DIE POLITISCHE SEITE

Januar/Februar 2011

 

Steht der Protestantismus in Deutschland vor einer Spaltung?
Das neue Pfarrdienstgesetz der EKD und seine Folgen

 

Am 10. November 2010 – am Namenstag ihres Reformators Martin Luther – hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einstimmig das neue Pfarrdienstgesetz (PfDG) beschlossen. Es eröffnet die Möglichkeit, dass schwule und lesbische Geistliche künftig auch offiziell zusammen im Pfarrhaus wohnen können.
Dies hat bei vielen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, gipfelnd in einem Wort des Widerspruchs von 8 Landesbischöfen im Ruhestand, das in "Christ & Welt" als Beilage zur DIE ZEIT veröffentlicht wurde. Dem wurde in der nächsten Ausgabe der ZEIT von 8 Professoren widersprochen, sowie von einem Theologen in einem Hauptartikel.
Diese Voten machen deutlich, wie generell akzeptiert die Homosexualität in der Kirche bereits ist und wie in 17 der 22 Landeskirchen homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern erlaubt und geduldet werden. An dieser Stelle versucht die EKD durch das neue PfDG eine Vereinheitlichung, die aber jede der selbständigen Landeskirchen für sich übernehmen kann oder nicht.

INFORMATION

Kehret um, kehret um und ihr werdet leben

Missstände im Volk Gottes waren der Auslöser für das Auftreten der sogenannten "Schriftpropheten" in Israel. Das, was sie zu ihrem Auftritt bewegte, waren nicht die Aussichten auf Erfolg für ihre Botschaft, sondern allein deren göttliche Dringlichkeit, deren Ursprung. Veränderung des tagespolitischen Kalküls oder der gesellschaftlichen Trends blieben ihnen – bis auf Elia auf dem Karmel (1.Kön. 18) oder Jona in Ninive (Jona 3,5-10) – versagt. Dennoch verbargen sie nicht "das Wort des Herrn" in ihren Herzen aus Resignation ("ist doch alles zu spät") oder aus Furcht vor den Folgen.
Ihr Umfeld aber war nicht heidnisch, sondern synkretistisch. Ihre Adressaten waren nicht die Völker, sondern das Volk Gottes. Das Problem war nicht die Abschaffung des Jahwe-Kultes, sondern seine Vermischung und sein Durchsetzt-sein mit dem "Zeit-Geist", den allgegenwärtigen Baals- und Aschera-Kulten, was die Leute für tragbar, die Propheten aber für unerträglich hielten. Sie fragten: "Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten?" (1. Kön. 18,21). Das Volk aber schwieg.

So ging es immer wieder und so geht es auch heute. Man hört in den EKD-Kirchen doch nicht auf, Gottesdienste "im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" abzuhalten. Man hört auch nicht auf, Bibeltexte zu predigen und das Credo zu sprechen. Das hat alles zusammen 1996 in der EKD noch zu der Erkenntnis geführt, dass Homosexualität "nicht in einer positiven Beziehung zum Willen Gottes steht – im Gegenteil" (Mit Spannung leben, S. 21). Und warum wird das heute anders gesehen? Hat sich die Bibel verändert? Wohl kaum. Hat sich das Evangelium von der Liebe Gottes verändert? 1996 galt die Liebe Gottes den Homosexuellen und Lesben schon genau so wie heute. Was aber hat sich denn in den 15 Jahren verändert? Antwort: Der gesellschaftliche Druck.

Der gesellschaftliche Druck und seine Wirkung

Eine Landeskirche nach der anderen knickte ein, die lutherischen Nordelbier wie die reformierten Rheinländer, sogar die frommen Württemberger, die einen offen, die anderen "untergesetzlich", bis 17 der 22 Gliedkirchen in der Homosexualität keinen Hinderungsgrund mehr für eine Anstellung und eine Verwendung im pfarramtlichen Gemeindedienst sahen. Das jetzige EKD-Gesetz ist nur der Abschluss einer schleichenden Erosion.
Noch schlimmer aber war eine tiefere, darunter liegende, theologisch gravierende Entwicklung, die nie bewusst gemacht wurde: Hatten die einzelnen Kirchenleitungen auf einzelne Coming-Outs der Betroffenen auf Grund ihrer Fürsorgeplicht zunächst "seelsorgerlich" reagiert, so verschob sich mit deren Zunahme und Vernormalisierung der Homosexualität in der Gesellschaft und den politisch geschickt platzierten Antidiskriminierungsrichtlinien und dem vor dem Bundesverfassungsgericht durchgesetzten Lebenspartnerschaftsgesetz in der Kirche allmählich der Fokus von der Seelsorge Homosexueller zur "Ent-sündigung" der Homosexualität. Aus dem Angebot für Betroffene wurde eine theologische Fragestellung, eine Infragestellung der bisher feststehenden Relevanz biblischer Texte zum Thema Homosexualität.
Aus berechtigter Pastoraltheologie wurde eine exegetische Purzelbaumtheologie. Unmerklich hatte die "Betroffenheitslyrik" das Fundament der Kirche aufgeweicht, nämlich das WORT der Bibel als die Norm der Kirche, wie sie in jeder Amtsverpflichtung niedergelegt ist.

Als der Zeitgeist des Nationalismus damals auch in die Kirche eindrang und sich der Großteil der Kirche als "Deutsche Christen" unter Reichsbischof Müller versammelte, da formierte sich ein Pfarrer-Notbund und eine "Bekennende Kirche", aus der heraus Karl Barth im Mai 1934 die Barmer Thesen wider den Zeitgeist formulierte. Sie beginnen mit den heute wieder aktuellen Worten: "Wir bekennen uns angesichts der die Kirche verwüstenden und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengenden Irrtümer ... zu folgenden evangelischen Wahrheiten: ...Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfte die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen oder politischen Überzeugung überlassen." (aus der 3. These).

Ist es wirklich so schwer, im Spiegel der Worte dieser Bekenntnisschrift unsere heutige Gefährdung zu erkennen? Und zu vermeiden?

Wir haben als protestierende Protestanten den Mut, mit Barmen zu bekennen: "Wir verwerfen die falsche Lehre weg von der Schrift".
"Kehret um, kehret um und ihr werdet leben"!

Hier aber hatte leider im jetzigen EKD-Beschluss der Zeitgeist gesiegt. Nun ging es natürlich um eine "theologische" Begründung dieses Wandels.

Theologische Begründungsversuche und deren scheitern

Wie üblich in solchen Fällen wird die Zeitbedingtheit der biblischen Texte bemüht: die Damaligen hätten treue Homosexualität gar nicht gekannt, nur freien Sex, sonst wären sie sicher nicht so scharf dagegen gewesen und hätten das womöglich "wie wir heute" als alternative Eheform bejaht. Theologisch heißt so was "Eis-egese" d.h. Eintragen heutiger Wunschvorstellungen in biblische Texte. Ex-egetisch bleibt klar: es geht den biblischen Autoren, z.B. Paulus, um den Nachweis, wie die Verleugnung des Schöpfers gradlinig zur Perversion der Schöpfungsordnung führt. Die Frage, ob treu oder nicht, spielt für Paulus in seiner Beurteilung der Homosexualität in Römer 1 nicht die geringste Rolle!
Und auch die Argumentation, die gegen den alttestamentlichen Text angeführt wird, ist unhaltbar. In 3. Mose 18,22 heißt es: "Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel." Dagegen wird zur Entkräftung angeführt, dies sei ein "kultischer" Text und vor allem: wir würden ja heute als Gläubige des Neuen Bundes auch andere Gebote des mosaischen Gesetzes nicht mehr halten: Vielehe wie die Erzväter, Sklavenhaltung, gegen die Paulus ja nicht vorgegangen sei oder Redeverbot für Frauen (So der Systemiker Prof. Dr. Peter Dabrock, Erlangen).
Antwort (1): Das Kapitel 18 des Leviticusbuches ist eine Sammlung verbindlicher Gesetze für den Sexualbereich. Sie enthält das Verbot des Inzest (V. 6 ff), des Ehebruchs (V. 20), der Sodomie (V. 23), der Kinderprostitution (V 21). Soll nun eine Infragestellung der Verbindlichkeit von V. 18 über die Homosexualität eine Infragestellung auch der übrigen Sexualgebote sein? Sicher nicht und braucht auch gar nicht diskutiert zu werden. Dies ist also wieder eine willkürliche Eisegese. Die Frage der Treue spielt hier keine Rolle, da es um den Akt an sich geht, der in einer Reihe gesehen wird mit den anderen Perversionen.
Antwort (2): Wo ist denn im Alten Testament die Polygamie von Gott so wie die Homosexualität verboten worden? Nirgends! Wie kann man dann Polygamie mit dem Verbotekatalog von 3. Mose 18 vergleichen wollen?! Kann man auch Äpfel mit Birnen vergleichen?
Wo im Alten oder Neuen Testament hat Gott Sklaverei so klar verboten wie die Homosexualität? Nirgends! Was in beiden Testamenten aber gegeben wird, ist ein Gotteswille zum richtigen Umgang miteinander, gipfelnd im Gedanken der Bruderschaft durch Christus, (Philemonbrief V 12.16), in dem schlussendlich die Sklaverei auch abgeschafft wurde. Wie kann man daher das Nicht-Verbot der Sklaverei mit dem klaren Verbot der Homosexualität in 3. Mose 18 vergleichen?!

Das einzige Verbot in der Reihe von Peter Dabrock ist das Redeverbot für Frauen in der Gemeinde in 1. Kor. 14,33.36. Aber dieses Verbot ist zum einen singulär in der ganzen Schrift, im Gegensatz zum wiederholten Verbot der Homosexualität im Alten wie im Neuen Testament. (3. Mose 18,22; 20,13; Römer 1,27; 1. Kor. 6,9). Zum anderen sind diese Verse in einem Kapitel, wo es um einen Gottesdienst ging, der zwischen Zungenrednern und Propheten dabei war in Unordnung zu geraten, ein Einschub, d.h. hier lag für Paulus ein weiterer Grund für den chaotischen Gottesdienst der Korinther. Das Redeverbot bezieht sich eindeutig auf Korinth – nirgends sonst wird es auf eine andere Gemeinde übertragen – und dort speziell auf einen chaotischen Gottesdienst, den offensichtlich Frauen stark aufmischten. Ein allgemeindes Verbot ist daraus nach meiner Erkenntnis nicht ableitbar. Und daher stimmt auch hier eine Parallelisierung zum allgemeinen Verbot von Homosexualität nicht.

Von der Exegese zur Seelsorge

Aus einer theologisch falschen Einordnung der Homosexualität kommt natürlich auch eine entsprechende Seelsorge an den Betroffenen.
So z.B. der bayrische Landesbischof Friedrich:
Welche Bibel, welche Theologie, welche Ekklesiologie (Auffassung von Kirche) hat Bischof Friedrich eigentlich, wenn er für seine bayrische Landeskirche meint, dass homosexuelle Pfarrer in ihr fröhlich und friedlich ihre Homosexualität ausleben können sollen. Aus seiner Infragestellung des Apostels Paulus ("nicht mehr zeitgemäß") erwächst als Seelsorgekonzept einzig das Coming-Out und das Hineinfallen in die ausgebreiteten Arme von Mutter Kirche. Hätte er Paulus richtig verstanden und was Gott der Kirche durch diesen Basis-Apostel mit auf den Weg geben wollte, so hätte er seines Pfarr-Bruders große Spannung zwischen Glauben und sexueller Orientierung tief verstanden und hätte dann mit ihm einen Weg in eine Identität gesucht, in der Frieden ist. Hat die Kirche denn nicht mehr an Seelsorge zu bieten als jede säkulare Schwulengruppe? Das Coming-Out?

Zwischenbilanz

Das Schlimmste ist nicht, dass schwule Paare mit Billigung der Kirche eventuell im Pfarrhaus zusammen wohnen dürfen;
das Schlimmste ist auch nicht, dass die Kirche offiziell den Begriff "Familie" mit "familiärem Zusammenleben" ersetzt und ausgerechnet sie damit die Türe öffnet für eine Änderung von Artikel 6 des Grundgesetzes ("Ehe und Familie");
das Schlimmste ist auch noch nicht, dass die Kirche dem gesellschaftlichen Druck nachgegeben und dem Zeitgeist Tür und Fenster geöffnet hat,
das Schlimmste ist vielmehr, dass offizielle Lehrer der Kirche (Bischöfe und Professoren) behaupten, dies alles entspreche der Heiligen Schrift und dem Willen Gottes.
Dies ist Lästerung des lebendigen Gottes! Dies wird Konsequenzen für die Kirche haben, wie so etwas immer Konsequenzen hatte. Gott lässt seiner nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er ernten.

Hätten die kirchlichen Leiter wie damals beim ยง 218 gesagt: "Ja, es ist eindeutig Schuld, aber wir stimmen zu, um die Hinterhofabtreibungen und Auslandsreisen zur Abtreibung zu unterbinden", dann hätte man noch eine Ehrfurcht vor Gottes Gebot gespürt.
Aber hier wird das eindeutige Verbot von Homosexualität selbstherrlich mit der eisegetischen Hypothese von der Treue unterlaufen. Was ist denn bezogen auf die Abtreibung am 5. Gebot: "Du sollst nicht töten" klarer als am 6. Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen"? Denn Homosexualität ist in sich als Akt ein Ehebrechen, da Ehe in der Bibel nie anders als heterosexuell verstanden wird. Ja, es wird dieser Form des Ehebruchs an anderer Stelle sogar noch verschärfend hinzugefügt, dass sie "dem Herrn ein Gräuel ist" (3. Mose 18,22).
Meinen diese Theologen allen Ernstes, dass Gott mit dem 6. Gebot nur "Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung" sagen wollte? Nein! Sondern so wie bei den anderen Geboten, so nimmt auch das 6. Gebot ein ganzes soziales Umfeld in den Blick: die Familie, die geordnete Erzeugung von Nachkommen und deren geordnete Erziehung in einer intakten Vater-Mutter-Beziehung etc. Woher nehmen die Eisegeten denn das Recht, die Lebensform der Treue in der Ehe flugs zu abstrahieren und von den Trägern der Treue auf andere Paare menschlicher Beziehungen zu übertragen? Und dies dann zu einer alternativen Form von "Ehe" zu erklären, die dann natürlich dieselbe Rechtsverbindlichkeit erfordert, wie die Ehe von Mann und Frau. Womit die Kirche dem doch rein politisch motivierten Willen der Schwulenbewegung nach Gleichstellung der Lebenspartnerschaft mit der Ehe von Mann und Frau die "höheren Weihen" eines göttlichen Segens verleiht.
In wessen Autorität segnet die Kirche eigentlich, wenn sie segnet, was Gott ein Ärgernis ist? Oder steht die Kirche über Gott, dass er gezwungen wird zu segnen, was sie will. Dies ist nicht der Gott der Bibel, der Himmel und Erde erschuf, sondern der Gott, den sich die Religionsdiener selber erschufen – ein manipulierbarer Gott, ein religiöses Kultobjekt, ein Götze.

Darüber hinaus löst die Kirche nicht nur ihr eigenes Fundament – die Bibel als normativen Grund der Kirche auf – sondern zugleich segnet sie auch den Angriff der Schwulenbewegung auf Artikel 6 des Grundgesetzes vom besonderen Schutz von Ehe und Familie durch den Staat, ein Vorgang, der letztlich den Fortbestand unserer Gesellschaft untergräbt.
Mit ihrem Neubegriff vom "familiären Zusammenleben" und der damit verbundenen Neuinterpretation von Ehe und Familie, machen sich die Evangelischen Kirchen in Deutschland zum Helfer bestimmter politischer Parteien, die den Artikel 6 im bisherigen Sinn begraben wollen. Klar hat dies Katrin Göring-Eckhardt formuliert, die in Personalunion Politikerin der Grünen und Präses der EKD-Synode ist, wenn sie zu Beginn der Sitzung aufruft: "Machen wir es den anderen vor". "Die anderen", das sind die politischen Parteien. Kirche also als Vorhut der politischen Totengräber von Artikel 6?
"Kehret um, kehret um und ihr werdet leben."

Exkurs zur Rechtsverbindlichkeit

In einer Kommunität/einem Orden versprechen sich auch "mindestens zwei Menschen eine auf Dauer geschlossene Einstandsgemeinschaft in Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitiger Verantwortung". Und doch sagen wir dazu nicht "Ehe", denn dieses "familiäre Zusammenleben" ist nicht "rechtsverbindlich" geschlossen, sondern beruht auf einem einfachen, verlässlichen "Ja".

Es gibt Paare von Freundinnen, die lebenslang in gegenseitiger Verantwortung zusammen wohnen bis der Tod sie scheidet – und wo keiner auf den Gedanken kommen würde, sie seien Lesben. Auch hier Verlässlichkeit ohne Rechtsverbindlichkeit.

Warum fordert die Kirche Rechtsverbindlichkeit vor dem Standesamt? Mit der Forderung der Rechtsverbindlichkeit möchte die Kirche die Beziehung der beiden Personen stabilisieren. Das ist begrüßenswert. Damit zwingt sie aber das Freundinnenpaar in eine "Ehe". Und die beinhaltet immer auch im eigenen und Fremdverständnis Sexualität.
Würde sie darauf verzichten und nur die "3V" verlangen, würde sie dem Paar den kommunitären Freiraum von Nähe und Distanz von Freunden lassen. Außerdem würde die Kirche die Schrift nicht verdrehen müssen und sich vor Gott nicht schuldig machen.
Es ist mir bewusst, dass es sich bei den von mir angeführten Beispielen primär um Personen mit heterosexueller Orientierung handelt. Es sind mir aber auch homosexuell orientierte Personen bekannt, die sich aus ihrer Glaubensüberzeugung heraus zu einem freiwillig zölibatären Leben entschlossen haben, was nicht hindert, dass sie mit Anderen ihres Geschlechts enge freundschaftliche Beziehungen pflegen. Ein solches Freundespaar – ob Mann oder Frau – würde durch eine geforderte Rechtsverbindlichkeit in höchstem Maß in ihrer zölibatären Einstellung angefochten. Summa: Die geforderte Rechtsverbindlichkeit verengt den emotionalen Spielraum einer Beziehung von zwei oder mehr Freunden, ob hetero- oder homosexuell.

Das Wort der acht Landesbischöfe

Es wäre lohnend, an dieser Stelle das Wort der acht Landesbischöfe an die Synodalen aller Gliedkirchen vorzustellen; und ebenso die kurzen Stellungnahmen von 8 Theologieprofessoren verschiedener Kirchen, erschienen in DIE ZEIT Nr. 4,2011, S 54, sowie dem ausführlichen Gegenartikel des Münchner Theologen F.W. Graf in Christ und Welt 4,2011 als Beilage in derselben Nummer der ZEIT.
Und natürlich wäre es reizvoll in einer Art virtueller Podiumsdiskussion eine Antwort auf die Antworten zu formulieren.
Aber dies würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Und außerdem gibt es ja auch professorale Befürworter des Bischofswortes, die in berufenerer Weise als ich darauf zu antworten wüssten.

HINTERGRÜNDE

Ein zuinnerst geistlicher Kampf

Paulus schreibt 2. Kor. 10,3-5: "Denn obwohl wir im Fleisch leben, kämpfen wir doch nicht auf fleischliche Weise. Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus."
Die ganze Auseinandersetzung um die Einordnung der Homosexualität und die dabei entwickelte Meinungsdominanz einer Minderheit über die Mehrheit, die tabuisiert, Angst macht und sogar dermaßen bedroht, dass Polizeischutz für Andersdenkende nötig ist (siehe Marburg, siehe Bremen), ist eigentlich nur begreiflich mit der Interpretation des Apostels: Es handelt sich hier um einen Geisteskampf, wo Mächte aufeinander prallen. Erkennbar sind sie in "Gedanken", die wie Festungen dem "Gehorsam gegen Christus" widerstehen. Von daher ist ein geistliches Instrumentarium gegen diese Festung anzusetzen. Dies sind Gebet, Fasten, stellvertretende Buße, Proklamation der Wahrheit Gottes u.a. (s.u. unter GEBET)
Diese spirituelle Einordnung bedürfte für manche Leser noch eines längeren Diskurses über das moderne Weltbild.

Das Schriftverständnis

Evangelische Universitätstheologie ist geprägt vom 1. Proseminar an durch den Gebrauch der sogenannten "historisch-kritischen Methode". Diese Methode geht die biblischen Texte als historische Dokumente an und analysiert sie als solche. Der religiöse Aspekt "Wort Gottes" bleibt gegenüber dem "Wort von Menschen" zunächst unbeachtet. Das Ergebnis ist eine historische Bewertung, wobei die Bedeutung für heute unter den heute geltenden Fragestellungen bewertet wird.
Gilt z.B. das positivistische Weltbild, in dem Wunder keinen Platz haben, gilt die leibliche Auferstehung Jesu eben als "Mythos" und die Auferstehung wird als eine "Auferstehung im Glauben der Jünger" gedeutet.
Ist gerade der Nationalsozialismus "in", so wird eben das Alte Testament als jüdisch gestrichen.
Ist der Feminismus en vogue, so wird die Bibel, weil ein "patriarchalisches Dokument", kurz mal umgeschrieben in eine "Bibel in gerechter Sprache."

Die Bereitschaft evangelischer Theologen, sich dem Wortlaut der Schrift als einem Reden Gottes an die Gemeinde aller Zeiten zu öffnen und unterzuordnen, ist auf Grund ihrer Ausbildung gering und wächst erst allmählich wieder nach im Laufe der 40 Jahre Gemeindearbeit. Die Bereitschaft Evangelischer Theologie, neue Zeitströmungen zu Interpretamenten biblischer Aussagen zu machen, ist hochaffin, denn sie verspricht den Ehrentitel der "Progressivität". Und da es, anders als in der katholischen Kirche, kein Lehramt gibt, hat jeder Professor an der Universität die Chance, 30 Jahre eine ganze Generation von Pfarrern mit seiner "modernsten Theologie" zu prägen und die wiederum ihre Gemeinde für die nächsten 30 Jahre.
Das wackelige und uneinheitliche evangelische Lehrfundament ist der Hintergrund für die Schutzlosigkeit der Evangelischen Kirchen gegenüber den Attacken jedweden Zeitgeistes. Wiederum abzulesen hier an der Beurteilung der Homosexualität.
Die Nicht-Verankerung in der Bibel als einem normativen Wort Gottes und der krankhafte Hang zu jeder Art von Progressivität lässt die protestantische Kirche in der Gesellschaft im Gegensatz zu der oft ärgerlich querständigen katholischen Kirche als "angepasst" erscheinen, was sie für das Volk, die Medien und die Politik eher unbedeutend erscheinen lässt. Sie ist darin, nach dem Wort Jesu, zum "dummen Salz" geworden, über das die Leute unbeeindruckt zur Tagesordnung über-gehen.
Hätte sich die EKD schon in den 90ger Jahren gegenüber der Schwulenlobby und den europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien und dem Lebenspartnerschaftsgesetz öffentlich auf die Hinterbeine gestellt, so wäre sie bemerkt, bekämpft und geachtet worden und hätte heute in der Debatte eine Stellung.
Jetzt werden von ihr stattdessen die Altbischöfe als "die alten Herren" belächelt und sie geziehen, nur "Bibelzitate aneinander zu reihen" (Manfred Kock). Sie, die sie mit großem Ernst die einzige Autorität der Evangelischen Kirche als der "Kirche des Wortes" festhalten wollen, werden mit unerträglicher Arroganz belächelt von den "Progressiven". Es fallen einem die Worte des "Altlandesapostels" Paulus an seinen jüngeren Schüler Timotheus ein (2. Tim. 4,3-5): "Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Lüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln ("mythoi") zukehren. Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, richte dein Amt redlich aus."
Wahrhaftig ein Wort als Licht auf unserem Weg! (Ps 119,105)

Die 3 Säulen des Urchristentums

Die frühe Kirche der ersten Jahrhunderte bemerkte in den Kämpfen um die rechte Lehre mehr und mehr, dass es drei Dinge sind – sie nannten sie "Säulen" nach damaliger Bauweise – auf denen der Bau der Kirche ruht. Das sind:
1. Der Kanon der Heiligen Schriften, die sie unter der Leitung des Heiligen Geistes zusammenstellten. Ihr Kriterium war, dass die Schrift von einem Apostel (oder Apostelschüler) verfasst sein sollte. Dieser Kanon sollte für die Kirche verbindlich sein.
2. Das Credo, das Glaubensbekenntnis, das auf den Punkt bringt, was die Christen glauben.
3. Der Bischof, der Episkopus, der Leiter, der die Gemeinde überblickt und beaufsichtigt.
Die katholische Kirche hat sich bis heute relativ eng an diese 3 Säulen gehalten. Das evangelische Profil stellte durch Luther in der Refomrationszeit scharfkantig Nr. 1 heraus (Wormser Reichstag!), bezog sich mit der katholischen Kirche (2) weiterhin auf das Apostolicum und Nicaenum und lehnte nur inzwischen dazugekommene Lehrinhalte ab, sofern sie biblisch nicht nachvollziehbar waren. Den "Bischof" in Rom stellte Luther in Frage. Ihn ersetzten spätere Generationen einerseits mit Martin Luther und den Bekenntnisschriften nach innen der Lehre nach (evangelisches Lehramt) und andererseits nach außen in der Organisationsstruktur mit dem "Pfarrherrn" bzw. dem Landesfürsten als Oberhaupt der Regionalkirche ("cuius regio, eius religio"), was sich bis heute fortsetzt im Festhalten an autarken Landeskirchen, von denen jede als "evangelisch" vertreten kann, was sie will.
Im vorliegenden Fall der Auseinandersetzung um die Homosexualität zeigt sich aber (blitzartig) in alarmierender Weise, wo die Evangelische Kirche heute steht bzw. nicht steht in Bezug auf die 3 Säulen:

Soll man austreten?

Jeder, der diesen Artikel soweit gelesen hat und Mitglied einer Evangelischen Landeskirche ist, wird sich unwillkürlich diese Frage stellen. Und das ist gut so.
Bisher war es so, dass wer ging, sich entscheiden musste. Heute ist es so, dass auch der, der bleibt, sich entscheiden muss. Denn die geistlichen Gründe, der Evangelischen Kirche den Rücken zu kehren, haben in den vergangenen 20 Jahren zugenommen. Ernsthafte Christen erwägen diesen Schritt nicht wegen der Zunahme an Kirchensteuern, sondern wegen der Zunahme an Irrtümern. Auch wenn Irrtümer zunächst nur am Rand der Kirche erscheinen, irgendwann sind sie "die kirchliche Linie". Die Bewertung der Homosexualität ist ein erneutes Beispiel dafür in der Zeit zwischen 1996 und heute.
Die EKD hat bei ihrem November-Beschluss bestimmt nicht mit Reaktionen dieses Ausmaßes gerechnet. Aber immer ist es ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, zumal wenn kirchliche Amtsträger wie Bischöfe und Präses sich in provokativer Weise noch dazu äußern – wie geschehen. Wenn ein Bischof meint, er könne die ganze Aufregung nicht verstehen und wie man deswegen aus der Kirche austreten wolle – dann muss er schon sehr weit in seiner Kirche von der Gemeinschaft derer entfernt sein, "die mit Ernst Christen sein wollen (Luther)", indem sie persönlich und in ihren Kreisen am Wortlaut der Schrift festhalten und sich davon prägen lassen wollen.
Es ist Zeit, dass sich mündige Christen zu Wort melden, dass sie ihre Meinung der Kirchenleitung mitteilen, dass sie deutlich machen, dass diese Kirche ihre Heimat war und dass sie tief enttäuscht sind und warum. Und das auch in den Landeskirchen, die schwule Pfarrhäuser schon längst erlaubt haben!

Viele überlegen sich, ob sie gehen sollen, manche sind schon gegangen. Und es sind die Treuesten, die sich mit großen Schmerzen jetzt aus dieser Kirche losreißen – um des Wortes Gottes und seiner Bedeutung für die Kirche willen.
Aber wohin?
Die Evangelische Kirche ist nicht der ganze "Leib Christi": der ist zum Glück größer als die Evangelische Kirche. Niemand wird das bestreiten. Insofern tritt keiner, der aus der Kirche austritt, aus der "Gemeinschaft der Heiligen" aus. Aus dem "Leib Christi" kann man nicht austreten, da kann man nur absterben. Aus einer Institution "Kirche" aber kann man austreten, denn man kann ja auch eintreten. Aber wo ist die Gemeinschaft der Glieder am Leib Christi, wenn ich die Landeskirche verlasse?
Diese Frage kann nur jeder für sich beantworten. Nur eins ist sicher: die reine Gemeinde gibt es nicht und auch die Freikirchen und neuen Gemeinden haben ihre Schwierigkeiten, die man aber erst nach einiger Zeit merkt. Und dann? Zieh ich dann weiter und werde ein geistlicher Nomade?
Oder wechsle ich in die katholische Kirche, wie z.B. Christa Meves?
Und noch eins ist sicher: Es braucht evtl. lange, bis ich anwachse an einer neuen Stelle. Für Jüngere ist ein Wechsel leichter und eventuell sogar belebend. Aber je länger meine Geschichte mit "meiner" Kirche war, desto mehr schmerzt der Austritt und desto langsamer wachse ich woanders an. Und lange gehen das Gefühl der Heimatlosigkeit und der Schmerz mit einem. Aber eben deshalb ist es nötig zu wissen, warum ich das tue, wenn ich das tue und dass ich das Zeugnis des Heiligen Geistes in mir habe, dass ich gehen darf und soll, wie Abraham "in ein Land, das ICH dir zeigen will".

Wie gesagt: Heute muss sich auch der Bleibende vor Gott zum Bleiben entschließen. Und das ist auch gut so. Denn wer in dieser Kirche bleibt, muss bereit sein, für sie einzutreten, für sie zu kämpfen, sich zu engagieren als Mitarbeiter Jesu im Gehege dieser Kirche. Das beginnt am Thron Gottes mit Fürbitte, mit Fürbuße und mit Segnen. Denen, die bleiben, ist ein tiefer priesterlicher Dienst aufgetragen, möglichst nicht nur allein.
Wer vom Gebet her kommt, macht nicht in Aktionismus, aber er will was tun für Jesus. Das geschieht zumeist in einer örtlichen Gemeinde; bei mir war es darüber hinaus noch ein Verantwortung-Übernehmen für die Kirche in größeren Zusammenhängen. Wichtig dabei ist: Wir erhalten nicht den jetzigen Zustand, wir wollen Veränderung, Verbesserung sehen, wir wollen mehr von Jesus in unserem Bereich sehen. Mein Motto war immer: "Alles, was im Neuen Testament der Gemeinde von Gott verheißen wurde, möchte ich auch in meiner Kirche bzw. Gemeinde sehen. Darum bleibe ich und darum ringe ich".
Die Evangelische Kirche ist kein Wohlfühlsalon, die Evangelische Landeskirche ist eine Baustelle. Und so lange sie mich lassen, baue ich weiter. Und wenn Gegner eines Tages sagen: "Dann geh doch endlich, du bist nicht Teil dieser Kirche" (Brief der Badener Theologen/Schwulen), so antworte ich ihnen freundlich: "Das Unkraut wird erst am Ende der Zeit vom Weizen geschieden – und ich hoffe, durch Gottes Gnade, beim Weizen zu sein. Bis dahin müsst ihr mich in dieser pluralistischen Kirche eben aushalten. Ich muss ja auch euch aushalten. Und übrigens: Jesus liebt uns alle beide".

GEBET

Ortwin Schweitzer

Quellen:
Christ und Welt Nr. 3; Nr. 4, 2011
DIE ZEIT Nr. 4 vom 20.1.2011
idea spektrum Nr. 46 vom 17.11.2010 und weitere
Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg 5/2011
Markus Hoffmann, "Homo-Ehe?!" "Nein zum Ja-Wort", Oktober 2000
Initiativkreis: Evangelisches Kirchenprofil
www. medrum.de (verschiedene Aufsätze)
Manfred Kock, Homosexualität ist nicht bibelwidrig
Brief der acht Bischöfe zur Homosexualität in der Evangelischen Kirche
Prospekt von "Bündnis Kirche und Homosexualität".

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