DIE POLITISCHE SEITE

Juli 2011

 

Europa im Wandel der Zeiten

 

VORBEMERKUNG

Kehret um, kehret um und ihr werdet leben

Diese Nummer der Politischen Seite nimmt mit "Europa" ein immer neu aktuelles Thema auf, denn Europa ist zur Zeit wieder in einem Wandel, in einer Zerreißprobe, von der manche sagen, es sei die größte seit dem 2. Weltkrieg. Äußerlich geht es um die Rettung Griechenlands vor dem Staatsbankrott, dahinter aber steht die Rettung des Euro als gemeinsame Währung von 16 Staaten der Europäischen Union. Zerreißt das Euro-Netz – so die Befürchtung – so ist der wirtschaftliche Schaden unabsehbar (zumal weitere Staatsbankrotte folgen könnten), vor allem aber wäre der Solidaritätsgedanke am Ende, der doch die EU zusammen hält. So formulierte Angela Merkel im Mai 2010 in Aachen bei der Verleihung des Karlspreises an Donald Tusk, den Ministerpräsidenten Polens: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa". Denn das Nachkriegs-Europa lebt seit über 65 Jahren zunehmend von dem einen Gedanken: Wir gehören zusammen.

Der sogenannte Eiserne Vorhang war von daher etwas Künstliches und geschichtlich Vorübergehendes, denn die Geschichte der europäischen Völker war vom Ural bis Gibraltar durch die Jahrtausende hin eine gemeinsame, wechselseitige Geschichte, die ihren Niederschlag und Ausdruck fand und findet in den gemeinsamen Wurzeln der indo-europäischen Sprachen und der gemeinsamen Religion des Christentums, aus dem die europäische Kultur erwuchs. Aus den Quellen der eigenen christlichen Glaubensüberzeugung entwickelte Robert Schuman – damals französischer Außenminister – 1950 den Gedanken einer Gemeinsamkeit der beiden "Erbfeinde" im Herzen Europas, nämlich Frankreichs und Deutschlands, den Gedanken einer wirtschaftlichen Gemeinsamkeit, die aber klar auf dem Willen zur Versöhnung und zum Frieden basierte. Daraus entwickelt sich Stück um Stück die "Europäische Union" der europäischen Staaten, von Vertrag zu Vertrag einander sich fester verbindend in dem Maß, wie gegenseitiges Vertrauen wuchs. Aus der enger werdenden Kooperation erwuchs dann die Idee einer gemeinsamen Währung, die seit ihrer Einführung für beide, die Wirtschaft und die Bürger große Erleichterungen im Zahlungsverkehr brachte.
Warum bröckelt aber zurzeit die europäische Idee? Warum fallen die Bürger Europas mehr und mehr zurück in Desinteresse, in Nationalismen, ja, in offene antieuropäische Ablehnung?

DIE EUROPÄISCHE IDEE WACKELT

Es gibt aktuelle Anlässe dafür, dass die europäische Idee Risse bekommen hat. Es gibt aber auch Gründe, deren Ursprünge schon länger zurückliegen, deren Wirkungen nun aber mehr und mehr zu Tage treten. Ein Blick in die Geschichte hilft.

1. Das Christentum
Vom Mittelalter zur Reformation

Die Reformation ergreift nun den Grundgedanken der Renaissance von der Wichtigkeit des Individuums, unterstellt diesen Einzelmenschen aber total dem Willen Gottes, vereinigt also insofern Neues mit Altem. So steht, als bestes Beispiel, Martin Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser und Reich und Kirche und formuliert, dass sich Papst und Konzile täuschen können (d.h. die mittelalterliche Weltordnung). Und er setzt dagegen das Wort der Schrift – aber in der Weise, wie er es verstanden hat – und schließt mit den Worten: "...mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort; widerrufen mag und will ich nichts, denn gegen das Gewissen zu handeln ist weder sicher noch ungefährlich. Gott helfe mir. Amen." In dem bewussten Gehorsam des Individuums unter Gott konnte die Reformation sowohl das Tor zur Neuzeit aufstoßen und doch dem Glauben verpflichtet bleiben.
Wäre nun die Reformation eine Erweckungsbewegung geworden, in der Einzelne in tiefer, individueller Überzeugung Christus nachfolgen wie Kaspar Schwenckfeld oder die Täufer, so wäre die Reformation ein Sauerteig geworden, der ähnlich dem Christentum der ersten Jahrhunderte die Gesellschaft hätte durchdringen können. Noch 1525 dachte Luther an eine Strukturierung der neuen Bewegung als einer geistlichen Erweckungsbewegung in weitgehend selbständigen Hauskirchen. "Aber ich habe die Leute noch nicht dazu", seufzt er in der Vorrede zur Deutschen Messe.
Die Umstände – Bauernkrieg; die Fürsten; u.a.m. – drängten Luther aber dazu, die Volksbewegung anders, nämlich politisch zu verorten: er machte die jeweiligen Landesfürsten zu "Bischöfen" für ihr Gebiet. Und wurde der Fürst evangelisch, so waren dann automatisch alle seine Untertanen auch evangelisch ("cuius regio, eius religio"). Aus dem geistlichen Aufbruch, der Person für Person ergriff und veränderte, wurde wieder eine "Kirche" wie im Mittelalter, zu der man gehörte durch Taufe und weil man da gerade wohnte.
Zur politischen Entwicklung kam noch der theologische Weg des Luthertums in den nächsten Jahrzehnten, nämlich in die dogmatische Erstarrung der Orthodoxie. Darin liegt ebenfalls eine Rückkehr der Reformation zur Mentalität des Mittelalters. ("Gehöre zur Kirche, dann wirst du selig.")

Von der Reformation zur Aufklärung

Beides, Zuordnung des neuen Glaubens zu politischen Machtzentren und orthodoxer Dogmatismus mit den entsprechenden Feindbildern spitzten die Situation nach Luthers Tod 1546 zusehends zu. Die Reformation war zur Bedrohung für Europa geworden: Den katholischen Südeuropäern und Frankreich standen die protestantischen deutschen Fürsten, die Skandinavier und das anglikanische England gegenüber.
Der Konflikt entlud sich im 30jährigen Krieg (1618-1648), der sich vor allem auf deutschem Boden, d.h. im Ursprungsland der Reformation abspielte. Ein zerstörtes und verwüstetes Land wie eine missbrauchte Frau blieb zurück.

Aus diesem Elend erwuchsen – neben der Fortsetzung der Orthodoxie – im Rückgriff auf die Renaissance und die Reformation des 16. Jahrhunderts zwei neue Bewegungen im 17. Jahrhundert. Beide zogen in ihrer Weise die Konsequenzen aus dem Geschehenen.
Die eine Bewegung war der Pietismus. Der Pietismus stellt den Einzelnen vor Gott und leitet diesen an zu einem bewussten Glaubensleben durch Bekehrung und Heiligung. Dazuhin greift der Pietismus auf die ursprüngliche Kirchenform Luthers in Hausgruppen zurück.
Alle seitherigen geistlichen Aufbrüche folgen immer diesem lutherisch-pietistischen Erbe: der Herausforderung des Einzelnen zum Glauben, heraus aus einer allgemeinen katholischen oder orthodoxen Kirchlichkeit, sowie die Beheimatung in einer konkreten Hausgemeinschaft. Beide Elemente entsprechen dem biblischen Vorbild der Urgemeinde.

Die andere Bewegung nach dem 30jährigen Krieg war die Aufklärung. Sie betonte auch den Einzelnen, das Individuum, aber ohne Gott. Nach 150 Jahren, in denen die Reformation die Renaissance zurückgedrängt hatte, brach sie nun nach dem katastrophalen Scheitern der Religiosität ungestüm hervor als das, was sie vom Ansatz her schon immer war: eine neue Religion, die nicht Gott, sondern den Menschen zum Mittelpunkt hat und dies ganz bewusst. "Religion", das ist für die Aufklärung die selbstgewählte Gefangenschaft des menschlichen Geistes, von der er sich bewusst verabschieden muss. Die Aufklärung hat den Menschen von Gott abgelöst: damit beginnt der "Säkularismus", die Betrachtung der Welt ohne einen Gott darüber oder dahinter. Für das Zusammenleben der Individuen wird als oberstes gesellschaftliches Prinzip jetzt die Toleranz etabliert, die seitdem zur obersten gesellschaftlichen Norm wurde.

Dies ist bis heute seit 300 Jahren so geblieben. Von einer zunächst philosophischen Bewegung ist der Säkularismus heute zur Weltanschauung der Masse geworden.
Das Problem, das damit für Europa entsteht, ist, dass der Säkularismus in sich nur eine Abwehrbewegung gegen Religion, also im Kern nur eine Negation ist. Er kann sagen, wogegen er ist, aber er hat – trotz mancher Versuche – nicht dieselbe positive prägende Kraft wie der Glaube. Der Säkularismus hat zwar weite Teile der abendländischen Gesellschaft erfasst. Aber genau das ist das Problem: die Freiheit des Einzelnen und die Toleranz im Zusammenleben sind bestimmt hohe Güter, Grundwerte Europa. Aber es fehlt Europa eben seit der Aufklärung die große geistige Klammer einer gemeinsamen Überzeugung und damit ein Dach für das gemeinsame europäische Haus, unter dem man Geborgenheit und Gemeinschaft erfahren könnte, ganz zu schweigen von einer Sendung in die Welt, für die man leben und sterben könnte.

Europa heute

Europa bröckelt, denn Europa ist dabei, seine tiefste Berufung, den christlichen Glauben zu verlieren. Die tiefsten Fundamente wanken. Christentum ist nicht mehr gesellschaftlicher Konsens. Wohl gibt es in allen europäischen Ländern noch die etablierten Institutionen der Kirchen: die griechisch- bzw. russisch-orthodoxe, die römisch-katholische und die evangelisch-lutherische. Und ein großer Teil der europäischen Bevölkerung gehört auch noch einer dieser Institutionen an.
Aber der durchschnittliche Gottesdienstbesuch im Vergleich zur Gesamtzahl der Kirchenmitglieder oder gar zur Gesamtbevölkerung zeigt, wie marginal Kirche und Glaube für den Durchschnittseuropäer ist. Biblisches Grundwissen, christliche Bräuche, Gebete und Lieder etc. sind dabei rapide verloren zu gehen. Dem entspricht der Verlust christlicher Maßstäbe im Alltag.
Damit noch nicht genug. Zwei ethische Tsunamis rissen vollends das Wenige an christlich-bürgerlicher Überzeugung noch hinweg.
Einen entscheidenden Schlag versetzte der spät-abendländischen Kultur zum einen die Revolution der 68ger, die von einer grundsätzlichen Infragestellung aller bisherigen Werte ausging und deren negative Auswirkungen bis heute spürbar sind.
Eine zweite Welle der Umkehrung aller bisherigen Werte bahnt sich in diesen Jahren an durch "Gender Mainstreaming", wo sich Schwulenbewegung und Feminismus zu einer alle Bereiche durchdringenden Umwertung (Per-Version) der bisherigen Werte der Schöpfungsordnung im Verhältnis von Mann und Frau vereinigt haben. Protest dagegen wurde rechtzeitig durch ein "Antidiskriminierungsgesetz" ausgeschaltet.

2. Der Islam

Der Islam sickerte in den letzten drei Jahrzehnten unmerklich in die europäischen Gesellschaften ein und stellt heute eine nicht mehr zu übersehende Realität in fast allen diesen Ländern dar.
Oft schon in der 3. Generation im Land haben viele Moslems europäische Pässe. Aber sind sie deshalb Europäer? Wie fühlen sie sich? Und wie werden sie behandelt?
Haben sie die Grund-Gesetze und Regeln Europas wahrgenommen und übernommen: angefangen von den christlichen Feiertagen, der Stellung der Frauen, der Freiheit zum Wechsel der Religion bis hin zur Trennung von Religion und Staat?
Die Frage, ob es je einen diesen Grundsätzen Europas angepassten Islam geben wird oder nicht, ist noch völlig offen. Sicher ist, dass in manchen türkischen und arabischen Amtsstuben eher über eine islamische Eroberung Europas nachgedacht wird als umgekehrt.
Auf jeden Fall baut der Islam bis heute nicht an der Einheit Europas mit.

3. Die Europäische Union

So paradox es klingt: das politische Instrument der Europäischen Union, das die Völker Europas vereinigt und in vieler Beziehung gestärkt und voran gebracht hat, ist dabei, sich selber im Weg zu stehen und ein Zusammenwachsen der Europäer zu verhindern.

Es ist – mindestens in Deutschland – per Umfrage nachgewiesen, dass die Griechenlandkrise die Haltung der Deutschen zur EU dramatisch verschlechtert hat.
Auf die Frage: "Wieviel Vertrauen haben Sie in die EU?" antworteten im
März 2010 37% großes und 51% wenig
Mai 2010 26% großes und 63% wenig
Januar2011 25% großes und 67% wenig

Auf die Frage: "Wenn jemand sagt: "Europa ist unsere Zukunft", stimmt das?" antworteten im
April 2005 62% ja 19% nein
April 2010 53% ja 19% nein
Januar 2011 41% ja 34% nein

Der Umgang mit der Eurokrise, die Hektik, die Uneinigkeit zwischen Merkel und Sarkozy, die Hauptlast auf Deutschland – das alles untergräbt das restliche Vertrauen in die EU. Was wiederum die Bundesregierung bei weiteren Hilfen unter starken innenpolitischen Druck setzt.

4. Die Populisten

Im Angesicht des stärker werdenden Islam, der zunehmenden Zahl von Migranten, der sich unendlich ausdehnenden Finanzhilfen an Südeuropa und Irland, der Rettung von Banken mit Milliarden und Kürzungen im Sozialetat etc., im Angesicht all dessen haben sich in vielen europäischen Ländern Rechtspopulisten zu Wort gemeldet und haben mit ihren Parteien Sitze in ihren Parlamenten erobert. Dies bedeutet in aller Regel eine Ablehnung Europas, der EU und auch des Euro. Das Anwachsen dieser Parteien zeigt die gegenwärtige Proteststimmung vieler Wähler in Europa.

Im Parlament sitzen diese Parteien inzwischen in Schweden, Finnland, (Norwegen), Litauen, Lettland, Belgien, Österreich, Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Griechenland. Mit in der Regierung sitzen sie in Italien (und der Schweiz). In Dänemark und Holland steht die Regierung unter ihrer Duldung.

ES GIBT KEINE ALTERNATIVE ZUM VEREINIGTEN EUROPA

Auch wenn – wie jetzt ausführlich dargestellt – der Vereinigungsenthusiasmus einer Ernüchterung gewichen ist und die Kosten der Vereinigung schonungslos zu Tage treten;
auch wenn die staatliche Form dieses sich einigenden Europas trotz Lissabon Vertrag nach wie vor im Werden ist;
auch wenn die geistige Klammer des Christentums um Europa schwächer geworden ist (siehe: der Verzicht auf den Gottesbezug in der Präambel der "Verfassung");
so ist doch die IDEE Robert Schumans von einem Europa, das durch enge ökonomische Zusammenarbeit der Völker einen dauerhaften Frieden erzielt, alternativlos und bleibend richtig.

Wer jetzt über die Milliarden klagt, die (voraussichtlich) unwiederbringlich in Griechenland versenkt werden, der soll sich alternativ einmal die Kosten des 2. Weltkriegs vor Augen halten und was dieser die Länder Europas gekostet hat, ganz zu schweigen von den Millionen Toten, den Millionen Vertriebenen und den Kosten des Wiederaufbaus Europas. Seitdem die Furie des Krieges nicht mehr das Volksvermögen verschlingt, sind wir die Generation, die wieder erben darf, was ihre Eltern und Großeltern erarbeitet haben. Allen Gesellschaften Europas geht es heute wirtschaftlich besser als je zuvor, allen voran den Deutschen!

Wirtschaftlich

Die Zusammenarbeit der europäischen Staaten – besonders die zwischen Frankreich und Deutschland – hat Europa gesicherten Frieden und Wohlstand beschert.
Exemplarisch sichtbar wurde der Wert des Europäischen Zusammenschlusses 2008/09 in der Kooperation der Staaten zur gemeinsamen Bewältigung der weltweiten Finanzkrise. Dies war der große Unterschied zu 1929. Und der Erfolg war sichtbar.
Auch die Einführung einer gemeinsamen Währung muss als ein weiterer historischer Schritt in der Gestaltung eines gemeinsamen "Europäischen Hauses" gewertet werden. Das Problem der Währungsunion ist ja nicht der Euro, sondern die vernachlässigten Kontrollmechanismen!

Politisch

Wir gehören zusammen, wir Europäer. Politisch schauen Afrikaner und Asiaten nach Europa als einem Modell, da sie selbst noch weit entfernt sind von dem Maß an Vertrauen, Einordnung und Zusammenarbeit, das bei uns in der Form der Europäischen Union stattfindet.
Es bleibt auch in Zukunft in der EU grundsätzlich eine Spannung bestehen zwischen den Nationalstaaten und der Brüsseler Zentrale. Insofern definiert der Lissaboner Vertrag die Aufgabe der Gemeinschaft als unterstützend ("subsidiär") in Bezug auf die Kompetenzen der Nationalstaaten. Das Subsidiaritätsprinzip besagt, dass die Europäische Union Gesetze nur in den Bereichen erlassen darf, die nicht besser auf regionaler oder nationaler Ebene geregelt werden können.
Aber wofür gilt das noch? Am deutlichsten im Bereich von Kultur und Religion. Fast alle anderen Bereiche staatlichen Handelns aber erkannten mehr und mehr, dass ein gemeinsames Handeln von der Sache her effektiver und für die Bürger von Vorteil ist: ob Energiefragen, ob Kriminalitätsbekämpfung, ob Verbraucherschutz oder Klimafragen – immer mehr Gebiete wurden in das gemeinsame Handeln eingebracht. Das jüngste Beispiel, das zur Diskussion steht, ist nun die Frage einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung oder nicht.

Kulturell

Wir gehören als Europäer zusammen, aber nicht nur politisch und nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Dies tritt am klarsten hervor, wenn wir Europa als Kulturkreis vergleichen mit anderen großen Kulturkreisen etwa mit Afrika, China, Indien oder dem moslemischen Mittleren Osten und Nordafrika. In solchem Vergleich wird unmittelbar deutlich, wie wir Europäer gemeinsame ethische Grundvorstellungen haben – egal wie "christlich" der einzelne ist – die aus dem Christentum stammen.
Von daher versteht sich die Union heute nicht mehr allein als eine Wirtschaftsunion, sondern vor allem als eine Wertegemeinschaft. Diese Werte sind festgehalten in der "Charta der Grundrechte der Union". Sie begründet diese Werte wie Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Solidarität "in dem Bewusstsein des geistig-religiösen und sittlichen Erbes der Union", womit die gemeinsame Geschichte der Völker Europas angesprochen wird.

SCHLUSSGEDANKEN

Europa ist nicht die Geburtsstätte, wohl aber die Wiege des Christentums. Der Mann von Troas, der Paulus (Apg 16,9) bat, nach Europa herüber zu kommen "und hilf uns", ist die Stimme Europas, die von Gott erhört wurde. Da ist ein Sehnen nach Gott in der Tiefe der Seele Europas, das Gott wohlgefällt und das er bis heute gerne erhört, wann und wo immer Er es hört.
Die eigentliche, die tiefste Berufung Europas ist der Glaube an den dreieinigen Gott, an den Gott der Bibel, an den Gott der Hebräer.
Der Mann der Paulus rief, sprach griechisch. Er kannte die Götter der Griechen und war doch unbefriedet. Darum rief er: "Hilf uns!" Und es heißt dann (V.10) "Wir waren gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu bringen". Es ist eine direkte Berufung Gottes, dass das Evangelium in Europa laut gepredigt und verbreitet wird.
Neben dem Mann steht die Frau, die erste Europäerin, Lydia, die sagt: "Kommt in mein Haus und bleibt." Wie der Mann, so steht auch diese Frau für Europa: sie lädt die Boten, sie lädt das Evangelium von Jesus ein, im Haus Europa zu bleiben. Und ab da hat die Berufung Gottes im Haus Europa Bleiberecht.

Jedoch gab und gibt es noch andere Mächte in Europa am Werk, die alsbald zurückschlagen:
- V 16 ff der spiritistische Geist der Wahrsagerei
- V 21 der Stolz der Römer, der Oberschicht
- 17,32 die Arroganz der Gebildeten, der Griechen

Die Auseinandersetzung setzt sich mit diesen drei Machtzentren fort bis heute und dies bedeutet Leiden für die Boten. Das Gefängnis ist auch "Haus Europa", der Ort der Unterdrückten und Verzweifelten, der Unterschicht. Aber am dunkelsten Ort in der Mitte der Nacht proklamieren sie den Sieg Jesu über dieses Europa. Und Gott antwortet mit einer Erschütterung dieses Hauses, wodurch spontan Glaube entsteht mitten im Gefängnis.

GEBET

  1. "Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen." (Rm 11,29) Auch wenn diese Verse auf Israel gemünzt sind, so ist es doch hilfreich, die Verse 28-36 einmal auch auf Europa hin zu lesen und glaubend zu beten.
  2. Wie lernt Paulus auf seiner 2. Missionsreise die Europäer kennen? Welchen Situationen, die typisch sind für Europa, begegnet er in Apg 16-18? Ein guter Anlass, für diese Situationen einmal zu beten, wie und wo sie sich heute darstellen. Wie ist Paulus mit diesen Situationen umgegangen?
  3. Wo ruft uns der Herr zu stellvertretender Buße? Für die Verzerrung der Reformation – für die Verknöcherung des Glaubens in "reine Lehre" – für das Gemetzel des 30jähigen Krieges im Namen des Glaubens – für die Reaktion der Entstehung des aggressiven Un-Glaubens in der Zeit der Aufklärung (18. Jh) aus Enttäuschung (Voltaire: "Ecrazez l' infâme", "rottet sie aus, die Niederträchtige", gemeint ist die Kirche) – Segnungen empfangen von den Vätern und Müttern der Erweckungsbewegung aus vielen Ländern Europas – Ruf nach dem Heiligen Geist über Europa, denn nur er kann eine endzeitliche Erweckung geben (Joel 3,1+2), sodass Glaube noch einmal zur Klammer, zum Fundament für Europa wird. Formuliert den Herzensschrei Europas nach Gott, nach dem lebendigen Gott (Betet Psalm 42 über Europa!).
  4. Lasst uns Gott danken für "die europäische Idee", für die Zusammenarbeit der Völker, den unbefragten, sicheren Frieden, für die transnationalen Freundschaften und Ehen, für die Verschiedenheit der Völker und ihre besondere Begabungen, für das Reisen-Können und die praktische einheitliche Währung etc.
    Lasst uns die neun Völker um uns herum namentlich segnen.
  5. Betet für alle christlichen Erzieherinnen, Lehrer u.a. pädagogische Berufe um Weisheit, wie sie den vorgeschriebenen Stoff "Gender Mainstreaming" so vermitteln können, dass trotzdem Gottes Berufung für Mann und Frau eindeutig erkennbar bleibt und ohne Verachtung für Andersartiges.
  6. Beten wir darum, dass der Islam, der nicht historisch, wohl aber soziologisch heute zu Europa gehört, eine mit unserer Kultur vereinbare Lebensform findet (Integration) und dass viele Muslime lebendige Christen kennen und durch sie Jesus lieben lernen.
  7. Was will uns Gott, der Herr über Europa, mit der immer schwierigeren Eurokrise sagen? Lasst uns für die Menschen in den betroffenen Staaten: Irland, Portugal, Spanien, Griechenland beten, besonders für die Jugend, die arbeitslos und perspektivlos trotz guter Ausbildung jetzt demonstriert. (Unter 25jährige sind in Portugal 27%, in Spanien 44% arbeitslos!). Betet, dass kein Hass bei den Deutschen auf die Griechen und bei den Griechen auf die Deutschen entsteht.
  8. Lasst uns beten für "Brüssel", für die Verantwortlichen in den Institutionen, für ein Denken für das Ganze von Europa ohne zentralistische Übertreibungen.
    Im Parlament gibt es ein regelmäßiges Gebetsfrühstück mit Abgeordneten aus verschiedenen Parteien. Der Polnische Parlamentspräsident Buzek ist lebendiger Christ. Ebenso ist der Präsident des Europäischen Rates, Herman van Rompuy, ein betender katholischer Christ.

Ortwin Schweitzer

Quellen:
F.A.Z. 2011: 26. Januar; 4. Februar; 23. Mai
DER SPIEGEL 17/2011 (25.4.); 23/2011 (6.6.)