DIE POLITISCHE SEITE

April 2008

 

Änderung des Stammzellgesetzes?

Ein Beitrag zur Abstimmung des Deutschen Bundestages am 11. April 2008

 

 

INFORMATION

 

1. Einleitung

Am 30. Januar 2002 beschloss der Deutsche Bundestag das sogenannte „Stammzellgesetz“ (StZG). Seine Entstehung, die wissenschaftlichen Grundlagen und seine Einordnung in die Rechtsgeschichte der Bundesrepublik ist dargestellt in der „Politischen Seite“ Sept/Okt 2007 unter dem Titel: „Stammzellforschung contra Menschenwürde“. (www.beter-im-aufbruch.de.vu). Das dort Gesagte darf an dieser Stelle vorausgesetzt werden.

Im Spätjahr 2006 legte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Auswertung der über vierjährigen Erfahrung mit dem StZG vor, mit dem deutlichen Ziel einer Liberalisierung und Neufassung des Gesetzes, möglichst mit einer Verschiebung oder Aufhebung des Stichtages.

Dieser Anstoß wurde vom Parlament aufgenommen. Und so wird am 11. April 2008 nach der 3. Lesung darüber abgestimmt, ob das StZG in der bisherigen Form erhalten oder verändert oder ganz abgeschafft werden soll Wie 2002 erfolgt die Abstimmung ohne Fraktionszwang d.h. jede und jeder Abgeordnete (MdB) ist nur seinem Gewissen verantwortlich.

Aus diesem Grund habe ich auch dieses Mal wie schon 2002 an alle 614 MdB einen kurzen Brief geschrieben (s. am Schluss) mit der Bitte, einer Veränderung oder Preisgabe des StZG von 2002 nicht zuzustimmen. Ich erhielt knapp 30 z.T. recht persönliche Antworten, die die wesentliche Quelle dieses Artikels sein werden. Die Antworten kamen: 1 aus der CSU, 11 aus der CDU, 2 aus der FDP, 6 von Bündnis 90/Grüne, 4 aus der SPD, 3 von der Linken.

Das Problem der Forschung mit menschlichen Stammzellen liegt in der Spannung zwischen der Würde des menschlichen Lebens und dem Drang zur Forschung in Freiheit. Um durch Forschung nicht die Beschaffung von Stammzellen – in Deutschland oder anderswo – zu provozieren, was immer die Tötung des Embryos bedeutet, legte das StZG von 2002 einen Stichtag in der Vergangenheit fest (1.1.02), vor dem eine ordentliche registrierte Stammzelllinie entstanden sein musste, wenn sie – unter strengen Regeln – nach Deutschland importiert werden dürfte. Die Feststellung der DFG besteht nun darin, dass die 2002 zur Forschung genehmigten embryonalen Stammzelllinien inzwischen durch Viren verunreinigt seien und so nicht mehr internationalen Standards entsprächen. Aus diesem Grund ginge es um eine Verschiebung des Stichtages und damit um den Zugang zu neuen embryonalen Stammzelllinien für die deutsche Forschung.

Sehr stark unterbewertet lässt der DFG-Bericht die Bedeutung der sogenannten „adulten Stammzellen“ d.h. von pluripotenten Zellen, wie sie beim „erwachsenen“ Menschen ständig auch gebildet werden etwa im Knochenmark oder im Blut der Nabelschnur. Das StZG von 2002 empfahl sehr stark die Forschung mit diesen ethisch unbedenklichen Zellen. Die Fördermittel wurden auch entsprechend verteilt.

 

2. Die Anträge

Da zu diesem Thema der Fraktionszwang aufgehoben wurde, bildeten sich interfraktionelle Gruppen Gleichgesinnter, die dann einen Antrag plus Begründung stellten: „Der Bundestag wolle beschließen…“

Es war klar, dass in diesem Fall mindestens 4 Anträge entstehen würden: einerseits völlige Freigabe der embryonalen Stammzellforschung auch in Deutschland nur mit jeweiliger Einzelfallprüfung. Auf der anderen Seite völliges Verbot der embryonalen zugunsten der adulten Stammzellforschung. Dazwischen die Anträge auf Beibehaltung des Stichtages 1.1.2002 bzw. Verlegung des Stichtages auf 1.5.2007.

 

Diese Anträge haben Nummern und Überschriften. Sie wurden in erster Lesung am 14.2.2008 im Plenum des Bundestages vorgestellt und diskutiert:

  1. Für die völlige Freigabe der Forschung mit embryonalen Stammzellen mit nur jeweiliger Einzelfallprüfung brachten die Abgeordneten Ulrike Flach (FDP), Rolf Stöckel (SPD), Katharina Reiche (CDU) u.a. den Entwurf eines Gesetzes für eine menschenfreundliche Medizin – Gesetz zur Änderung des Stammzellgesetzes ein (Drucksache 16/7982). (92 Unterstützer bei der Einbringung).
  2. Für eine Verschiebung des Stichtages auf 1. Mai 2007 plädierten die Abgeordneten René Röspel (SPD), Ilse Aigner (CDU), Jörg Tauss (SPD) u.a. mit einem Entwurf für ein Gesetz zur Änderung des Stammzellgesetzes (Drucksache 16/7981) (185 Unterstützer).
  3. Für die Beibehaltung des Stichtages 1. Januar 2002 und dem weiteren Ausbau der adulten Stammzellforschung plädierten Priska Hinz (Bündnis 90/Grüne), Julia Klöckner (CDU), Dr. Herta Däübler-Gmelin (SPD) u.a. und brachten den Antrag ein: Keine Änderung des Stichtages im Stammzellgesetz – Adulte Stammzellforschung fördern (Drucksache 16/7985) (149 Unterstützer).
    In einem weiteren Antrag bringen dieselben Personen den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Stammzellgesetzes ein (Drucksache 16/7984), durch das sie eine Änderung des StZG von 2002 an dem Punkt erreichen möchten, der die Strafverfolgung von deutschen Forschern betrifft, wenn sie sich im Ausland an Forschungsprojekten mit embryonalen Stammzellen beteiligen, die nach dem 1.1.2002 hergestellt wurden und die darum in Deutschland verboten sind. (67 Unterstützer).
  4. Die Abgeordneten Hubert Hüppe (CDU), Marie-Luise Dött (CDU), Maria Eichhorn (CSU), Günter Krings (CDU) bringen den Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Gesetzes zur Sicherstellung des Embryonenschutzes im Zusammenhang mit menschlichen embryonalen Stammzellen (ausführlicher Name für das Stammzellgesetz, StZG). Die Änderung dieses Gesetzes betrifft das vollständige Verbot von Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen (hES) zugunsten adulter Stammzellforschung (Drucksache 16/7983) (52 Unterstützer).

 

3. Begründung der einzelnen Anträge

Generell lässt sich sagen, dass durch die Aufhebung des Fraktionszwangs eine sehr ernsthafte und persönliche Auseinandersetzung unter den Abgeordneten des Hohen Hauses stattgefunden hat, die – wie schon 2002 – ein hohes Niveau ethischer Verantwortung zeigt. Dies ist anzuerkennen und dies tun auch die Abgeordneten selber untereinander.

So schreibt Thomas Strobl (CDU) aus Heilbronn: „Die Entscheidung über das Stammzellgesetz im Jahr 2002 hat zu den schwersten Entscheidungen gehört, vor die ich mich im Lauf meines parlamentarischen Arbeit gestellt sah.“ Und Florian Toncar, Weil im Schönbuch (FDP), bittet ernsthaft , „diese schwierigen Fragen im Respekt vor einander zu diskutieren. Weder fehlt den Befürwortern der Stammzellforschung ein Bewusstsein der Schutzwürdigkeit von Embryonen, noch deren Gegnern der Wille, kranken Menschen zu helfen. Am Ende steht für jeden Abgeordneten eine Gewissensentscheidung.“

 

Antrag 16/7982

Freigabe unter Einzelfallprüfung

 

Markus Löning (FDP) aus Berlin schreibt dazu: „Das Grundgesetz gebietet den Schutz der Menschenwürde und des menschlichen Lebens. Daraus ergibt sich die staatliche Pflicht, die Erforschung medizinischer Therapien zu ermöglichen, um das Leiden schwer kranker Mensche lindern zu können. Embryonale Stammzellen sind ein wichtiges Werkzeug der zellbiologischen Grundlagenforschung. Neuartige Therapien unter Verwendung von embryonalen Stammzellen müssen lange und sorgfältig geprüft werden. Es sollten daher keine voreiligen Schlüsse über den Misserfolg dieser Forschungsmethode gezogen werden.“

 

Der Hauptvorwurf an die Vertreter dieser Meinung besteht darin, dass die Tötung von Embryonen grundsätzlich der im Art. 1 des Grundgesetzes verankerten Menschenwürde widerspreche. Dem begegnet Löning mit einer gewissen Raffinesse, indem er genau die Menschenwürde zur Begründung für die embryonale Stammzellforschung verwendet, indem sie Heilung für Schwerstkranke verspricht.

Dem 2. Argument der Gegner, dass davon bisher ja noch nicht einmal im Ansatz etwas sichtbar geworden sei, begegnet er, indem er gleich von langen und sorgfältigen Prüfvorgängen spricht.

Die Frage nach der Menschenwürde und dem Lebensrecht laut Grundgesetz aber bleibt bestehen, durch Lönings Argumentation sogar noch verschärft zu der Frage: „Wessen Leben schützt jetzt das Grundgesetz: das des Embryos oder das des chronisch Kranken? Kann man das Leben des einen mit Tod des anderen erkaufen?“

„Niemals“, sagen die Gegner. Der Tod des entstehenden Lebens jetzt ist real, die Heilung ist nur ein Versprechen, bisher ohne jeden Beweis. Außerdem gibt es im Grundgesetz kein „Recht auf Gesundheit“, wohl aber ein „Recht auf Leben“, und zwar von Anfang an.

Aber hier setzt die nächste Frage der Befürworter an: „Ab wann ist denn ein Embryo ein Mensch?“ Dazu äußert sich Florian Toncar (FDP) sehr offen: „Für mich geht der Schutz des geborenen Menschen dem Schutz eines Embryos im Reagenzglas vor. Den vollen Anspruch auf den Lebensschutz nach Artikel 2 Absatz 2 Grundgesetz hat meines Erachtens erst ein Embryo im Leib der Mutter während einer Schwangerschaft. Für mich ist damit die Einnistung des Embryos in der Gebärmutter als Voraussetzung der Entstehung menschlichen Lebens entscheidend. Erst
durch die Verbindung zum Mutterleib kann ein Embryo eine selbständige Existenz entwickeln. Der Embryo außerhalb des Mutterleibs hingegen ist eine Vorstufe menschlicher Existenz, die zwar auch Schutz verdient, aber nicht in gleicher Weise wie ein Mensch. Dementsprechend bedeutet die Forschung an embryonalen Stammzellen meiner Auffassung nach auch nicht die Tötung menschlichen Lebens.“

 

Damit ist auf dem Tisch, was die Auffassungen zutiefst unterscheidet: Das Menschenbild: ab wann ist ein Mensch ein Mensch?

Florian Toncar fragt seine Gegner konsequent weiter, die für die Menschenwürde ab dem Augenblick der Befruchtung einstehen:

 

Markus Löning resümiert: „Die FDP ist der Meinung, dass in Deutschland so geforscht werden soll, wie es überall auf der Welt möglich ist. Forschung geht über nationale Grenzen hinaus und entwickelt sich im gegenseitigen Austausch der Wissenschaftler. Deutsche Forscher sollen nicht von den internationalen Entwicklungen abgekoppelt werden. Eine große Mehrheit der FDP-Bundestagsfraktion setzt sich daher für die Aufhebung des Stichtages mit klaren ethisch und rechtlich vertretbaren Bedingungen ein.“

 

 

Antrag 16/7981

Verschiebung des Stichtags auf 1. Mai 2007

 

Zu diesem Antrag haben sich 9 Abgeordnete z.T. sehr persönlich geäußert: 4 von der SPD, 3 von der CDU und 2 von der Linken. Bei den Antworten aus der CDU auch ein Brief von Bildungsministerin Annette Schavan. Da sie in verständlicher Form alle Argumente dieser Position zur Sprache bringt sei hier ihr Brief als Ganzes zitiert.

 

Zuvor aber noch eine Information, die zum Verständnis des Briefes nötig ist. Im November konnten zwei unabhängige Arbeitsgruppen aus Japan (Yamanaka) und aus den USA (Thomson) nachweisen, dass sich erwachsene menschliche Hautzellen zu pluripotenten Stammzellen reprogrammieren lassen, die die Eigenschaften menschlicher embryonaler Stammzellen aufweisen – „induced pluripotent stem cells“ (iPS). Mit humanen iPS-Zellen stehen der Genforschung ethisch unbedenkliche - auch patientenspezifische – pluripotente menschliche Stammzellen zur Verfügung (Hubert Hüppe, Antworten aus: Hüppe_faqs_cdu_csu_intranet.pdf)

 

Doch nun zum Brief von Bundesministerin Schavan: „Ich bin mit Ihnen der Überzeugung, dass alles getan werden muss, um dauerhaft keine humanen Embryonen zur Herstellung von embryonalen Stammzellen zu verbrauchen. Deshalb hat der Deutsche Bundestag im Jahr 2002 ein Gesetz verabschiedet, das die embryonale Stammzellforschung nur in engen Grenzen ermöglicht und auf die Forschung mit adulten Stammzellen setzt. 97 Prozent aller Finanzmittel des Forschungsministeriums und der Deutschen Forschungsgemeinschaft sind seither in diese alternative Forschung geflossen. Deutschland hat mit guten Gründen einen Sonderweg beschritten, der besagt, dass von Deutschland kein Anreiz für den Verbrauch von humanen Embryonen ausgehen darf. Deshalb lehnt auch heute eine Mehrheit des Deutschen Bundestages, zu der ich mich zähle, eine Abschaffung des Stichtages ab. Ich bin davon überzeugt, dass die Substanz des Gesetzes darin besteht, der Forschung durch einen Stichtag Grenzen zu setzen. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Niemand denkt an eine Ausweitung der embryonalen Stammzellforschung.

Gerade weil Deutschland führend in der adulten Stammzellforschung ist, können wir
aber auch nicht ignorieren, dass die Forschung mit adulten Stammzellen auf Erkenntnisse aus der embryonalen Stammzellforschung angewiesen ist. Das gilt in besonderer Weise für die jüngsten Erfolge bei der Reprogrammierung somatischer Zellen zu humanen pluripotenten Stammzellen.

Das ist ein Durchbruch. Nun besteht die begründete Prognose – die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien –, dass über die Wege der Reprogrammierung humane Embryonen als Quelle für embryonale Stammzellen dauerhaft nicht gebraucht werden.

Die Forschergruppe um Thompson und Yamanaka hat die wirksamen Steuerungsgene für die Reprogrammierung durch Untersuchungen mit humanen embryonalen Stammzellen identifiziert. Die neuesten Forschungsergebnisse beruhen also unter anderem auf Forschungsarbeiten mit humanen embryonalen Stammzellen. Wenn die Reprogrammierung kontaminationsfrei erfolgen soll, müssen die Forscher ihre Ergebnisse nochmals an neueren, nicht verschmutzten Stammzellen überprüfen. Die bislang zur Verfügung stehenden embryonalen Stammzellen, die vor 2002 gewonnen wurden, sind aber verschmutzt.

Deshalb bin ich der Überzeugung, dass eine Verlegung des Stichtages verantwortbar ist. Auch in Zukunft würde von Deutschland kein Anreiz zum Verbrauch humaner Embryonen für die Forschung ausgehen. Wer sich für eine Verschiebung des Stichtages einsetzt, spricht sich damit nicht für mehr Forschung an humanen embryonalen Stammzellen aus, will aber erreichen, dass die Forscher, die auf einem erfolgreichen Weg der adulten Stammzellforschung sind, ihre Arbeit so fortsetzen können, dass hoffentlich in Zukunft die Forschung ohne den Verbrauch von humanen Embryonen auskommen kann.

Ich habe mir meine Entscheidung nicht leicht gemacht und mich bemüht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Dies gilt im Übrigen für die Kollegen und Kolleginnen im Deutschen Bundestag insgesamt, die mit großem Verantwortungsbewusstsein diese Debatte führen.

Mit freundlichen Grüßen

Annette Schavan

 

Unter Verwendung weiterer Informationen etwa von Christel Humme (SPD) und Thomas Rahel (CDU) heißen die Argumente für eine Verschiebung des Stichtags zusammengefasst:

 

Antrag 16/7985

Keine Änderung des Stichtages im StZG. Adulte Stammzellforschung fördern.

 

Die meisten Antworten erhielt ich aus dieser Gruppe und zwar 7 aus der CDU, 6 von Bündnis 90/Grüne. Den Antrag mit unterschrieben haben u.a. auch Wolfgang Thierse, Renate Kühnast, Fritz Kuhn, Friedrich Merz, Volker Kauder und auch Volker Beck.

Der Stichtag, der bei Beschlussfassung am 30.1.2002 schon zurücklag, nämlich der 1.1.2002, war das Herzstück des Kompromisses, der damals zwischen Embryonenschutzgesetz und Freiheit der Forschung gefunden worden war. Dieser Stichtag war als fix gedacht. Würde man ihn nun doch verschieben, würden dann nicht in 6 Jahren die nächste Verschiebung nötig sein mit der Tendenz zur völligen Aufgabe eines Stichtages überhaupt?

Bei der Einbringung des Antrags 7985 hielt Priska Hinz als Wortführerin eine brillante Einbringungsrede. Ihre Argumentation verlief etwa folgendermaßen:

Wenn eine Änderung des StZG, dann müssen dafür wesentliche Gründe genannt werden können. Ist dies der Fall?

1. Gibt es denn neue ethische Erkenntnisse?

Im Blick auf eine mögliche Heilungschance für schwere Erkrankungen in der Zukunft wurde immer wieder von einer „Ethik des Heilens“ gesprochen. Aber so wichtig dies sein mag, so kann diese Ethik des Heilens auf keinen Fall der lebenserhaltenden Ethik des Embryonenschutzes gleichgestellt werden. Ethisch gibt es ein Recht auf Leben, aber kein Recht auf Gesundheit, dem man gar anderes Leben opfern dürfe. Außerdem, sagte Priska Hinz, stellt sich die embryonale Stammzellforschung immer mehr als erfolglose Sackgasse heraus. Inzwischen werden daher embryonale Stammzellen zur toxischen Überprüfung von Medikamenten verwendet, was einen Embryonenverbrauch vollends nicht mehr rechtfertigt. Ethisch hat sich in den vergangen Jahren also nichts verändert, was eine Veränderung zugunsten der Forschung nötig machte.

2. Gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse? Natürlich, sagt Priska Hinz:

•  es zeigt sich weltweit, dass fast alle Publikationen aus Forschungen mit Stammzelllinien aus der Zeit vor 2002 erscheinen d.h. deutsche Forscher sind nicht benachteiligt;

•  es zeigt sich, dass auch die neuen Stammzelllinien nach 2002 verunreinigt sind – und trotzdem gebraucht werden;

•  auch in Ländern mit völliger Freiheit hat die Embryonenforschung bisher zu keinem einzigen Erfolg geführt, also hängt es nicht an der Beschränkung wie z.B. in Deutschland, wenn keine Resultate erzielt werden;

•  im Gegenteil, es hat sich gezeigt, dass die Stammzellen, wenn sie aus dem natürlichen Organismus des Embryos herausgelöst werden, plötzlich eine Tendenz zur Tumorbildung entwickeln, was ihre Einbringung in menschliche Körper grundsätzlich zum Risiko macht;

•  die Forschung mit adulten Stammzellen gab es schon 2002. Aus diesem Grund hat die Bundesregierung 97% ihrer dafür bestimmten Forschungsmittel in diese Arbeiten gesteckt – mit gutem, mit bestem Erfolg wie sich zeigt – warum etwas verändern?

•  Eine entscheidende Neuerung gelang Yamanaka in Japan und Thompson in USA im November letzten Jahres mit der Rückführung adulter Hautzellen in den pluripotenten Zustand von Stammzellen. Dieser Durchbruch hat sogar den wissenschaftlichen „Vater“ des ersten geklonten Schafes „Dolly“, Ian Wilmut, dazu veranlasst, seine Arbeit zur Entwicklung des „therapeutischen Klonens“ und zur Gewinnung menschlicher embryonaler Stammzellen aufzugeben. Die Reprogrammierung hat die Tür zu einem ganz neuen Raum der Forschung aufgestoßen;

•  Nachdem Yamanaka und Thompson den Vergleich ihrer reprogrammierten Zellen mit Linien vor 2002 machten, entfällt auch das Argument den Stichtag verschieben zu müssen, um vergleichen zu können;

•  Wohin man kommt, wenn in den Prozess keine Entschleunigung eingebaut wird, zeigt das Beispiel von Spanien und Großbritannien. Weil die Forscher dort sagen, sie könnten die tiefgekühlten „überzähligen“ Embryonen nicht mehr benutzen, werden Frauen dazu überredet und teilweise auch bezahlt, dass sie bei der künstlichen Befruchtung entweder ihre Embryonen oder sogar Eizellen direkt der Stammzellforschung zur Verfügung stellen. So werden Frauenkörper und Embryos zur Ware degradiert;

•  Die einmalige Verschiebung des Stichtages ist ein Trugschluss. Die Forscher sagen bereits heute hinter vorgehaltener Hand, dass sie natürlich erneut um eine Verschiebung des Stichtages nachsuchen werden, bis er hoffentlich eines Tages ganz entfällt. So wird der Stichtag durch eine erste Verschiebung unweigerlich zur Wanderdüne durch die Jahre hindurch.

Eine andere Unterzeichnerin dieses Antrags, Cornelia Behm (Bündnis 90/Grünen) fasst ihre Bedenken zusammen in dem Satz, dem Grund-Satz: „Der Mensch muss nicht alles machen dürfen, was er machen kann“.

 

Antrag 16/7983

Völliger Verzicht auf embryonale Stammzellforschung

 

Dieser Antrag wurde vor allem von Hubert Hüppe (CDU) vorgetragen. Er wurde in den letzten Jahren bekannt durch sein entschiedenes Eintreten gegen die Abtreibungen. Er ist aktiv in der Lebensrechtsbewegung und ist Mitglied des Bundesvorstandes der Lebenshilfe e.V. Er war stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“.

Viele, die bei Antrag 1785 unterschrieben haben, unterzeichneten auch bei diesem Antrag. Dies zeigt, dass sich die Argumente weitgehend decken, nur dass sie radikaler formuliert und in ihrer Schlussfolgerung konsequenter zu Ende gedacht wurden.

Zwei Argumente seien hier genannt, die über das bisher Gesagte hinausführen.

1. Die römisch katholische Kirche hat sich massiv gegen eine Ausweitung der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen gewandt und ebenso gegen eine Stichtagsverschiebung. In der evangelischen Kirche hat sich Bischof Huber für eine Verschiebung des Stichtages ausgesprochen. Aber die Synode der Ev. Kirche in Deutschland fasste einen Beschluss, dessen Vorbedingungen („wenn … und wenn“) darauf hinauslaufen, dass im Ergebnis die Synode einer Stichtagverschiebung nicht zustimmen würde.

2. Dieses Argument bezieht sich auf die Frage, ob embryonale Stammzellforschung nicht doch zur Kontrolle der adulten Zellen nötig sei. Dazu Hüppe: „Keine einzige der heute etablierten Therapien mit adulten Stammzellen basiert auf Erkenntnissen der Forschung mit embryonalen Stammzellen. Keine einzige der gegenwärtig laufenden klinischen Studien mit adulten Stammzellen bezieht embryonale Stammzellen ein “.

Auch die Bundesregierung kennt keinerlei wissenschaftlichen Beleg für das Gegenteil. So urteilt Hüppe: „Dieses Argument ist wissenschaftlich unbelegt. Es ist unredlich, da es die ethische Akzeptanz und das gute Renommee bereits therapeutisch erfolgreicher adulter Stammzellen zu Gunsten der embryonalen Stammzellforschung instrumentalisieren will. Das „Vergleichs-Argument“ spekuliert auf die Gutgläubigkeit von Bürgern und Politikern, die seine Stichhaltigkeit nicht anhand der wissenschaftlichen Literatur überprüfen können“.

 

 

GEBET

 

  1. Dank, dass Gott unser Gebet erhört hat und der Forschung an adulten Stammzellen eine große Tür aufgetan hat und jetzt vollends durch die Entdeckung der Reprogrammierung;
    und dass für die embryonale Stammzellforschung sich umgekehrt einfach kein Erfolg einstellt und sich die ersten Forscher bereits aus diesem Bereich zurückziehen.
    So soll es bleiben und immer eindeutiger werden!
  2. Gebet, dass eine – wenn auch knappe Mehrheit der Abgeordneten gegen eine Stichtagverschiebung oder völlige Liberalisierung votiert.
  3. Betet, dass Gott vielen, noch unentschlossenen Abgeordneten das Herz berührt, gegen eine Veränderung zu stimmen, die eine Liberalisierung gleich oder später beinhaltet. Betet, dass in der 2. und 3. Lesung vor der Abstimmung am 11. April viele Abgeordnete das Grundgesetz verletzt sehen bei einer Verschiebung oder Aufhebung des Stichtages und klar dann dagegen votieren.
  4. Betet, dass Gott noch viele Beter weckt.
  5. Betet, dass Deutschland, so wie es bekannt wurde für seine Verwüstung einer christlichen Ethik durch das 3. Reich (Euthanasie, Shoa), so dieses Land heute bekannt wird für seine Standfestigkeit, für christliche Werte einzutreten.
  6. Betet für eine UN-Konvention, in der sich international alle Staaten zu ganz bestimmten Grenzen der Forschung verpflichten.

 

Ortwin Schweitzer

Anhang:

Der Mail-Version dieser Politischen Seite sind noch 2 Dokumente angehängt.

  1. Mein Brief an die Mitglieder des Deutschen Bundestages (MdB) (war auch Anfang März als Sondermeldung in Ihrer Mailbox).
  2. Nach Fertigstellung dieser Politischen Seite erschien in der Frankfurter Allgemein Zeitung vom 4.4.2008 ein Artikel von Georg Paul Hefty zum Thema Stichtagsregelung unter dem Titel „Das Adjektiv gibt den Ausschlag“. Da dieser hochqualifizierte Artikel in exzellenter Weise das Problem behandelt, wird er – nach Klärung der Rechte! – nur der Email-Version als Anhang beigefügt.

 

 

Quellen:

Rheinischer Merkur Nr. 12,2008 Durchbruch oder Dammbruch.

Hersg Julia Klöckner, Konrad Schily: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, 18 Beiträge gegen eine verbrauchende Embryonenforschung.

Plenardebatte am 14. Februar 2008. Zu bestellen bei den Autoren, Platz der Republik 1, 11011 Berlin.

Kirschners Volkshandbuch, Deutscher Bundestag 16. Wahlperiode.

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Hubert Hüppe, MdB, 12.2.2008: Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen.