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September / Oktober 2007

Stammzellforschung contra Menschenwürde

INFORMATION

1. Stammzellen – Worum es geht

Stammzellen entwickeln sich vor allem in der frühen Embryonalphase („embryonale Stammzellen“); aber auch in den Organen von bereits geborenen Menschen („adulte Stammzellen“). Stammzellen haben die Fähigkeit, sich in eine oder in die andere der etwa 200 verschiedenen Zellarten des menschlichen Körpers entwickeln zu können. Man nennt sie deshalb „pluripotent“ d.h. „vielfachbefähigt“.

Adulte Stammzellen kommen in der Nabelschnur, im Knochenmark, aber auch in etwa 20 Organen jedes Menschen vor. Sie werden schon heute klinisch eingesetzt z.B. zur Bekämpfung von Blutkrebs und anderen Krankheiten. Unklar ist, ob die adulten Stammzellen dieselbe pluripotente Flexibilität haben wie die embryonalen d.h. die Fähigkeit, sich in jede andere spezialisierte Zellform weiterzuentwickeln.

Embryonale Stammzellen haben diese Fähigkeit. Es gibt 3 Arten, sie zu gewinnen. (1) Aus den Geschlechtszellen von abgetriebenen Embryonen. (2) Aus Embryonen, die bei in-vitro-Fertilisationen (künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibes) „übrig geblieben“ sind d.h. nicht in die Gebärmutter implantiert wurden. Oder aus Embryonen, die bewusst für Forschungszwecke hergestellt wurden. Diesen Embryonen werden nach etwa 4 Tagen, wenn sie im Stadium der ca. 100-200 Zellen sind, die Stammzellen entnommen, was ihr Absterben zur Folge hat. (3) Ein dritter Weg ist die Herstellung von Embryonen durch Klonen: Dabei wird (wie bei dem berühmten so „hergestellten“ Schaf Dolly) einer unbefruchteten Eizelle der Zellkern entnommen und der Zellkern eines anderen Spenders eingesetzt. Daraufhin wird die Zelle zur Teilung stimuliert. Das Lebewesen, das daraus entsteht, ist mit seinem Spender identisch, da es dieselbe Erbmasse enthält.

2. Ziele – Was man erreichen will

Bis jetzt werden adulte Stammzellen bereits therapeutisch eingesetzt. Bei den embryonalen Stammzellen ist die Wissenschaft noch nicht über die Grundlagenforschung hinaus gekommen. In Aussicht genommen aber wird die Heilung schwerer chronischer Leiden wie Herzmuskelschäden, Diabetes mellitus, Parkinson, Multiple Sklerose, Alzheimer, Krebs, Tuberkulose, Anämie usw. Die Liste der Versprechungen ist lang. Auf Grund der gegenwärtigen Forschungslage ist aber noch nicht absehbar, ob diese Erwartungen je realisiert werden können und schon gar nicht wann.

3. Der Konflikt – Forschung contra Ethik

Technische Genmanipulationen bei Pflanzen werden bereits seit längerem gemacht und landwirtschaftlich eingesetzt (z.B. Genmais). Nun ist die Gentechnik beim Menschen angelangt, was natürlich letzte Grundsatzfragen aufreißt.

Auf der einen Seite steht die Forschung, deren Freiheit grundgesetzlich garantiert ist: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“ . Art. 5 (3). Forschung soll sich also in Deutschland als einem Wissenschaftsstandort ungehindert entfalten können. Forschung wird heute weltweit betrieben. Wenn also deutsche Forscher durch deutsche Gesetze behindert werden, wandern sie entweder aus oder aber die Erfindungen werden eben woanders gemacht, wo weniger staatliche Restriktionen bestehen. Gemacht werden die Erfindungen in jedem Fall. Da dieser Sektor des Gesundheitsmarktes ungeheure Zuwächse verspricht, ist jeder Wissenschaftler auf diesem Gebiet darauf erpicht, sich seine Erfindung sofort patentieren zu lassen. Es hängen für einzelne, aber bei einer wirtschaftlichen Nutzung evt. für eine ganze Nation enorme Vorteile damit zusammen. Kann es sich ein Wissenschaftsland wie Deutschland leisten in einer solchen Schlüsseldisziplin wie der Stammzellforschung international abgehängt zu werden?

Auf der anderen Seite steht die Würde des Menschen auf dem Spiel. Sie ist das fundamentale Gut der christlich-humanistischen Kultur des Westens. Sie ist seit der französischen Revolution und der amerikanischen Declaration of Independence Grundlage aller demokratischen Staaten der Welt. Sie gehört ebenso zu der Menschenrechtscharta der UN, wie zum Grundgesetz der BRD, wo es im Art 1 (1) heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Und Art 2 (2) führt aus, was das dann u.a. heißt: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ . Es ist selbstevident, dass diese Aussagen über denen von der Freiheit der Forschung und Lehre stehen, wenn sie in Kollision kommen. Und das ist hier der Fall, denn die 4 Tage alten Embryonen sterben nach der Entnahme der Stammzellen ab. Allein mit dem Verweis auf Chancen und Hoffnungen auf Heilung kann die Eliminierung der zwei ranghöchsten Rechtsgüter „Recht auf Leben“ und „Würde des Menschen“ nicht gerechtfertigt werden. Leben darf nicht gegen Leben aufgerechnet werden, schon gar nicht ein gegenwärtiges und sichtbares Leben gegen ein eventuelles in der Zukunft. Auch die fehlende Lebensperspektive der „übrigen“ Embryos rechtfertigt ethisch keinesfalls den „Verbrauch“.

4. Ab wann ist der Mensch ein Mensch?

Der Direktor der amerikanischen Forschungsfirma ACT Michael D. West ist der Meinung: „Biologisch gesehen sind die Gebilde, die wir schaffen, keine Individuen: Es sind nur lebendige Zellen, kein menschliches Leben“. Zu menschlichem Leben würden sie erst nach der Einpflanzung in die Gebärmutter einer Frau. Vorher kann man sie als Stammzellenlager verstehen. Ähnlich sehen es wohl die Befürworter für die „Verwendung“ von „Übrigen“ Embryonen, denn sie wurden ja „in vitro“ hergestellt.

In seiner 1. Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch stellte das Bundesverfassungsgericht 1975 fest: „Wo menschliches Leben existiert, kommt ihm Würde zu; es ist nicht entscheidend, ob der Träger sich dieser Würde bewusst ist und sie selbst zu wahren weiß. Die von Anfang an im menschlichen Sein angelegten potentiellen Fähigkeiten genügen, um die Menschenwürde zu begründen“ . In seinem 2. Urteil zur Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs hat sich das BVG auch für den Schutz des ungeboren Lebens ausdrücklich ausgesprochen: „Menschenwürde kommt schon dem ungeborenen menschlichen Leben zu. Die Rechtsordnung muss die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechtes des Ungeborenen gewährleisten“ . Man kann künftige Urteile des BVG nicht vorhersehen. Wenn es aber in dieser Tradition seiner Rechtssprechung fortfährt, so wird es dem In-vitro-Embryo dieses Recht auf Leben als menschliches Wesen nicht verweigern können. Aus dieser Rechtslage heraus ist ein Schwangerschaftsabbruch auch „rechtswidrig“ (d.h. eine Tötung), aber sie bleibt bis zum 3. Schwangerschaftsmonat straffrei. Nicht weil der Embryo vorher kein Mensch wäre, sondern weil es der Gesetzgeber für unser Land so festgesetzt hat.

Für Deutschland gilt also bis zu einer – hoffentlich nie stattfindenden – Neudefinition, dass der Mensch ein Mensch ist ab dem Augenblick der Zeugung. Eine Ethik des Wegdefinierens hätte nämlich weit reichende Konsequenzen für unser Menschenbild und eine humane Kultur in diesem Land.

Deutschland ist ja nicht von ungefähr der Wortführer der Staaten mit Vorbehalten gegen die Liberalisierung des Stammzellgesetzes in der EU gewesen, haben wir doch im eigenen Land erlebt wie sich eine zivilisierte Kultur in ein Horrorszenario mit allen medizinischen Experimenten an lebendigen Menschen verwandeln kann, wenn die Würde des Menschen nicht mehr axiomatisch für alle gilt, sondern nur noch für die Arier, aber nicht mehr für das „lebensunwerte Leben“ (Euthanasie) und „das Ungeziefer“ (Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle u.a.).

Obwohl viele Länder, auch in der EU, z.B. Großbritannien und Schweden, auch Israel der Wissenschaft Zugang gewähren zu den „übrigen“ Embryonen in den Embryonenbanken der Befruchtungskliniken, wenn die biologische Eltern zustimmen, haben doch andere Länder das deutsche Embryonenschutzgesetz zum Vorbild genommen und stellten bisher einen Bremsklotz (Sperrminorität) in der EU dar. Dies hoben Ende 2006 von 99 deutschen Abgeordneten 51 aus allen Parteien des Europaparlaments in einem offenen Brief an den Bundestag hervor.

5. Das Stammzellgesetz (StZG) – ein mühsamer Kompromiss

Am 30. Januar 2002 stimmte das Plenum des Bundestages ab über das „Gesetz zur Sicherstellung des Embryonenschutzes im Zusammenhang mit der Einfuhr und Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen“, kurz „Stammzellgesetz“ StZG. In den Monaten und Wochen davor wurden unzählige Artikel geschrieben, Seminare und Vorträge gehalten und heftigst diskutiert.

Auch ich habe mich von der „Politischen Seite“ aus damals an alle Abgeordneten des deutschen Bundestages, alle betroffenen Ministerien, den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten Wolfgang Thierse persönlich gewandt mit 3 Gedanken:

•  Setzen Sie sich doch bitte mit Ihrer Stimme dafür ein, dass gerade in Deutschland mit seiner Erfahrung von totalitär gesteuerter medizinischen Forschung, die Würde des Menschen gewahrt bleibt – und zwar ohne Abstriche und von Anfang an.
Keine Manipulationen mit (befruchteten oder unbefruchteten) Keimzellen.

•  Wäre es nicht ein lohnendes Ziel für die BRD – ähnlich wie in der Umwelt-Technologie – die weltweit führende Rolle in der Stammzellenforschung mit adulten Stammzellen oder mit den Stammzellen aus Nabelschnurblut oder dem Knochenmark anzustreben? Dies ist staatlicherseits durch die Lenkung der Zuschüsse leicht zu erreichen. Ich meine, dass dieser ethisch unbedenkliche alternative Weg unserem Land zur Ehre gereichen würde.

•  Ein Beschluss des Deutschen Bundestages ist das eine. Was aber hülfe eine deutsche Entscheidung, wenn daraus nicht internationales Recht würde? Ich weiß, wie fast unmöglich der Gedanke einer solchen weltweiten Übereinkunft in Form einer UN-Konvention ist. Doch Bundespräsident Rau hat diesen Weg ja schon gewiesen. Ich glaube, dass ein entschiedenes Gehen auf einen alternativen und eventuell wirtschaftlich viel rentableren Weg durch führende Nationen wie Deutschland, die Entwicklung sicher stark in eine andere, humanere Richtung lenken würde.

Von den weit über 600 angeschriebenen Parlamentariern bekam ich von ca. 60 eine z.T. sehr persönliche Antwort, wo sie sich auch für die von mir erwähnte Fürbitte bedankten. Herausgreifen möchte ich die Antwort von Wolfgang Thierse und der damaligen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin.

Der Präsident

des Deutschen Bundestages

Sehr geehrter Herr Schweitzer

[…]

Wie Sie wissen, hat sich der Deutsche Bundestag am 30. Januar mehrheitlich dazu entschlossen, die Einfuhr und Erforschung bereits existierender embryonaler Stammzellen nach Deutschland unter strengen Auflagen zuzulassen. Der Entscheidung ging eine intensiv und kontrovers geführte Diskussion voraus, in der Wissenschaftler, Politiker, Ärzte und Kirchen ihre unterschiedlichen Standpunkte deutlich gemacht haben. Die Parlamentarier haben sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Schließlich musste jeder von ihnen eine echte Gewissensentscheidung treffen, bei der es um die essentielle Frage ging, wie die Freiheit der Forschung und die damit verbundene Hoffnung auf Heilungschancen unter gleichzeitiger Wahrung der unveräußerlichen Würde des Menschen verwirklicht werden kann.

Als Christenmensch bin ich der Ansicht, dass der künstliche Eingriff in das menschliche Erbgut mehr ist als ein nur technischer Vorgang, sondern an den Grundlagen menschlichen Lebens rührt. Deshalb habe ich bei der Abstimmung im Deutschen Bundestag gegen einen Import von embryonalen Stammzellen votiert – also für einen Antrag, der von der Mehrheit der Parlamentarier nicht unterstützt wurde.

Das Parlament, das nun mit der Erarbeitung eines Gesetzentwurfs für den Import embryonaler Stammzellenbefasst ist, plant neben der Einrichtung einer interdisziplinär besetzten Ethikkommission eine gesetzlich legitimierte Kontrollbehörde, die die Einhaltung der Importvorschriften zukünftig überwacht. Darüber hinaus ist es wichtig, dass nicht nur national ein gesetzliches Regelwerk geschaffen wird, sondern über die Grenzen Deutschlands und sogar Europas hinaus. Denn die Probleme der Gentechnik können letztlich nicht auf nationaler Ebene allein gelöst werden, Menschenwürde und Menschenrechte zu schützen ist eine internationale Verpflichtung.

Ich bedanke mich für Ihre freundlichen Worte und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Thierse

PROF. DR. HERTA DÄUBLER-GMELIN MdB

BUNDESMINISTERIN DER JUSTIZ

Sehr geehrter Herr Schweitzer,

über Ihre Segenswünsche und Grüße aus unserer gemeinsamen Heimat, über deren Schönheit wir natürlich einer Meinung sind, habe ich mich sehr gefreut. Vielen Dank dafür.

Ich stimme mit Ihnen darin überein, dass es bei den aktuellen bioethischen Diskussionen in der Tiefe immer wieder um die Frage nach der unantastbaren Würde menschlichen Lebens geht. Wenn wir nicht daran festhalten, dass menschliches Leben von Beginn an geschützt ist, dann werden sich unser Menschenbild und unsere Gesellschaft verändern. Auch wenn die Entscheidung im Deutschen Bundestag am 30. Januar nicht so ausgegangen ist, wie ich mir das gewünscht habe, bin ich doch froh, dass das Parlament in seinem Beschluss sehr klare Worte für den Lebensschutz gefunden hat: Es bekräftigt die Zielsetzung des Embryonenschutzgesetzes, dass Embryonen nur zum Zweck der Fortpflanzung erzeugt werden dürfen. Sehr nachdrücklich heißt es: „Sie sind zukünftige Kinder zukünftiger Eltern. An dieser Rechtslage ist festzuhalten. Eine Tötung von Embryonen zu Forschungszwecken muss verboten sein.“

Nun wird es darum gehen, dass das neue Gesetz zum Import und zur Verwendung von humanen embryonalen Stammzellen sehr deutlich zum Ausdruck bringt, dass der Import dieser Zellen grundsätzlich verboten und nur ausnahmsweise unter strengen Voraussetzungen zulässig ist, wobei sichergestellt werden muss, das eine Tötung weiterer Embryonen zur Stammzellengewinnung vermieden wird.

Ich begrüße es auch, dass der Bundestag in seinem Beschluss der Förderung ethisch unbedenklicher Alternativen wie der Forschung an menschlichen adulten Stammzellen den Vorrang gegeben hat. Diese Förderung muss noch verstärkt werden.

Zu Recht weisen Sie darauf hin, dass es mit nationalen Regelungen allein nicht getan ist. Da geht es zum einen um die Frage, welche Forschungsprojekte mit Mitteln der Europäischen Union gefördert werden. Wir brauchen aber auch international verbindliche ethische Mindeststandards in diesem Bereich. Die deutsche und die französische Regierung haben gemeinsam eine Initiative auf den Weg gebracht, das Verbot des Klonens von Menschen auf UN-Ebene zu verankern. Dieser Initiative haben sich mittlerweile alle Staaten der Europäischen Union und viele andere Länder angeschlossen. Ein solches Übereinkommen wäre ein guter erster Schritt.

Dass Sie die Aufforderung aus Jeremia 29,7 so konkret in die Tat umsetzen, freut mich sehr...

Mit freundlichen Grüßen

Herta Däubler-Gmelin

Es lagen dem Bundestag damals 3 Anträge zur Abstimmung vor:

Dieser Kompromissantrag wurde mehrheitlich angenommen und dann in Gesetzesform gegossen, dessen Konturen die beiden Briefe schon zeigten. Genauer gesprochen bestimmt das StZG (Bundesgesetzblatt Nr. 42, vom 29. Juni 2002, Seite 2277-80):

  1. Die Einfuhr von HES (humanen embryonalen Stammzellen) ist verboten. (§4.1)
  2. Es wird beim Gesundheitsministerium eine Genehmigungsbehörde (§7) eingerichtet. Ihr angegliedert ist ein aus unabhängigen Persönlichkeiten bestehender Ethikrat. Diesem gehören Sachverständige an aus Biologie, Ethik, Medizin und Theologie (§8 und 9).
  3. Die Einfuhr von HES ist jedoch zulässig, wenn für die Genehmigungsbehörde fest steht,
    - dass diese HES Stammzelllinien angehören, die vor dem Stichtag, d.h. dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden,
    - dass es sich nachweislich um „übrige“ Zellen handelt, die endgültig nicht mehr für den Zweck der Schwangerschaft verwendet werden,
    - dass kein Geld für die Überlassung dieser Zellen für die Forschung bezahlt wurde,
    - dass es um hochrangige Forschungsziele geht und Erkenntnisse dafür auf anderem Wege nicht gewonnen werden können.

Im Lauf der vergangenen 5 Jahre wurden 20 Anträge eingereicht und bis auf wenige Ausnahmen auch genehmigt.

6. Neuregelung des StZG – geht die Balance verloren?

Die 2002 ausgehandelte Lösung war ein Kompromiss: einerseits war die Forschung mit embryonalen Zellen möglich, andererseits war sie stark reglementiert und vor allem durch die „Stichtagregelung“ sehr stark auf die vor dem 1.1.2002 schon vorhandenen Zelllinien festgelegt. Ethisch nahm man den Tod dieser Embryonen in Kauf, da er ja nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Aber man hatte mit Erfolg die Tötung weiterer Embryonen verhindert.

Doch die Entwicklung ging weiter. In immer mehr europäischen Ländern wurde die Forschung mit HES freizügig geregelt. Noch stärker in China und Singapur, die sogar therapeutisches Klonen erlauben. Insgesamt gibt es z.Zt. auf der ganzen Welt ca. 500 Stammzelllinien. Dies alles setzte die Diskussion in der EU-Kommission und im EU-Parlament in 2006 wieder in Gang. So fördert die EU ganz offiziell heute alle Projekte der Stammzellforschung außer dem therapeutischen Klonen und der gezielten Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken d.h. die Forschung mit den „übrigen“ ist in vollem Gang.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) weist auf diese Vorteile in anderen Ländern hin. Vor allem aber fordert sie seit letztem Herbst massiv eine Liberalisierung der Rechtsgrundlage von der Politik, da die bisher erlaubten Zelllinien dermaßen mit Viren verunreinigt seien, dass sie für Forschungszwecke untauglich geworden seien.

Mitte Juli empfahl nun der Ethikrat – nach einer Expertenanhörung im Mai – auf dem Hintergrund der DRG anfragen – mit 14 gegen 10 Stimmen mehrheitlich eine Neuregelung des StZG von 2002. Diese sollte umfassen:

10 Mitglieder des Ethikrates schlossen sich dem nicht an und veröffentlichten ein Minderheitenvotum. Es legt Widerspruch ein und formuliert:

Man beachte, dies ist nur eine Empfehlung und noch keine Gesetzesvorlage. Diese muss vom zuständigen Ministerium kommen.

Die zuständige Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU), überzeugte Katholikin, sagt, dass die Arbeit mit embryonalen Stammzellen nach ihren persönlichen Wertvorstellungen eigentlich gar nicht möglich seien, dass sie aber diese persönliche Überzeugung nicht zur Leitlinie ihres politischen Handels machen werde. „Hier seien“, so meint sie, „ganz grundlegende Erwägungen und die Notwendigkeiten der Forschung zusammenzubringen“. Deshalb denke sie „in der Logik des bisherigen Stammzellgesetzes über eine Verlegung des Stichtages nach“ (F.A.Z. 26.7.07). Damit bekämen deutsche Forscher im Rahmen der deutschen Gesetze Zugang zu den inzwischen 500 weltweit vorhandenen Stammzelllinien. Auch der Ratspräsident der EKD Bischof Wolfgang Huber, Berlin, plädiert für diese Kompromisslinie. Und auch in der CDU mehren sich schon die Stimmen, die strengen Regelungen von 2002 zu lockern.

Im Herbst wird der Deutsche Bundestag über die Novellierung des StZG von 2002 beraten. Vermutlich wieder ohne Fraktionszwang.

HINTERGRÜNDE

1. Wie Feuer und Wasser

Es gibt Dinge im Leben, die schließen sich aus. Hier liegt ein solches Beispiel vor. Die vom Grundgesetz als höchstes Rechtsgut geforderte Menschenwürde, die der Staat zu bewahren habe, was vom BVG zwei mal nachdrücklich bestätigt worden ist, und die im Embryonenschutzgesetz festgeschrieben wurde, erlaubt eben in sich keinen Verbrauch von Embryonen wo und wie auch immer.

Schon der §218 über den Schwangerschaftsabbruch hatte 1993 an dieser Grundfeste gerüttelt, war aber mit der eindeutigen Definition als „rechtswidrig“ im Rahmen des Embryonenschutzes geblieben.

Nun aber kommt der nächste Schritt und man spürt, wie der Spagat d.h. das Ringen um eine Vereinbarkeit von beiden Positionen noch mühsamer wird. Spiegel dessen der §1 des StZG von 2002 zum „Zweck des Gesetzes“.

§ 1

Zweck des Gesetzes

Zweck dieses Gesetzes ist es, im Hinblick auf die staatliche Verpflichtung, die Menschenwürde und das Recht auf Leben zu achten und zu schützen und die Freiheit der Forschung zu gewährleisten,

•  die Einfuhr und die Verwendung embryonaler Stammzellen grundsätzlich zu verbieten,

•  zu vermeiden, dass von Deutschland aus eine Gewinnung embryonaler Stammzellen veranlasst wird, und

•  die Voraussetzungen zu bestimmen, unter denen die Einfuhr und die Verwendung embryonaler Stammzellen ausnahmsweise zu Forschungszwecken zugelassen sind.

Das Grundgesetz verbietet es, setzt auch eindeutig Menschwürde über Freiheit von Forschung und Lehre; andererseits stehen da der Drang zum unendlichen Forschen sowie ganz konkrete wirtschaftliche Erwägungen. So bleibt man also beim Verbot, erlaubt aber Ausnahmen. Diese sind anders als beim § 218 nicht mehr „rechtswidrig, aber straffrei“, sondern „rechtmäßig, unter bestimmten Bedingungen“. Die Brücke zwischen beiden Ufern, über den Abgrund einer eigentlichen Unvereinbarkeit ist die „Stichtagregelung“. Sie versorgt die Forschung mit Embryonen und erlaubt den Ethikern tief seufzend die Zustimmung, da sie den Tod der Embryonen ja weder verantworten müssen, noch rückgängig machen können. Der Stichtag wurde 2002 rückwirkend vom Datum der Diskussion am 30.1.02 auf den 1.1.02 festgelegt. Festgelegt wurde dabei aber auch, dass dieser Stichtag unverrückbar sei.

Genau dies aber wird nun zur Kernfrage der Neuregelung, die von der Forschung verlangt wird, da sich mit den Zelllinien von vor 1.1.02 nicht mehr sinnvoll arbeiten ließe.

Dafür spricht:

Verschiebung des Stichtages (Schavan, Ethikrat Minderheitsvotum) erlaubt Zugang zu frischem „Material“ für die Forscher und eine Beruhigung für das Gewissen der Ethiker.

Dagegen spricht:

Dass trotz heiliger Schwüre (Rene Röspel, SPD) in absehbarer Zeit wieder ein neuer Stichtag gebraucht und sicher dann auch gewährt wird.

Von daher wird von manchem gleich eine „nachlaufende Regelung mit automatischer Verlängerung“ vorgeschlagen (Günther Stock, Akademie der Wissenschaften von Berlin-Brandenburg). Ob das nicht eine gezielte Produktion im Ausland für den zu erwartenden Schub am deutschen Markt beim nächsten Stichtagwechsel auslöst, ist zu fragen.

Von daher ist es nur konsequent, wenn jetzt nach dem 1. Schritt „rechtswidrig, aber straffrei“, und dem 2. Schritt, „rechtmäßig unter bestimmten Ausnahmebedingungen“, jetzt der 3. Schritt gefordert wird „rechtmäßig, ohne ethische Bedenken (Stichtag), reguliert nur noch mit Regeln des menschlichen Anstandes (Verfahren)“. Damit gibt der Ethikrat die Absolutheit des Grundgesetzes und des Embryonenschutzes auf und leitet daraus nur noch gewisse Regeln des Anstandes bei der Gewinnung von Embryonen ab: keine zu kommerziellen Zwecken hergestellte Embryonen; ansonsten nur Prüfung von Fall zu Fall, ob die Entstehungskriterien dieser Keimbahnen deutschem Recht entsprechen.

Den letzten Schritt hat dann Großbritannien, Israel u.a. getan mit dem freien Zugang der Forschung zu den Embryonenbanken der Befruchtungskliniken, ohne ethische Belastungen, unterstützt von EU-Geldern: 51 Mrd. in den Jahren 2007 bis 2013.

Folgt der Bundestag in seiner Abstimmung der Mehrheit des Ethikrates, so wird er Stufe 3 beschließen, wo zu Stufe 4 sachlich fast kein Unterschied mehr besteht, nur noch im Gewissen des einzelnen Forschers vielleicht.

Es ist aber anzunehmen, dass die Forschungsministerin dem Ethikrat nicht entsprechen wird, sondern sich dem Minderheitenvotum mit der „Stichtagregelung“ anschließen wird unter voller Beibehaltung des Embryonenschutzgesetzes.

2. Faust – der Zauberlehrling – und Prometheus

J. W. von Goethe hat in der Gestalt des Dr. Faustus in treffender Weise den Typ des Forschers dargestellt, dem um seines Forschens willen alles egal ist, der dafür sogar bereit ist, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, wenn nur sein Wissensdurst, sein unersättlicher Forscherdrang gestillt wird. Was ihn zutiefst umtreibt bei Tag und Nacht ist die Frage (Faust I, 1. Nacht):

„dass ich erkenne, was die Welt

im Innersten zusammenhält.“

Was sind die Regelkreise und Zusammenhänge?

„Schau alle Wirkenskraft und Samen,

und tu nicht mehr in Worten kramen.“

Nicht mehr lesen, sondern selber die Kräfte der Natur erkennen.

Faust kennt als Naturwissenschaftler keine Grenzen mehr –

„drum hab ich mich der Magie ergeben.“

Er weiß genau, dass dies eine Grenze ist, die dem Menschen gesetzt ist. Aber er übertritt sie wissentlich – und landet in den Fängen des Mephisto, des Teufels.

HES ist dieser Drang, das Unbekannte zu entdecken, die Geheimnisse des Lebens zu enthüllen, vorwärts zu gehen ohne Furcht und Grenze.

Faust als Typ stellt uns die Frage, deren Beantwortung in der Naturwissenschaft heute mit unabweisbarer Dringlichkeit ansteht: Darf der Mensch alles erforschen , ohne Bedenken, grenzenlos? Und wenn nicht – welches sind die Grenzen? Wer definiert sie? Wem beugt sich der Forscher, wenn er an bestimmter Stelle inne hält?

Tritt heute im globalen Zusammenhang die Zusatzfrage auf: Wenn ich auch innehalte, ein anderer tut es doch und verbindet seinen Namen mit der Entdeckung. Ein Moment, das Faust nicht kannte.

Und noch weniger die Befürchtung: …dann macht ein anderer das Geschäft.

Was sind die Folgen des Eingriffs in Dinge, die mich eigentlich nichts angehen, weil ich sie nicht mehr kontrollieren kann? Goethe beschreibt dies in seinem Gedicht:
Der Zauberlehrling “.

Ein Hexenmeister geht mal aus. Da nimmt sein Lehrling die Gelegenheit wahr, mit Hilfe einer Formel, die er dem Meister abgelauscht hat, einen Besen in einen Knecht zu verwandeln, der ihm das Wasser zum Bad vom Fluss holen soll. Der Besen verwandelt sich und tut, was ihm befohlen. Es funktioniert als Roboter. Am Ende aber, als das Bad voll, der Zweck erfüllt ist, hat der Lehrling vergessen, wie er den Knecht zum Besen zurück verwandeln kann. Er verliert total die Kontrolle, das Haus ist überschwemmt und der entfesselte Knecht läuft immer weiter. In seiner Verzweiflung holt der Lehrling das Beil und spaltet den Besen – und alsbald laufen zwei. Da fängt er an – endlich! – um Hilfe zu schreien

„Herr und Meister! Hör mich rufen! –

Ach, da kommt der Meister!

Herr, die Not ist groß!

Die ich rief die Geister,

werd' ich nun nicht los“

Es ist eindeutig, dass Goethe visionär die kommenden Zeiten der Industrialisierung mit ihren technischen Möglichkeiten in ihren Gefahren damit beschrieben hat und die Menschen warnt, in die Mandate des Meisters einzugreifen.

In der Atomphysik haben wir die Erfahrungen des Zauberlehrlings schon vor Augen. In der Gentechnologie warnen uns besonnene Wissenschaftler z.B. vor Tumorbildungen und Auswirkungen auf die Menschheit, die nicht mehr beherrschbar sind. Und vollends bei der Stammzellforschung. Mit Auswirkungen nicht nur im Biologischen, sondern auch im Menschenbild, was dann eine ganze Kultur verändern kann (siehe Drittes Reich).

Und noch ein drittes Gedicht Goethes spricht heute unmittelbar in die Frage der Stammzellforschung hinein, die zunächst nur in Asien selbst das Klonen mit einschließt.

Prometheus , eine Figur aus der griechischen Mythologie, ein Rebell wider die Götter, wird bei Goethe zum Rebell schlecht hin, zum Typ des Menschen in seiner Auflehnung gegen Gott überhaupt, der ihn verhöhnt, weil er sich nur sich selber verdanken will. Und noch mehr: er imitiert den Schöpfer selbst, indem er sich hinsetzt und selber Menschen formt nach seinem Bilde:

„Hier sitz ich, forme Menschen

nach meinem Bilde,

ein Geschlecht, das mir gleich sei,

zu leiden, weinen,

genießen und zu freuen sich,

und dein nicht zu achten,

wie ich.“

Und auch hier beschreibt Goethe etwas, was latent die ganze Diskussion durchzieht: Wer will uns denn Grenzen setzen? Dies könnte doch nur Gott sein, vor dessen Macht sich der Mensch in Ehrfurcht beugt. An dieser Stelle tritt Prometheus heute aus den Labors hervor und erklärt diesen Gott für irrelevant für die Forschung. Ihre Ziele und Grenzen bestimme ich, der Mensch.

3. Eva – Adam – Ethikrat – und Kirchen

Die Geschichte vom Paradies in 1. Mose 2 erzählt von einem wunderbaren Garten, in den sein Schöpfer und Eigentümer „den Menschen“ setzt, „dass er ihn bebaute und bewahrte“ (V 15). Dann öffnet er ihm alle Möglichkeiten des Gartens und fügt betont hinzu: „Aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben“ (V 17).

Gott setzt also eine Grenze. Es ist alles offen. Nur das nicht. Warum nicht? Gott gibt keine Erklärung ab, aber offensichtlich ist es seine Domäne, aus der er den Menschen ausgrenzt. Das ist ihm allein vorbehalten.

Zugleich ist es ein existenzieller Test Gottes mit seinem Menschen. Er hebt ihn damit aus der Ebene der Marionette in den Stand des selbstentscheidenden Gegenübers, mit der Freiheit, Ja und Nein sagen zu können zu Gottes Gebot. In Kapitel 3 steht das Paar unter dem Baum der Erkenntnis. Der Versucher reizt die Neugier: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen“ (V 5).

Eva ist fasziniert davon und im längeren Betrachten des Baumes/der Möglichkeit wird alles noch faszinierender. Es braucht einige Zeit, bis sie ihre moralischen Bedenken zur Seite schiebt, bis sie sich die neuen Lebensmöglichkeiten vor Augen gestellt hat und was man mit diesem neuen Wissen alles anfangen könnte – bis sie es endlich tut, zugreift und zubeißt. Von diesem Augenblick an gibt es kein Zurück mehr, weil es nie ein Zurück mehr gibt hinter eine gewonnene Erkenntnis. Die Folge ist die Vertreibung aus dem Paradies, aus der Geborgenheit bei Gott.

„Und sie aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und auch er aß!“ (V 6).

Adam stand dabei. Er wusste vollständig von dem Risiko, davon zu essen. Er hinderte sie nicht am Pflücken. Er hielt sich moralisch bedeckt: sie hat ja das Verbot gebrochen und gepflückt. Er ist ja nur der Mitläufer.
Und entsprechend verhält er sich dann auch nachher im Gespräch mit Gott: „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ Es nützt ihm nichts: Täter oder Mitläufer – er fliegt mit ihr raus aus dem Paradies.

Wenn die Stammzellforschung am Menschen mit Verbrauch von Embryonen Übertreten einer Gotteslinie ist, die er sich als Schöpfer vorbehalten hat und Tötung von menschlichen Embryonen Mord ist, dann ist egal, wer zuerst über die Linie tritt und wer „nachzieht“. Es sind die Christus-fernen Völker Asiens, China und Singapur, die ohne Hemmungen die Frucht vom Baum der Erkenntnis reißen. Aber folgen die christlich geprägten Völker? Präsident Bush hat lange widerstanden. Deutsche wie Robert Antretter (SPD) im Europaparlament auch. Ebenso die deutsche Politik vor Schröder. Er hat es ins Parlament gebracht und hat für die extremste Lösung votiert. Nun ist Bundesforschungsministerin Annette Schavan dran. Welch eine Spannung zwischen dem klar erkannten Nein Gottes und dem Zugestehen-Müssen als Politikerin.

Der Ethikrat hat m.E. mit seinem Papier seine Kompetenzen klar überschritten. Nach §9 des StZG war es seine Aufgabe, die eingegangenen Anträge zu prüfen und zu bewerten. Mehr nicht! Was er aber jetzt tat, war, der Lobby der Deutschen Forschungsgemeinschaft sozusagen eine moralische Absegnung zu geben, was wiederum die Politik, sprich die sich klar moralisch positionierende Ministerin unter Druck setzte, da sie jetzt nicht mehr ethisch argumentieren konnte. Sie wird damit von beiden Seiten, Forschung und Ethik unter Druck gesetzt. Außerdem spricht der Abstand von 4 Stimmen bei 24 ja auch eine klare Sprache, was die „Eindeutigkeit“ der Position des Ethik-Rates betrifft.

Kardinal Lehman hat dazu für die katholische Kirche schon im Dezember 2006 sehr klar Stellung bezogen: „Ich habe einen grundlegenden Einwand gegen eine Festlegung von Stichtagen, weil der Verbrauch von Embryonen dadurch legitimiert erscheint. Dies widerspricht der Menschenwürde und der Schützwürdigkeit des Lebens von Anfang an.“ Hier könne es keine Ausnahme geben. Eine Forschung bei der Menschen getötet würden, sei nicht akzeptabel. Dieser Eindeutigkeit ist nichts hinzuzufügen. Sie drückt eindeutig den Willen Gottes aus (5.Gebot).

Bischof Wolfgang Huber schlägt evangelischerseits eine Verschiebung des Stichtages auf den 31.12.2005 vor, wählt also den bisherigen Zwischenweg und kommt der Forschung entgegen.

GEBET

  1. Lasst uns zuerst den Psalm 139 betend und Gott preisend lesen, z.B. „Ich danke DIR, dass ich wunderbar gemacht bin“ etc.
    Diese gilt für alle Menschen – von Anfang bis zum Ende.
    Wir wollen uns in dieser Optik verankern, denn dies ist der Grund aller Menschenwürde.
  2. Nach der Pressemitteilung des Ethikrates titelte der Rheinische Merkur (Nr. 29, S.3) „Wo bleibt der Aufschrei. Embryonenschutz in Deutschland – das war einmal“. Und in der Tat, im Vergleich zu 2001/02, wo alles gegen Embryonenverbrauch Sturm lief, regte sich jetzt niemand mehr auf. Die Politiker werden das einzuschätzen wissen.
    Es ist wie bei jeder „Grausamkeit“: Zuerst stehst du auf dagegen; beim 2. Mal regst du dich noch auf und nach 5 Jahren lässt man es resigniert passieren.
    Wir müssen zuerst Buße tun, dass wir uns – mit Ausnahmen – an die Tötung von stummen Embryonen gewöhnt haben. Wir sind „Abtreibungs-trainiert“ was den Embryonenschutz anbelangt. Kyrie eleison!
  3. Wir müssen auch stellvertretend Buße tun für diese kinderfressende Forschung. Dem Moloch wurden damals Kinder geopfert. Unser Moloch heute heißt „Gesundheit“. Gerhard Schröders „Ethik des Heilens“ als Gegenposition formuliert zum Embryonenschutz ist zynisch und nimmt den Embryo als Mensch nicht ernst.
  4. Lasst uns in der Fürbitte Annette Schavan begleiten, dass sie „mutig und stark, entschlossen und kühn“ wird, „mit dem Herrn vorwärts zu gehen“. Sie braucht jetzt Mut und Weisheit und Rückendeckung. Lasst uns darum in dieser Sache auch für Angela Merkel und die CDU Fraktion und ihre Vorsitzenden Volker Kauder und Peter Ramsauer (CSU) beten.
    Lasst uns beten für die Ausschüsse und dass sich alle Abgeordneten nochmals persönlich mit der Problematik beschäftigen, da sie im Herbst ohne Fraktionszwang frei darüber abstimmen müssen.
  5. Lasst uns beten gegen eine Freigabe des Embryonenverbrauches, und für eine grundsätzliche Aufrechterhaltung des Embryonenschutzes in unserem Land.
  6. Für Aufsehen erregende wissenschaftliche Erfolge der Forschung an adulten Stammzellen. Und lasst uns beten, dass sich die HES-Forschung mehr und mehr als Sackgasse herausstellt (analog zum kläglichen Scheitern der EU-Verfassung, nachdem sie meinten, Europa ohne Gott bauen zu können). Dies wäre noch die gnädigere Form des Gerichts gegenüber einer Entwicklung wie beim „Zauberlehrling“, dass unbeherrschbare Gen-Krankheiten die Welt heimsuchen.
  7. Lasst uns beten, dass der Kampf von führenden Stammzellforschern zum Erfolg führt, die sich einen Katalog mit länderübergreifenden Arbeitsstandards verordnet haben und dass sich da viele anschließen. Es braucht auf Weltebene, entweder unter den Forschern selber oder bei der UN eine Stelle mit verbindlichen Maßstäben und dass sich die führenden Wissenschaftsjournale dieser Konvention anschließen. Das Problem ist nur international zu lösen.
  8. Was kann man tun?
    - Jeder kann an den Abgeordneten seines Wahlkreises mailen. Diese Mails heißen alle: vorname . nachname@bundestag . de Bittet ihn/sie, für den Embryonenschutz zu kämpfen und gegen eine Angleichung an die EU-Praxis zu stimmen.
    - Schreibt an Annette Schavan, Volker Kauder, Peter Ramsauer
    Vertretet Euren Standpunkt kurz, klar und freundlich mit Wertschätzung.

So lasst uns mit Zuversicht ans Werk gehen und beten und arbeiten. Laut Ärztezeitung vom 26.1.07 sind 56,3% der Bundesbürger dafür, Stammzellen bei der Forschung auszuklammern.

Gott hat schon oft erstaunlich auf unsere Gebete reagiert.

Ortwin Schweitzer

Quellen:

F:A:Z: 20.7.06; 25.7.06; 26.7.06;27.7.06. WAMS 19.6.05. Rheinischer Merkur Nr. 29,2007. Berliner Zeitung 17.7.07. Stuttgarter Zeitung 26.7.07. Bundesgesetzblatt Nr. 42, 2002, Teil I, S. 2277ff. Prof. Dr. A. Bauer, Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen. Worin besteht das ethische Dilemma? Vortrag vom 25.1.02 in Berlin im Konrad-Adenauer-Haus.

www.kath-info.de/stammzellen www.aerztezeitung.de/medizin/stammzellen zwischen 26.1. und 20.7.07

Nationaler Ethikrat, Pressemitteilung 08/2007. Kürschner Volkshandbuch, Deutscher Bundestag, 16. Wahlperiode.

J. W. Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil. Reclam.

Echtermeyer, Deutsche Gedichte, August Bagel Verlag, Düsseldorf 1958.