empfinden für die jungen Männer von der Würde, Verantwortung für eine Frau und Kinder zu übernehmen.

•  Bitte um Neu-Ordnung des Sexualverhaltens vor und in der Ehe und außerhalb (Reinheit und Treue). Befreiung der Männer vom Porno!

•  Reduzierung der Abtreibungen durch neue kinderfördernde Gesetze.

•  Schutz der 0-3jährigen vor Ent-Mutterung.

•  Umpolung der Werbung (z.B. „Machs mit“) und der Medien auf Darstellung der Werte von Ehe und Treue, vom Familie und Geborgenheit.

 

3. Glaube

•  Ursula von der Leyen sprach sich im März 2006 dafür aus, dass Eltern mit ihren Kindern beten. Solche „Rituale“ seine im Alltag hilfreich und festigen die eigene Identität. „Das christliche Grundvertrauen“, sagte sie, „macht es leichter, ein Kind in die Welt zu setzten“. Dank für solch klare Worte.

•  Glaubenskurse, Evangelisation, Gemeindewachstum ? Erweckung des Volkes

•  Zeugnis in leben und Wort am Arbeitsort; Gebetskreise in Firmen, Behörden, Schulen, Unis ? Transformation der Gesellschaft.

•  Gläubige Christen in Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft, Behörden, Medien.

•  Einheit und Zusammenarbeit der Kirchen und der Christen vor Ort.

•  Neuaufbruch der Freude an Gottes Ordnungen in Ehe und Familie.

 

4. Integration

•  Integration muss früh ansetzen. Das ist einer der Beweggründe, den Krippenbesuch verbindlich zu machen für alle.

•  Schutz der deutschen Gesellschaft vor frustrierten, weil nicht integrierten Jugendlichen (Migranten, Russlanddeutsche, sozial Unterprivilegierte). Hilfestellungen, die greifen.

 

5. Politik und Gesellschaft

•  Abkehr von einer wirtschaftsorientierten zu einer wirklich familienorientierten Bevölkerungspolitik („Paradigmenwechsel“).

•  Bewahrung und Rückkehr von einer staatsorientierten ideologischen zu einer familienbezogenen realistischen Politik.

•  Mentalitätswandel in der Gesellschaft zu den urmenschlichen tragenden Werten von Treue in der Ehe-Partnerschaft, Aufwertung von Mutterschaft und Vaterschaft, Freude an Nachwuchs und Ende aller Ab-Wertungen.

 

6. Regionen

•  Dank für große Gebiete in unserem Land, wo Familien gedeihen.

•  Dank für die Lebenskraft in Hamburg und Berlin und Fürbitte für stabilere Familien.

•  Fürbitte für die Ehen und Familien in den östlichen Bundesländern, besonders Mecklenburg-Vorpommern; Bitte um Arbeitsplätze und Ausbreitung des Evangeliums.

 

 

 

Ortwin Schweitzer

 

Quellen:

Der Fischer Weltalmanach 2007, Zahlen, Daten, Fakten

Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.9.07

Frankfurter Rundschau 12.1.05

Hamburger Abendblatt 21.1.05

Rheinischer Merkur Nr. 27,2004; 2.9.2004

Statistisches Bundesamt, verschiedene Tabellen und Pressekonferenz 28.11.2007 zum Mikrozensus 2006

Stuttgarter Nachrichten 3.5.2005

Stuttgarter Zeitung 27.2.02;19.5.02;12.1.05;17.1.05;21.1.05;9.1.08.

DIE ZEIT 20.1.05;Zeitzeichen 10/2007

Deutschlandradio 6.2.05; Politisches Feuilleton, Ulrich Deupmann, Zukunftsthema Nr. 1 Kinder

Jesus.de 27.9.;10.10.;15.10.;16.10.2007.

smd transparent 2,2007, Mut zur Familie

Hartmut Steeb, Wie geht es mit der Familienpolitik weiter? Korrekturen sind erforderlich. Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Rolf-Alexander Thieke, Vitale Zukunftsfragen für Deutschland.