DIE POLITISCHE SEITE

Juli 2005

„Europa – Gott hat geredet!“ ( 1. Teil)

Die „Politische Seite“ ist dieses Mal eine Doppelnummer Juli /August. Aber auch inhaltlich erfordert das Thema „Europa“ eine breitere Darstellung als sonst. Insofern erscheint im Juli der 1. Teil, für August dann der 2. Teil des Artikels. Wer aber gerne im Urlaub schon den ganzen Artikel lesen möchte, kann sich diesen bei www.beter-im-aufbruch.de.vu herunterladen.

Der Aufbau des Artikels ist ebenfalls anders als sonst. Die „Hintergründe“ d.h. die geistliche Deutung ist voran gestellt. Dann folgen Informationen zum Brüsseler Desaster und seinen Gründen. Soweit der 1. Teil, der mit Gebetsanliegen abschließt.

Der 2. Teil beginnt mit einigen Punkten, die sich aus der Situation als Folge ergeben. Um die Brisanz der jetzigen Situation zu empfinden, ist es gut, sich die Phasen der Entwicklung der EU vor Augen zu stellen. Was heißt: fit sein für die Globalisierung? Es heißt, dass Europa seine Identität kennen muss, um nicht anderen nachzulaufen und sich selbstbewusst in die neue Zeit einzubringen. Den Schluss bildet eine geistliche Bewertung der Idee Europa von Gottes Maßstäben her. Eine geistliche Besinnung schließt den 2. Teil ab.

Es gibt wohl keinen, der in den vergangenen Wochen nicht mit großer Bewegung wahrgenommen hat, was mit Europa geschieht. Wer noch das Ringen um den Gottesbezug in der Präambel der Verfassung im Herbst 2003 in Erinnerung hatte, – ein Bezug, der dann abgelehnt wurde – dem wurde bewusst, wie er gerade im Moment Gottesgeschichte miterlebend darf, mit eigenen Augen sehen darf, dass Gott sich nicht spotten lässt und Er die Geschichte, auch die des säkularen, post-christlichen Europas lenkt. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. sagte bei seinem Kampf um den Gottesbezug, er gebe Europa, wenn es Gott so bewusst ausklammere, nicht mehr als 10 Jahre. Es hat nicht 10 Jahre, es hat gerade 1 Jahr gedauert, bis Europa in seine schwerste Krise seit Bestehen geschlittert ist, wo keiner mehr weiter weiß und keiner mehr Prognosen wagt.

Gott hat geredet!

Wenn Gott redet, redet er klar.

HINTERGRÜNDE

Valéry Giscard d'Estaing war Präsident des Konvents. Nach langen Debatten im Konvent hat er im Alleingang die Präambel formuliert und diese unter Zeitdruck und mit dem Druck seiner Autorität als Präsident durchgesetzt. Bei den darauf folgenden Wahlen in Frankreich wurde er – entgegen allen Prognosen – „völlig überraschend“ abgewählt und verschwand seither im politischen Nichts.

Jacques Chirac , der sich im Europarat unnachgiebig gegen einen Gottesbezug oder gegen eine Erwähnung des christlichen Erbes Europas gesperrt hatte (auf dem Hintergrund der französischen Verfassung), wähnte sich so sicher, dass er im letzten Jahr seinem Volk ein Referendum über die Verfassung versprach. Nie hätte er mit dem gerechnet, was jetzt kam: die Volksstimmung kippte, ja, das Volk rechnete geradezu mit ihm ab und er verlor mit 55% der Stimmern – tief gedemütigt vor der internationalen Welt. Er gilt politisch als so beschädigt, dass es nicht sicher ist, ob er die 2 Jahre seiner Amtszeit noch übersteht.

Alle Staats- und Regierungschefs waren sich einig, die Verfassung ohne Gottesbezug auf den Weg der Ratifizierung zu schicken, nachdem sie den Vertrag am 29.10.2004 im Rom alle unterschrieben hatten. Obwohl das Vetorecht galt d.h. ein Nein den ganzen Prozess zunichte machen konnte, waren sie so optimistisch, dass sie nicht einmal in der Schublade einen B-Plan für den Fall einer Ablehnung hatten. Man wusste um die Euroskepsis des Briten und war von daher entsetzt, wie Tony Blair wenige Wochen zuvor seinem Volk auch ein Referendum zugestand – von dem jeder wusste, dass er es mit 1:6 Wahrscheinlichkeit verlieren würde. Was aber dann geschah, war für die EU ein SuperGAU: nicht die „Inselbriten“, sondern das Stammland des europäischen Einigungsprozesses, Frankreich, sagte Nein zur Verfassung – noch vor den Briten. Und 3 Tage später am 1. Juni sagte noch ein weiteres Kernland, die Niederlande, Nein zur Verfassung. Und noch bevor die „heads of state“ zur Krisensitzung zusammen treten konnten, verkündete Tony Blair, dass er eine bereits gescheiterte Sache seinem Volk nicht zur Abstimmung vorlegen könne. Sofort folgten dem die Dänen, wo auch die Neinsager inzwischen die Mehrheit bekommen hatten. Andere Länder folgten.

Um trotz dieses offensichtlichen Scheiterns ein Signal der Handlungsfähigkeit für die Bevölkerung Europas zu setzen, entschloss man sich, beim nächsten Gipfeltreffen am 16./17. Juni in Brüssel zwar auch über den weiteren Weg der Verfassung zu reden, am 2. Tag (17.6.05) aber vor allem die Frage des EU-Haushaltes für die Jahre 2007-2013 zu klären. Zwar gab es da verschiedene Standpunkte, aber man hoffte, diese doch durch Kompromisse zusammen zu bringen, wenn „alle sich etwas bewegen“ würden. Aber es gelang nicht. Die Verhandlung platzte. Wut und Enttäuschung machten sich breit und Resignation über den weitern Weg für Europa. Der Ratspräsident, Jean-Claude Juncker, ein begeisterter Europäer, bekannte am Ende, dass seine Europabegeisterung in dieser Nacht „einen Knacks bekommen“ habe.

So redete also Gott mit den Akteuren, einzeln und insgesamt, die meinten, IHN ausklammern zu können aus der Geschichte dieses Kontinents.

In einem Brief an alle 25 Staats- und Regierungschefs der EU habe ich, kurz vor ihrer Konferenz in Brüssel, versucht, sie auf diesen Umstand hinzuweisen. Einige Sätze daraus:

Sie haben gemeinsam im letzten Jahr die Verfassung beschlossen.

Sie standen alle im Juni letzten Jahres unter einem enormen Erfolgsdruck und keiner wollte daher die Sache noch weiter komplizieren. Verständlich – aber doch der entscheidende Fehler.

Ich bitte Sie, jetzt im Folgenden nicht „politisch“ zu denken, sondern mit dem Abstand eines Betrachters von außen die Vorgänge zu betrachten. Wenn Gott nicht nur ein Formelbegriff, sondern Realität ist, dann steht er über Europa, über allem. Das heißt: ER nimmt Anteil, aber gewiss auch Einfluss auf das Geschehen hier. Dabei bedient er sich sehr normaler Faktoren wie z.B. Volksmeinungen oder Staatsmänner.

Uns fragt Er, ob wir unseren Weg nach Europa mit Ihm oder ohne Ihn gehen wollen. Wir können frei entscheiden. Im einen Fall wird Er uns Segen bis hinein ins Politische und Wirtschaftliche geben, im anderen Fall wird das Gegenteil eintreten: Dissens, Uneinheit, Misserfolge. Den Anfang dessen sehen wir jetzt gerade. Darum schreibe ich diesen Brief.

Dies ist eine Geschichtsdeutung, dessen bin ich mir bewusst. Aber wenn ich die Geschichte der Europäischen Union der letzten Jahre, besonders die Entstehungsgeschichte der Verfassung auf dem Hintergrund der biblischen Geschichte vom „Turmbau zu Babel“ betrachte, so kommt mir die gegenwärtige Situation der Verwirrung überhaupt nicht erstaunlich vor. Der Zusammenhang von dem „Ohne Gott“ und dem Scheitern eines historischen Weltwunders, eines Menschheitstraumes in beiden Fällen springt in die Augen...
Mit freundlichen Grüßen, Ortwin Schweitzer

In Babel (1. Mose 11,1-9) war es die Entdeckung von gebranntem Ton als Baumaterial sowie von Erdharz (Pech) als Bindemittel, die die Menschen damals auf den Gedanken brachte, eine historische Kulturleistung zu vollbringen. Der Turm, den sie bauen wollten, sollte (a) sie zusammen halten, (b) ihnen einen Namen machen, (c) bis in den Himmel reichen d.h. sie schütteln dem lieben Gott die Hand. Für ihr Bauwerk brauchen sie ihn nicht mehr.

Genau dieselben Abläufe wie beim Erstellen der Verfassung: (a) das Gemeinschaftswerk soll sie zusammen halten, (b) andere Regionen der Welt sollen staunen, was mit den Bausteinen der Völker und dem Mörtel des Geldes für ein einmaliges historisches Wunder errichtet wurde, (c) eines Werkes, das des Segens Gottes nicht mehr bedurften.

„Da fuhr der Herr herab, dass er sehe den Turm, den sie Menschen bauten“. Welch feine Ironie! Der Herr muss herab fahren, um den Turm zu sehen, der bis zum Himmel reichen soll.

„Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe“.

Ich hatte schon nach dem Doppel-Nein der Franzosen und Holländer diese Geschichte vor Augen. Wie es dann aber in Brüssel zuging beim Gipfeltreffen, da war die Geschichte vom Turmbau perfekt.

Noch ein weiterer Hinweis auf Gottes Spuren in dem Ganzen. Gott redet ja nicht nur durch Ereignisse, die interpretiert werden müssen, sondern auch durch sein Wort direkt, das unmittelbar in Situationen hinein geschieht. So war das geloste Wort der Losung (der Herrnhuter Brüdergemeinde) am 16.6.,an dem Tag, als „Brüssel“ anfing: „Alle, die dem Herrn widerstehen, werden zu ihm kommen und beschämt werden“. Jes 45,24. Ein Wort des Gerichtes und zugleich der Einladung. Mögen sie es so verstehen.

INFORMATION

Der Hergang: Brüssel 16./17. Juni 2005

Um die Problematik und die Dramatik dieser geplatzten Gipfelkonferenz begreifen zu können, ist es nötig, einige Vorinformationen zu haben.

Netto-Zahler

Eines der Grundprinzipien der Gemeinschaft der europäischen Staaten ist die Solidarität der Stärkeren mit den Schwächeren. Dieses – zutiefst christliche Prinzip besagt, dass die politisch und wirtschaftlich stärkeren Staaten den kleineren und ärmeren Staaten finanziell helfen, dass auch sie eine Chance haben, zu demselben Wohlstand zu kommen wie sie und so die europäischen Staaten mit der Zeit einen gleichen Lebensstandard genießen. Die Empfängerstaaten der 15 (vor der Erweiterung am 1.5.04) waren Spanien, Portugal, Griechenland und Irland. Alle anderen 11 zahlen mehr nach Brüssel, als sie für ihr Land an Zuschüssen wieder herausbekommen („Netto-Zahler“).

Jeder der Elf hat sich bereit erklärt, einen bestimmten Prozentsatz des Nationaleinkommens in die Brüsseler Kasse zu bezahlen. In Prozenten liegen Holland und Schweden noch vor Deutschland (an 3. Stelle). Da aber Deutschland die größte Volkswirtschaft in Europa ist, liegt Deutschland in realen Zahlen mit 7,652 Mrd. weit vor Holland mit 1,956 Mrd. und Schweden mit 0,950 Mrd. Von daher kommt die Rede von Deutschland als dem „Zahlmeister“ der EU.

Exkurs

Natürlich profitiert die deutsche Wirtschaft auch am meisten von der EU, durch den starken Export.-

Und geistlich gesprochen können wir nicht darum beten, dass Deutschland in seine Berufung

kommt, und ein Segen für seine 9 Nachbarn und Europa wird und dies alsbald vergessen, wenn es

ans Zahlen geht. Wenn Deutschland ein Vater-Land ist, dann darf ein Vater wohl auch für das Wohl

der (Völker-) Familie etwas mehr bezahlen.

Der „Britenrabatt“

England ist heute die zweitstärkste Volkswirtschaft in Europa und zahlt auch – zwar mit großem Abstand zu Deutschland – am zweit meisten in die Kasse. Prozentual stehen sie aber erst an 6. Stelle d.h. sie müssen von ihrer Wirtschaftsleistung weit weniger abzweigen als alle vor ihnen. Wie kommt das?

1984 war England noch eine schwache Volkswirtschaft. Die englische Premierministerin Margret Thatcher erreichte bei ihren Kollegen damals, dass ein Betrag von ca. 4,6 Mrd. an England wieder zurück überwiesen wird, weil es kaum Zuschüsse für seine Landwirtschaft brauchte.

Dieser Rabatt ist inzwischen aber schon lange nicht mehr nötig und wäre zur Verbesserung der Haushaltslage der EU sehr willkommen.

Der EU-Haushalt

Haushalt – das klingt nach langweilig. Am Haushalt aber werden die Prioritäten einer Organisation deutlich.

Der Haushalt 2005 der EU umfasst 106 Mrd. Euro. Davon gehen:

•  46% (49 Mrd.) an die Landwirtschaft.

•  33% (34 Mrd.) in die Strukturpolitik. Sie fördert Wachstum und Beschäftigung in unterentwickelten Regionen.

•  7% (7,4 Mrd.) zur Innenpolitik, d.h. für den europäischer Binnenmarkt, Währungs- und Finanzpolitik, Forschung, Innovation, Bildung.

•  5% (5,3 Mrd.) Außenpolitik, das sind Sicherheitsmaßnahmen und Hilfsmaßnahmen für Drittländer.

•  5% (5,3 Mrd.) Verwaltungsaufgaben.

•  3% (3,2 Mrd.) Heranführungshilfe für Beitrittskandidaten in der Anpassung von Justiz, Verwaltung und Infrastruktur

•  1% (1,06 Mrd.) Reserve für Soforthilfen.

Klar wird an dieser Verteilung, dass das Ressort „Landwirtschaft“ überproportional bedacht wird. (Darin enthalten auch Schutzzölle, Abnahme- und Preisgarantien, Landschaftsschutz u.a.) Dies löst Fragen aus, zumal wenn man erfährt, dass nur 5% der Bevölkerung der EU in der Landwirtschaft tätig sind. Mit Abstand den größten Teil von diesem Zuschuss (ca. 11 Mrd.) erhält Frankreich für seine Bauern. Deutschland liegt an 3. Stelle mit knapp 6 Mrd.

Diese erstaunliche Verteilung der Haushaltsmittel ist nur aus den Anfängen, aus der Entstehungsgeschichte der EU zu erklären.

Der Hergang der Verhandlung

Geplatzt sind die Verhandlungen am 17.6. an dem unnachgiebigen Nein der Briten, ihren Rabatt ganz oder teilweise zu streichen. Ein neuer Vorschlag von Präsident Juncker, den Rabatt von 4,6 Mrd. auf über 5,5 Mrd. zu erhöhen, dafür diesen dann aber auf dieser Höhe „einzufrieren“, lehnte Tony Blair ab.

Einen letzen, geradezu bewegenden Vorschlag machten dann um Mitternacht die osteuropäischen Mitglieder. An die Briten gewandt sagten sie: „Wenn eure Problem ein finanzielles ist, sind wir bereit, Opfer zu bringen“ d.h. auf gewisse Zuschüsse zu verzichten. Die Runde war bewegt. Die Neumitglieder haben sich damit in authentischer Weise als Europäer gezeigt, die zu Opfern für andere bereit sind. Aber Tony Blair lenkt nicht ein. „Wir wollen nicht, dass die ärmeren osteuropäischen Länder für uns bezahlen“. Er will etwas ganz anderes . Er will eine radikale Kurskorrektur der EU.

Er sagt, er habe gar nichts dagegen, den milliardenschweren Rabatt auf den Tisch zu legen, aber nur, wenn endlich einmal grundsätzlich darüber geredet würde, wofür die EU ihr Geld ausgebe.

Dieser Ansatz ist richtig. Im Blick hat er nämlich den Landwirtschaftsetat und fragt, wie denn die EU in Zukunft die Konkurrenz mit den USA, China und Indien bestehen will, wenn für Forschung, Innovation und Bildung gerade mal 1/7 nur von dem investiert werde, was für Landwirtschaft ausgegeben werde. Dies sei doch Vergangenheit, heute aber gehe es um die Zukunft Europas.

Dem musste natürlich Jacques Chirac widerstehen, da Frankreich die größten Agrarzuschüsse erhält. Als er endlich in letzter Not Verhandlungen darüber ab 2009 anbietet, verlangt Blair Garantien dafür – die ihm aber niemand geben wollte. Insofern blieb er bei seinem Nein... und der Gipfel war geplatzt.

Eben dieselbe Haltung vertrat er wenige Tage später in seiner Antrittsrede vor dem Europaparlament, da Großbritannien ab dem 1. Juli die Ratspräsidentschaft übernimmt.

Die Gründe für das Nein

Die Gründe für das Non in Frankreich und das Nee in Holland sind verschieden. Wurde in Frankreich das Für und Wider hitzig und in jedem Café diskutiert, so war die Stimmungslage in Holland das genaue Gegenteil: gelangweilt und lustlos. Machte in Frankreich die gesamte Linke (Fabius) bis hin zu den Kommunisten mobil gegen Europa – die Rechten (Le Pen) sowieso - so gehörte das Nee der Holländer keiner politischen Partei zu. Von daher hatte die Ablehnung in Frankreich einen scharfen sozialkritischen Akzent gegenüber einer neoliberalen Wirtschaftspolitik der EU und verlangte sozialen Schutz von der Politik. Holland hingegen stand unter dem Schock von 2 Morden (an Pim Fortyn und Theo van Gogh), die aus dem einst so liberalen Land ein Land machten, das vom Staat in erster Linie Schutz erwartet: Schutz gegen die Immigranten und Schutz gegen einen entfesselten Islamismus. Den Holländern ging es bei ihrer Ablehnung (60%) ganz stark um ihre nationale Identität.

„Die Spielfreude an Europa ist weg. Und unsere Koordinaten auch. Für uns stand die Nato für Sicherheit, die EU für Wohlstand, die Dritte Welt für den moralischen Auftrag. Die Dritte Welt ist heute Konkurrent, die Nato ein Schatten ihrer selbst und die EU nur noch was für Sonntagsreden. Kein Wunder, dass das Nee wächst und wächst“ (DIE ZEIT, 25.5.05, S.9).

Unschwer könnte diese Analyse der Unzufriedenheit eines Holländers auch auf andere europäische Völker übertragen werden. So werden von Edmund Stoiber (Welt am Sonntag ‚WAMS' 18.6.05) und Angela Merkel vor dem Deutschen Bundestag (Stuttgarter Zeitung, 17.6.05) deutlich die Punkte genannt, die zum Scheitern der Annahme der Verfassung geführt haben. Und selbst Kanzler Schröder räumt nach dem Scheitern des Gipfels nüchtern ein: „Den Menschen zu erklären, dass sie die Europäische Union brauchen, um die Globalisierung zu gestalten, das haben wir bisher eindeutig nicht geschafft“ (WAMS dto S.3).

Aus den verschiedenen Voten ergeben sich folgende fünf Gründe für das Scheitern der Verfassung:

•  Es gibt einen allgemeinen Vertrauensabbruch der Bürger gegenüber den Politikern „da oben“. In Frankreich wie in Holland hatte die Ablehnung der Verfassung ganz stark mit einer allgemeinen Kritik an der gegenwärtigen Regierung Chirac bzw. Balkenende zu tun. Die beiden Referenda waren Gradmesser für diesen groß gewordenen Abstand, über den sich die Politiker anscheinend zuvor nicht im Klaren waren. Es herrscht eine Glaubwürdigkeitslücke zwischen Volk und Regierenden in vielen Staaten Europas.

•  Dazu kommt eine miserable Strategie der Vermittlung von Europa bzw. der Verfassung an die Bürger. Jedes neue Waschmittel wird professioneller und intensiver beworben als die Verfassung. Wenn diese schon von so historischer Bedeutung ist, wie viel mehr Mühe hätte in Anzeigen, TV Spots, Radiokommentaren etc. verwendet werden müssen, um diese Bedeutung den Bürgern zu vermitteln. Wer so wirbt, darf sich nicht wunder, wenn er auf seinem Produkt sitzen bleibt.

•  Zumal das Produkt außerordentlich sperrig ist: Es handelt sich um ein Vertragswerk von 482 Seiten, das vermittelt werden soll. Man hat einfach zu viel da hinein gestopft:

•  Präambel

•  Definition und Ziele der Union

•  Charta der ca. 50 Grundrechte der Bürger der EU

•  Auf welchen politischen Bereichen betätigt sich die EU und wie arbeitet sie.

•  Dann folgen auf 200 Seiten 36 Protokolle, dazu 70 Seiten Erklärungen etc. - ein Musterbeispiel dafür, wie von der Bürokratie, nicht vom Bürger her gedacht worden war.

•  Das Bild der Bürger von Europa ist gespalten.
Positiv erlebt der Bürger, dass es im Reiseverkehr keine Granzen mehr gibt und dass man in vielen Ländern heute mit EURO bezahlen und damit auch Preise besser vergleichen kann. Weniger offensichtlich, desto nötiger aber ist der grenzübergreifende Zusammenschluss bei der Bekämpfung der internationalen Kriminalität und des Terrorismus, sowie beim Klimaschutz und manchem anderen. - Eine wirkliche Ahnung davon, was die große Idee von Europa ist, hatten die Bürger des Kontinents aber, als am 1. Mai 2004 zehn neue Staaten als Mitglieder aufgenommen wurden. Das wurde durch alle Medien so eindrücklich und bürgernah vermittelt, dass jeder etwas vom Atem der Geschichte spüren konnte, von etwas weltgeschichtlich Einmaligem.
Leider aber überwiegt das Negative im Bild der Menschen von Europa, was aber eindeutig damit zusammen hängt, dass Politiker, wenn etwas gut läuft, dies gerne als ihren Erfolg verkaufen. Ist aber ein Gesetz schwierig zu vermitteln, dann ist es „Brüssel“, „die EU“ (vgl. dazu das Interview mit Kommissions-Vizepräsident Günter Verheugen in DIE ZEIT, NR. 24 vom 9.6.05, S. 27). Überwiegend ist Europa für den Bürger: Brüssel – Verwaltungsmoloch – Produzent immer neuer unsinnig-lächerlicher Bestimmungen (z.B. Krümmungsgrad der Gurken für ganz Europa) etc.

•  Am meisten am Bürger vorbei gearbeitet haben die Politiker als große Europastrategen aber in der Frage der Erweiterung der EU . Sie haben missachtet, dass manche Kandidaten noch nicht reif waren und haben alle Augen davor zugedrückt. Sie haben aber auch missachtet, dass auch die Gemeinschaft reif sein muss, Neue aufzunehmen, sowohl mit ihrer Wirtschaftskraft, als auch mit ihrer Zivilgesellschaft.
Endgültig das Fass zum Überlaufen gebracht hat dabei aber der Beschluss, der Türkei Beitrittsverhandlungen anzubieten. „Stopp der inneren Überdehnung!“ sagte Angela Merkel im Bundestag dazu. Und an den Kanzler gewandt: „Ein einfaches „Weiter-So“ wird Europa zerstören.“ Sie will der Türkei nur eine „privilegierte Partnerschaft“, aber keine Vollmitgliedschaft anbieten.

An der Türkeifrage brach endgültig die Frage nach der Identität Europas auf. Es wurde daran deutlich, dass die Europäische Union nicht nach einem Plan gebaut wurde und wird, sondern je nach Situation. Es gibt offensichtlich für Europa keine bindende Definition (finis lat. = die Grenze!) – weder geographisch, noch geistig – kulturell. Wer dachte, Europa gehe bis zum Bosporus, wurde überrollt mit geostrategischen Notwendigkeiten gegenüber der Krisenregion des Mittleren Osten; und wer dachte, Europa sei vom Christentum und der Aufklärung geprägt, musste sich jetzt Erdogans Frechheit anhören, Europa sei doch kein „Christenclub“ und musste erleben, wie keiner unserer europäischen Staatsmänner bisher den Mut zur Replik gefunden hätte, zu sagen: Doch, genau das! Und das Christentum unterscheidet die türkische und die europäische Kultur und Geschichte fundamental.

Das Desaster von Brüssel ist als historische Wegmarke zu begreifen. Später wird einmal darauf geschaut werden, was die Europäer aus diesem Schock gemacht haben: ein verdrängendes, bequemes Weiter-So oder eine Chance zur Richtungsänderung. So gesehen ist Tony Blair nicht ein Ruinierer, sondern ein Retter der Union.

GEBET

„Du, Gott in der Höhe, Herr der Heerscharen, du regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Dein Wort sagt „Alle, die dem Herrn widerstehen, werden zu ihm kommen und beschämt werden.“ So geschieht es heute noch. Wir haben dein Handeln erkannt und beugen uns erschüttert vor der Realität deiner Gerichte.

Dir gehörte und gehört dieser Kontinent. In Gericht und Gnade hast du ihn geformt. Ja, du liebst diesen kleinen Kontinent.

Wir erkennen deine Liebe in den Reich-Gottes-Prinzipien von Versöhnung und Solidarität, auf denen du die Einheit der Völker Europas gegründet hast.

Wir beten um christliche Abgeordnete und Staatsmänner, die nicht im Geist Babels sich einen Namen machen, sondern die demütig deinen Willen suchen und tun und die deine Ehre wollen.

Vergib uns allen Stolz, den wir Europäer anderen Kulturen gegenüber gezeigt haben und zeigen.

Vergib uns den Stolz unserer Aufklärung. Vergib uns den Stolz unserer Wissenschaft. Vergib uns unsere Kindermorde ohne Zahl.

Wir beugen uns vor dir als Gemeinde für unsere Völker und beten um dein Erbarmen.

Wir stellen unseren Kontinent unter deine Herrschaft und deinen Segen. –

Amen“.

Ortwin Schweitzer

Quellen : Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 19.6.05; DIE ZEIT 9.6. und 16.6.05; Frankfurter Rundschau 18.6. / 20.6. / 24.6.05; Rheinischer Merkur 23.6.05; Stuttgarter Nachrichten 7.5.05; Stuttgarter Zeitung 17.6.05; Welt am Sonntag 19.6.05; Deutschlandradio, ARD Sabine Christiansen

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