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Mai 2009

 

Die Berufung Europas

 

Persönliche Vorbemerkung

Viel ist in den letzten Jahren über die Berufung von Völkern diskutiert worden. Hat nur Israel eine Berufung von Gott? Oder auch die Völker? Was lässt sich zu dieser Frage in der Bibel finden? Da steht doch nichts von Deutschland, Frankreich oder Polen. Spricht die Bibel nur von Israel? Nein, auch die Völker, jedes einzelne ist Gottes Geschöpf, das er liebt und für einen bestimmten Zweck geschaffen hat.
Aber noch weiter gefragt: Haben Kontinente bzw. Kulturkreise eine Berufung für das Ganze der Menschheit, eine Berufung, die sie spezifisch unterscheidet von anderen? Ich meine: ja! Man vergleiche doch nur die Kultur Afrikas oder Indiens im Vergleich zu Europa.
Wer über die Berufung Europas nachdenken, kann dies am besten im Vergleich mit anderen Kulturkreisen tun, weil man als Mensch Eigens immer für "normal" und für alle gültig hält, bis man sich im Kontrast zu anderen erlebt und so plötzlich sich als sehr speziell erkennt, in je seinen Gaben und Grenzen.
Was ist das Spezifikum Europas? Oder geistlich gefragt: Was ist die Aufgabe, die Berufung Gottes für unseren Kontinent?
Aber - was ist denn "Europa"?
Ist dieses geographische Anhängsel von Asien überhaupt ein "Kontinent"? Kon-tinent (lat.) heißt wörtlich, dass hier etwas zusammengehalten wird; etwas, das offenbar zusammengehört nach einer immanenten Ordnung. Ist diese erkennbar?

1. Europa - Mythos oder Geschichte

1.1. Der Mythos
Nach der griechischen Mythologie ist Europa keine Göttin, sondern eine junge phönizische Frau, die Tochter des Agenor und seiner Gemahlin Telephassa. Eines Tages erscheint der jungen Frau ein schöner Stier. Der entführt sie auf seinem Rücken nach Kreta. Dort stand er plötzlich als schöner junger Mann vor ihr. Aus ihrer Verbindung ging Minos hervor, der König von Kreta wurde. Unter der Supervision seines Vaters Zeus entwickelte Minos die berühmten Minoischen Gesetze. Wegen seiner großen Gerechtigkeit wurde er nach seinem Tod mit seinem Bruder zusammen Richter in der Unterwelt.

Mythen sind wie Märchen Symbolerzählungen. So wie es aussieht, behandelt diese mythologische Erzählung keinen Naturvorgang, sondern eine frühgeschichtliche "Erinnerung".
Der Name Europa als Bezeichnung bei den Griechen für ein geographisches Gebiet "wird zunächst auf Mittelgriechenland angewendet, dann auf die Gebiete im Norden des Mittelmeeres zwischen den Säulen des Herakles im Westen (Portugal) und dem Don im Osten" (RGG, Bd. 2, Sp. 734/5).

1.2. Die Sprache
"Europa" d.h. das Gebiet nördlich des Mittelmeeres von Gibraltar bis zum Don - geographisch klar definiert als eine Einheit. Was aber eint die Völker und Rassen dieses Gebietes? Denn ethnisch betrachtet ist Europa ein verwirrend bunter Flickenteppich vieler Ethnien: Im Südosten die Griechen, im Süden die romanischen Völker, die Kelten in Frankreich, in der Mitte, im Norden und (später) in Großbritannien die germanischen Völker, von Polen ostwärts bis zum Don die slawischen Völker und dazwischen noch viele kleinere Völker. Und doch gehören sie alle zu derselben einen Sprachfamilie: dem Indo-Germanischen. Bis ca. 2000 v. Chr. lebten diese Völkerschaften alle in dem Gebiet von Europa. Ausgelöst durch eindringende asiatische Kriegervölker begann eine 1. große, die sogenannte "indo-germanische Völkerwanderung". Die Hethiter bewegten sich nach Süden ins Gebiet des heutigen Israel, die Galater nach Kleinasien, wo sie Paulus später missionierte. Die Meder und Perser ins Gebiet des heutigen Iran und weiße indo-germanische Stämme erreichten zum Schluss sogar den Indus. Da sie vom Indus bis zu den Germanen reicht, nennt man diese Sprachfamilie "indo-germanisch". Sie unterscheidet sich erkennbar von den innerasiatischen Sprachen wie z.B. dem Finnischen oder dem Ungarischen (eingewanderte Völker) und von den semitischen Sprachen des Vorderen Orients oder den Bantusprachen Schwarzafrikas.
Am deutlichsten erkennbar ist diese sprachliche Geschwisterschaft an der Bezeichnung von Familienmitgliedern - Vater und Mutter - zu denen ein Urvertrauen besteht und an den Zahlwörtern 1-10, die für den Handel wichtig waren.
1. Beispiel: Mutter
Mutter (dt), mother (engl.), mothir (altnordisch) mater (lat. Und die romanischen Sprachen), meter (griech.), mati, matere (altslawisch), matár (altindisch), mathir (altirisch), motyna (litauisch).
2. Beispiel: neun (9)
neun (dt),nine (engl.), ni (dänisch), nio (schwedisch), novem (lat.), neuf (franz.), ennea (griech.), nende (albanisch),nava (altindisch), inn (armenisch), nao (bretonisch), devini (lettisch)(d statt n).
Betrachtet man die Sprachfamilien, so stellt man fest, dass eine semitische Sprache z.B. ganz andere Denkformen hat. Die europäische Sprachen, besonders das Lateinische und Griechische sind stark von der Logik her geprägt. Darum ist biblisches Denken für uns Europäer auch immer wieder neu zu lernen.

1.3. Die Geschichte
Es gibt ernsthafte Christen, die sich sehr an der Entführung (Vergewaltigung?) der jungen Phönizierin durch Zeus als der Erstaussage stoßen, die wir über den Namen unseres Kontinents "Europa" haben. Sie befürchten, dass diese Erzählung eines bösen Anfangs ein Fluch für alles Weitere in Europa sein könnte und würden von daher diesen Namen am liebsten mit einem neuen biblischen Namen ersetzen.
Sind wir wirklich von Mythen abhängig, wenn wir über Europa nachdenken wollen?
Die Bibel lehrt uns, uns nicht nach den Mythen der Heiden zu richten. So schreibt Paulus an seinen geistlichen Sohn Timotheus: "Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden… sondern werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln (Mythen) zukehren" (2. Tim. 4,3.4).

Wenn ich vor den Mythen der Heiden Angst habe, dann messe ich ihnen Realität zu. Die aber haben sie nicht. Es sind Erfindungen von Menschen, Erzählungen, die im Symbol durchaus eine richtige Erkenntnis enthalten können. Aber sie sind ohne Realität, da sie zeitlos sind. Wer aber festen Boden unter die Füße bekommen will, der wende sich von den nie datierbaren, zeitlosen Mythen und "Fabeln" zu der real geschehenden Geschichte und versuche dort im Jetzt und Hier Gottes Handeln zu erkennen.
Die zentrale Lehre der Schrift ist, dass Gott einen Plan für die Welt hat, den er Schritt um Schritt durchführt. Die Umsetzung der Pläne Gottes vollzieht sich als "Geschichte". Geschichte ist der Ort der Offenbarung Gottes in der Welt. Nicht der einzige, aber ein mächtiger.

Hierher gehört folglich die Frage: "Herr, wie siehst DU Europa? Was ist Deine Berufung für diesen Kontinent? Und wo müssen wir umkehren, um zu Deinen Absichten mit Europa zurückzukehren?"

2. Europa und das Christentum

Zwar wurde und wird Europa das "Christliche Abendland" genannt, aber dennoch - Europa war nicht die Wiege des christlichen Glaubens. Die stand in Israel, denn nach Gottes Willen kommt das Heil von den Juden. Dort ist der Heiland der Welt erschienen, von dort breitete sich diese Botschaft aus: von Jerusalem über Samaria und Antiochien bis Kleinasien. Und dort geschah dann das Merkwürdige: In der Nacht steht im Traum ein Mann auf der anderen Seite der Meerenge der Dardanellen, winkt und ruft: "Komm herüber und hilf uns!" Als Paulus erwacht, weiß er: Gott will, dass ich das Evangelium nach Europa trage.
Europa musste sich danach ausstrecken, musste um Hilfe bitten von außen. Wie wir in Apg. 17,18.32 lesen, waren die Athener sehr gebildet und darauf sehr stolz. Sie betrachteten das Christentum, das Paulus entfaltete, als kulturellen Zeitvertreib, ordneten das Gesagte anderen philosophischen Aussagen zu und waren so gefeit dagegen, sich existenziell betreffen zu lassen. Ihre intellektuelle Toleranz war unendlich und erlaubte ihnen zum Schluss noch einen kleinen süffisanten Spott (V.32).
Der Stolz der Europäer ist ungeheuer und hindert sie bis heute (a) direkte Jesus-Verkündigung anzunehmen und (b) sich vorbehaltlos hinzugeben. Der intellektuelle Zweifel und der bewusste kritische, philosophische Abstand verhindern ständig die Unmittelbarkeit einer Gotteserfahrung.
Aber genau dahin führt uns Gott heute wieder: dass wir unseren Stolz überwinden, an das Meerufer treten und über das Meer rufen nach Afrika, nach Korea, nach Brasilien: "Kommt herüber und helft uns!" Wir brauchen Euren einfachen Glauben. Denn all diese Völker nicht kennen den Knick der Aufklärung in ihrem Glaubensleben.
Aber Gott ist uns vorlaufend schon entgegen gekommen: Er hat hunderte von ausländischen Gemeinden unter uns wachsen lassen. Sie sind schon übers Meer gekommen. Wir müssen sie nur noch bei uns reden lassen. Nicht nur als Exoten ein Mal beim jährlichen Missionsfest, sondern als echte, uns begleitende Herausforderung zum einfachen und vollmächtigen Glauben, Beten und Tun.

3. Europas Berufung

These: Es ist die Berufung des europäischen Kontinents, Dinge zu erfinden, zu entwickeln und zu vervollkommnen und diese dann in die ganze Welt zu exportieren.
Begründung: Es gibt ältere Hochkulturen als die europäische z.B. China, Japan, Indien oder die Inkas, die Azteken in Südamerika. Aber von keiner dieser Kulturen ist bekannt, dass von ihnen Kultur oder Wissen, Religion oder Philosophie bewusst und systematisch exportiert worden wäre.
Da dies das Wesen der Europäer ist, haben sie die Welt erobert, kolonisiert und geprägt. Nordamerika und Australien sind dabei nur eine Erweiterung dieser europäischen Kultur-Mentalität.

3.1. Das Christentum rezipieren
Angewandt auf den christlichen Glauben heißt das, dass Europa auch "dieses Ding" genommen, verfeinert, entwickelt und zum Schluss in die ganze Welt exportiert hat. Dies war ein beinah 2000jähriger Prozess.
Dieser Prozess begann mit Paulus um das Jahr 50. Weitere Christen trugen die neue Lehre nach Rom und darüber hinaus, wo sich dann Gemeinden bildeten. Von christlichen Soldaten im römischen Heer wissen wir, die bis Germanien gelangten.
Mitten aus dem Zerfall des Römischen Imperiums, das eine politische Klammer um weite Teile Europas von Britannien bis zur Donaumündung, von Portugal (Hispania) bis zum Germanischen Limes bildete, erwuchs das Christentum und breitete sich in den kommenden Jahrhunderten aus - weit über die Grenzen des ehemaligen Imperium Romanum. So wurde das Christentum zu einer neuen, einer geistlichen Klammer für Europa, über alle politischen und ethnischen Grenzen hinweg. 380 n. Chr. wurde das Christentum Staatsreligion im Imperium.
Die Germanen werden missioniert zwischen 250 und 1000. Der erste Germanen-Missionar war Bischof Wulfilas (311-383), der von Byzanz ausgehend Donau aufwärts eine planvolle Mission unter den germanischen Stämmen begann, von seinen Westgoten aus bis zu den Baiovaren. Ein andere großer Apostel war Patrick, ein Brite keltischer Herkunft, der bei den Römern (?) den Glauben kennen lernte und 432 nach Irland kam, wo sich durch ihn eine eigene, unhierarchische Kirche um die Klöster bildete. Von dort zogen um und nach 600 wandernde Mönche als Missionare auf das Festland und gründeten dort bedeutende Klöster (Columban, Gallus, Emmerich). Schon vorher war 498 der König der Franken, Chlodwig, zum römischen Glauben durch Taufe übergetreten, damit waren gleichzeitig alle Franken christianisiert. Im 8. Jahrhundert missionierte der irische Mönch Winfrieth unter den Hessen und erhielt nach seiner Bischofsweihe in Rom den Namen Bonifatius (675-754). Er starb als Märtyrer bei einem Missionseinsatz in Friesland. Um 1000 ist die Christianisierung der Germanen durch den Übertritt Islands zum neuen Glauben äußerlich abgeschlossen.
Ein paar Jahrhunderte später vollzog sich dann auch die Missionierung der Slawen und der Balten. Slawenapostel sind Cyrill und Methodius, die 863 von Byzanz aus zu den Mähren starten. Cyrill gibt den Slawen eine eigene Schrift, die Bibel und eine eigene Liturgie. Da auch die römische Kirche Ostmission betreibt, kam es im Grenzgebiet zu Streitigkeiten, die sich verschärften, bis es 1054 zur Trennung in die Ost- und Westkirche kam, die bis heute andauert.
So war das Christentum bis zur Jahrtausendwende in alle Teile Europas gewandert, es war zur geistigen gemeinsamen Grundlage aller Völker des Kontinents geworden. Dies war geschehen durch alle "Menschlichkeit" hindurch wie Machtgier, Intrigen und Kriege, aber auch durch viel lichte, gelebte "Geistlichkeit" hindurch von vollmächtigen Boten, voll Hingabe an Gott bis in den Tod. Europa war zum "Christlichen Abendland" geworden, erbaut auf dem Fundament vieler apostolischer und prophetischer Gestalten.

3.2. Das Christentum kultivieren
Nach der Phase der Rezeption begann nun nach der Jahrtausendwende die zweite Phase der geistigen Durchdringung des neuen Glaubens, was aber gleichzeitig eine Durchdringung Europas, seiner Geschichte und seiner Kultur bis in die letzten Verästelungen mit dem christlichen Gedankengut bedeutete.
Zu denken ist dabei an die hochdifferenzierten Gedankengebäude der Scholastik von Anselm von Canterbury (†1109) bis Thomas von Aquin (†1274). Zu denken ist aber auch an die Durchdringung des christlichen Glaubens durch die tiefen Erfahrungen Gottes bei den Mystikern von Bernhard von Clairvaux (†1153) und Hildegard von Bingen (†1173) über Meister Eckhart (†1327) bis hin zu Thomas von Kempen (†1471). Beide Bewegungen wurden getragen von Gott hingegebenen Männern und Frauen, die ein Leben der Ehelosigkeit, Besitzlosigkeit und des Gehorsams um Jesu willen führten. Es sind die Mönche und Nonnen des Mittelalters, die die eigentlichen Träger der geistigen Durchdringung des christlichen Glaubens waren.
Die umgekehrte Bewegung, die Durchdringung des Alltags der Menschen, die allmähliche Prägung ihres Denkens und Handelns d.h. die Gestaltung der europäischen Kultur, geschah langsam und war ein langer Prozess der Auseinandersetzung mit den heidnischen Vor-Kulturen. Dieser Prozess der In-Kulturation des Christentums war vor allem die Aufgabe der Kirche und ihrer Priester, die das Volk unterrichteten und lehrten.

Worin ist die europäische Kultur eine christliche Kultur?

3.3. Das Christentum exportieren
Anders als die Eroberungsfeldzüge des Islam im 7. und 8. Jahrhundert, die der Ausbreitung des Islam dienten (djihad), waren die Kreuzzüge des 11. und 12. Jahrhunderts keine Unternehmung zur Ausbreitung des Christentums. Es ging religiös um den Schutz der heiligen Stätten im Heiligen Land.
Auch die Eroberungsfeldzüge der spanischen Conquistadores in Mittel- und Südamerika galten dem Gold und nicht zuerst der Ausbreitung des Glaubens, auch wenn in ihrem Gefolge Jesuiten kamen, die die Indianer versuchten zu christianisieren.
Und auch die Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus, Indiens durch Vasco da Gama oder die 1. Weltumsegelung durch Magellhan waren dem Handel und nicht der Mission geschuldet. Und doch waren sie Ausdruck des expansiven Geistes der Europäer der forschen muss und eine Voraussetzung für die Vision einer "Heidenmission".
Zunächst beschränkte sich die Mission auf die Kolonien. Der erste, der über die Grenzen der Kolonien in ganz neues Land vordrang war der Jesuit Franz Xavier (†1552), dem es gelang in Japan eine zunächst aufblühende Gemeinde aufzubauen, die aber bald verfolgt und erstickt wurde (1638). Ihm folgten Brüder nach China und Vorderindien. Dabei wurde früh die Inkulturation des christlichen Glaubens in die andere Kultur als Problem erlebt, dem die Kurie 1622 mit der "Congregation de Propaganda finde" antwortete.
1598 wurde die ev. niederländisch-indische Kolonialmission in Indonesien gegründet. In Nordamerika gründete John Eliot um 1700 zwei Gesellschaften für die Mission unter den Indianern. 1706 wurde Bartholomäus Ziegenbalg von der dänisch-halleschen Mission aus nach Indien gesandt. 1732 trat die Brüdergemeinde unter Zinzendorf in die Missionsarbeit ein. Methodisten und Baptisten nehmen Ende des 18. Jahrhunderts die Missionsarbeit von England aus auf. In Deutschland kommt es in rascher Folge zur Gründung von vielen Missionsgesellschaften: die Basler (1815), die Berliner (1824), die Rheinische (1828), die Norddeutsche, Leipziger und Goßnersche (1836), die Hermannsburger (1849) und noch andere. Dasselbe in anderen Ländern. Man hatte die große Aufgabe erkannt und angenommen.

Nachhaltiger als die christliche Mission wirkte sich auf die Völker der Welt allerdings der Export europäischer Kultur aus, der durch die Eroberung und Kolonisierung vom "Rest der Welt" geschah. Durch Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch wurden in die Kolonien europäisch-westliche Kultur und Standards eingeführt in Verwaltung, Handel, Dienstleistung und vor allem durch die Sprache, die es den kolonisierten Völkern möglich machte, über ihr Land hinaus Menschen zu begegnen. Schulen wurden gebaut, eine Krankenversorgung eingerichtet, verbunden mit der Anleitung zur Hygiene und zu verbesserter Landwirtschaft.
Heute ist technisches Know-how der Exportartikel Nr. 1 der europäischen Industrienationen.

3.4. Ergebnis

4. Die Sünde Europas (in Stichworten)

Die Sünde Europas besteht in der Per-Version, der Um-kehrung seiner größten von Gott gegebenen Gabe: dem Denken, dem Verstand, der Vernunft. Diese Fähigkeit begründet die Berufung Europas: zu erfinden, zu verfeinern und dann zu exportieren.
Die Abkehr von Gott pervertierte das Denken zu einer Waffe gegen Gott.
Dies geschah im 18. Jahrhundert durch die sogenannte Aufklärung. Der Glaube an einen Gott wurde gestrichen, die Nächstenliebe als Maß wollte man aber behalten.
Der ausgewogene, reife, der "klassische" Mensch wurde zum Maß für das richtige Verhalten.
Die Entwicklung Europas ist dieselbe wie die eines Baumes, den man von der Kraftzufuhr seiner Wurzeln trennt: die Blätter vertrocknen und eine Frucht ist nicht mehr zu erwarten, d.h. die christlichen Werte lassen sich ohne christlichen Glauben nicht durchhalten.
So entstehen Ersatzreligionen Ideologien, sogenannte "-ismen", d.h. ein Aspekt des Lebens wird hervorgehoben und vergottet: Idealismus, Humanismus, Kommunismus, Nationalismus, Darwinismus, Materialismus.

Gott hat sie dahingegeben - in einen grenzenlosen Machbarkeitswahn:

5. Das Erbarmen Gottes (in Stichworten)

Wiewohl wir und unsere Väter es nicht verdienen, hat sich Gott über diesen Kontinent immer wieder erbarmt.
Er hat durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder geistliche Aufbrüche und Erweckungen geschenkt, in denen die Quellen des Evangeliums neu aufbrachen und Glauben an Jesus wieder echt hervortrat. Meist wurden diese Christen als Ketzer bezeichnet, verfolgt und umgebracht. Aber dennoch brach immer wieder das Feuer aus.

5.1. Die geistlichen Aufbrüche
Die Bewegung der Reformklöster ausgehend von Cluny und Gorze im 10./11. Jahrhundert; Bernard von Clairvaux (†1153) und die Zisterzienser; Franz von Assisi (†1226) und die Franziskaner mit ihrem Armutsideal.
Dann die Vorläufer der Reformation waren John Wiclif (1328-1384) und Johannes Hus (1369-1415, verbrannt).
In Lyon brach durch Petrus Waldus seit 1176 eine neue, klar bibelbezogene Spiritualität auf, die sich als Waldenser-Bewegung in Mitteleuropa ausbreitete trotz schwerer Verfolgungen.
Dann die Reformation Luthers ab 1517, der zu Paulus zurückführte. Diese Reformation veränderte Europa kirchlich und politisch bis hin zur Spätfolge des 30jährigen Krieges.
Es folgten die verschiedenen Aufbrüche des Pietismus und Anfang des 18. Jahrhunderts die Bewegung des Grafen Zinzendorf (die "Herrenhuter"/Moravians).
In allen Teilen Europas kam es mal hier, mal dort zu Aufbrüchen: die Hugenotten in Frankreich, die Brüderbewegung in Böhmen, John und Charles Wesley in England, Ende 19. Jahrhundert dann Erweckung in Wales und in Norwegen.
Ein besonderer neuer und wirksamer Aufbruch der Kraft des heiligen Geistes war/ist die Charismatische Bewegung quer durch alle Konfessionen in ganz Europa. Durch sie kam neues Leben in die alten Kirchen und neue Gemeinden neben ihnen.
Von nicht zu überschätzender Bedeutung für die katholische Kirche war das II. Vatikanische Konzil, zu dem Papst Johannes XXIII. am 11.10.1962 zusammenrief.
Leider ließ sich die offizielle Kirche von diesen Aufbrüchen mist nicht berühren, ja bekämpfte sie in nicht wenigen Fällen. Etliche der Aufbrüche aber wurden trotz Widerständen relevant für ihr Land z.T. für ganz Europa.

5.2. Das politische Zusammenwachsen
Das Ende des 2. Weltkrieges 1945 bedeutete auch eine Wende für Europa. Man erkannte, dass das Gegeneinander der großen Nationalstaaten in der Vergangenheit immer neu Kriege ausgelöst hatte.
Von daher war es ein epochaler Wendepunkt, als der französische Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 erstmals den Gedanken einer Zusammenarbeit der Länder Europas, besonders zwischen Frankreich und Deutschland vorschlug. Ein knappes Jahr später wurde am 18. April 1951 die Europäische Gemeinschaft (EG) gegründet, der sich Frankreich, Deutschland, Italien und die drei Benelux-Staaten anschlossen. Sie unterstellten ihre Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Verwaltung.
Auf Grund des Erfolges dieser Zusammenarbeit beschlossen die sechs Staaten, ihre Kooperation auch auf andere Wirtschaftsbereiche auszudehnen. Am 25. März 1957 unterzeichnen sie darum mit dem Vertrag von Rom die Erweiterung der EG zur EWG (Europäische Wirtschaftgemeinschaft).
Auf dieser Grundlage wächst die Zusammenarbeit. Neue Politikfelder werden einbezogen und neue Staaten aufgenommen. Bis heute sind es 27 Länder.
Es wächst mehr und mehr das Bewusstsein, dass man nicht nur eine Hilfskonstruktion für bessere Wirtschaftsbeziehungen darstellt, sondern dass der Gemeinschaft der Staaten Europas ein eigener Wert in sich ist, dass dies eine Europäische Union (EU) ist, wie es sie noch nie gegeben hat, die den Frieden garantiert und Wohlstand für alle ermöglicht. Es wurde ihnen allmählich bewusst, dass Europa einen eigenen Wertekanon hat, der es von anderen Kulturkreisen unterscheidet (Wertegemeinschaft).

Man könnte und müsste noch viel über weitere Schritte der EU erwähnen wie Zollunion, Währungsunion oder die zunehmende Bedeutung des Parlaments etc.. In unserem Zusammenhang aber ist wichtig zu sehen, dass Gott sich nach der satanischen Zerstörung Europas durch den 2. Weltkrieg dieses Kontinents nochmals erbarmt hat, indem er drei bewusste Christen katholischen Glaubens in politischen Leitungsämtern gebraucht, um ein neues Europa auf einer neuen Grundlage zu bauen: es ist der französische Außenminister Robert Schuman, der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und der italienische Ministerpräsident Giuseppe de Gasperi. Äußerlich schließen sie einen Wirtschaftsbund, innerlich aber trägt sie eine Vision, die Robert Schumann 1958 so ausdrückt: "Wir sind aufgerufen, uns der christlichen Fundamente Europas bewusst zu sein, wenn wir uns aufmachen, ein demokratisch legitimiertes Regierungsmodell (governance) zu etablieren, das sich durch Versöhnung hin zu einer "Gemeinschaft der Völker" in Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Frieden entwickelt, tief gegründet auf den Grundwerten des Christentums".

Wohin sich die EU auch entwickelt hat: so sehen die Wurzeln aus, aus denen sie hervorgewachsen ist. Was Schuman visionär sah im Geist, das war ein Europa, das neu aus seinen christlichen Wurzeln leben will, weil es die Abgründe der Bosheit bis zur Neige an sich erlebt hat. Es ist eine Art Umkehr/Buße auf politischer Ebene.
Wo Versöhnung gewährt wird, wächst Vertrauen; wo vertrauen da ist, da wächst Gemeinschaft und daraus gemeinsames Handeln.
So lasst uns vor Gott die EU im Gebet wieder auf ihr gottgeschenktes christliches Fundament stellen.

Zusammenfassung
Obwohl geographisch nur ein Anhängsel, hat Gott dieses Gebiet "Europa" seit Jahrtausenden als eine Einheit gesehen, indem er seinen Bewohnern unter allen Sprachen der Welt einen bestimmten Sprachcharakter gab.
Obwohl unter den Hochkulturen der Welt ein "Spätzünder", hat Europa doch in einer Weise Weltbedeutung erlangt, wie kein anderer Kontinent. (Darin wurde Europa erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts von seiner Tochter USA überflügelt).
Die Bedeutung Europas für die Welt liegt in seiner hohen Denk-Leistung. Diese bewirkt Erfindung und Entwicklung in: Theologie, Philosophie, Künsten, Wissenschaft und Technik. Die Ergebnisse werden auf verschiedenste Weise der Welt weitergegeben, was die Prägung der Völker durch die europäische Kultur bewirkte.
Europa, seine Geschichte und seine Kultur sind ohne das Christentum nicht zu denken. Insofern hat Europa auf direktem Weg über seine Mission und auf indirektem Wege über seine Kultur der Welt die Botschaft von Jesus Christus vermittelt.
Wohl hat der Kritizismus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts Europa nachhaltig mitgeprägt. Er knüpft an am aufgeklärten Götterskeptizismus der griechischen Klassik bei Sokrates, Platon und Aristoteles. Aber aller Kritizismus ist eine Sekundärerscheinung gegenüber dem kritisierten Gegenstand. Insofern ist die Prägung Europas durch den christlichen Glauben eindeutig primär gegenüber der Aufklärung.
Die griechische Klassik ist historisch in Europa zwar älter als das Christentum und beeinflusste christliches Denken durchaus in den ersten Jahrhunderten nach Christus, trat aber dann deutlich für Jahrhunderte zurück, als das Christentum nach Mittel-, Nord- und Osteuropa wanderte. Insofern ist der Einfluss der Antike vor dem 15. Jahrhundert nur indirekt spürbar als "Einfluss" auf das Christentum, nicht aber als eigener Glaubensstrom. Allerdings wurde die antike Klassik und ihr Menschenbild in der Gestalt des Humanismus nach der Aufklärung bis zum 1. Weltkrieg für etwa 150 Jahre für viele europäische Gebildete zum Gottesersatz.

GEBET

Bekenntnis
Ich glaube an Gottes Liebe zu Europa und seine Bereitschaft, uns zu führen und uns in unserer Berufung wachsen zu lassen - zum Guten der Völker.
Ich glaube an eine unverzichtbare Rolle Europas in seiner Vielfalt und intellektuellen Differenziertheit auch in einer sich wandelnden, multilateralen Welt des 21. Jahrhunderts.
Ich bete um eine Rückkehr Europas zu dem lebendigen Gott. Dies geschieht, wenn wir uns demütigen vor unseren "farbigen" Brüdern und Schwestern und sie bitten: "Kommt herüber und helft uns!"
Gott segne Europa!

Ortwin Schweitzer


Quellen:
Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) 2. Band Sp. 734, 3. Aufl. 1958
Siegfried Fritsch, Märchen und Sagen. Versuch einer Deutung. One Way Verlag, Wuppertal 1992
Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte. J.C.B. Mohr und Siebeck, Tübingen, 11. Aufl. 1956
Hermann Jens, Mythologisches Lexikon, Goldmann Verlag, München 1958
Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin, 18. Aufl. 1960
Karl Leonhardt, Grundriss der Geschichte, Bd. 1, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1952
Kurt Dietrich Schmidt, Tabellen zur Kirchengeschichte, Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen 1959