DIE POLITISCHE SEITE

August 2005

„Europa – Gott hat geredet!“ ( 2. Teil)

Die „Politische Seite“ ist dieses Mal eine Doppelnummer Juli /August. Aber auch inhaltlich erfordert das Thema „Europa“ eine breitere Darstellung als sonst. Insofern erscheint im Juli der 1. Teil, für August dann der 2. Teil des Artikels. Wer aber gerne im Urlaub schon den ganzen Artikel lesen möchte, kann sich diesen bei www.beter-im-aufbruch.de.vu herunterladen.

Der Aufbau des Artikels ist ebenfalls anders als sonst. Die „Hintergründe“ d.h. die geistliche Deutung ist voran gestellt. Dann folgen Informationen zum Brüsseler Desaster und seinen Gründen. Soweit der 1. Teil, der mit Gebetsanliegen abschließt.

Der 2. Teil beginnt mit einigen Punkten, die sich aus der Situation als Folge ergeben. Um die Brisanz der jetzigen Situation zu empfinden, ist es gut, sich die Phasen der Entwicklung der EU vor Augen zu stellen. Was heißt: fit sein für die Globalisierung? Es heißt, dass Europa seine Identität kennen muss, um nicht anderen nachzulaufen und sich selbstbewusst in die neue Zeit einzubringen. Den Schluss bildet eine geistliche Bewertung der Idee Europa von Gottes Maßstäben her. Eine geistliche Besinnung schließt den 2. Teil ab.

Einige Folgen

•  Die Einheit des „Clubs“ der Regierungschefs (die sich mit Vornamen und per Du ansprechen) ist zerbrochen. So deutliche Worte wie nach dieser Konferenz in den frühen Morgenstunden des 18. Juni haben die Clubmitglieder in der Öffentlichkeit bisher nicht geäußert. Man ist an die Zeit des Irakkriegs erinnert – und wieder ist der Brite der Stein des Anstoßes
Das scheint Tony Blair aber wenig zu stören, da er zukunftsweisende Argumente vorzutragen weiß. Durch die gleichzeitige Schwäche von Chirac und Schröder, sowie durch seine Ratspräsidentschaft, ist im Gegenteil sein Einfluss im „Club“ eher noch gewachsen.

•  Die Osteuropäer waren die einzigen Gewinner dieser geplatzten Konferenz. Sie machten deutlich, wie wertvoll ihnen die EU und ihre Zugehörigkeit zum Ganzen Europas ist. „Mitglieder 2. Klasse“ gibt es wohl ab diesem Gipfel nicht mehr. Dazu der ehemalige polnische Außenminister Bronislaw Geremek im Gespräch mit der FAZ (19.6.05, S. 2): „Für uns sind Europa und die EU nichts langweiliges, nichts, was immer schon da gewesen wäre. Für uns war Europa über Jahrzehnte ein Traum. Nun, wo er Wirklichkeit geworden ist, ist Europa für uns immer noch kostbar. Es ist etwas, mit dem man sorgsam umgeht – und das man sich auch etwas kosten lässt. Bei uns gibt es eine harmonischere Koexistenz zwischen nationaler und europäischer Haltung. Deswegen sind wir auch beweglicher“. Dass das zusammenwachsende Europa etwas Kostbares ist, können wir neu von den Osteuropäern lernen.

•  Ob die Politiker wohl die Botschaft der beiden Referenda verstanden haben? Die Volksabstimmung ist – neben den turnusmäßigen Wahlen – ein besonderes Instrument, eine Chance, das Ohr an das Herz der Bürger zu legen. Politiker sind gut beraten, das Ergebnis eines Referendums genau zu analysieren. Man darf gespannt sein, wie größere Bürgernähe in den nächsten Jahren aussehen wird. Ein Amt in Berlin und eines in München, die Material zu Europa auf Wunsch versenden, wird wohl nicht genügen, um Europa den Bürgern nahe zu bringen. Werbung muss durch Personen geschehen. Denkbar wäre auch einmal ein „Gipfel“ der NGO, der „ Nicht-Regierungsorganisationen“, wozu auch die Kirchen gehören könnten, wo die Staatschefs einfach mal zuhören könnten.

•  Die Verfassung in der jetzigen Form ist gescheitert. Ein B-Plan „für alle Fälle“ existierte nicht. Insofern musste in Brüssel besprochen werden, wie es nun weitergehen solle. Man entschließt sich, den Prozess der Abstimmungen nicht abzubrechen wie manche Länder, sondern eine „Denkpause“ einzulegen. In dieser können weitere Abstimmungen stattfinden. Am Text soll vorerst nicht geändert werden. Außerdem wird ein Jahr bis Ende 2007 dazu gegeben mit dem Hintergedanken, bis dahin noch besser informieren und evtl. ein zweites Mal abstimmen lassen zu können.

•  Trotz des gescheiterten Gipfels ist die EU aber handlungsfähig. Sie arbeitet nun eben strukturell weiter auf der Basis des unhandlichen Vertrages von Nizza.
Auch finanziell sind die Dinge bis 2006 geregelt. Es ging bei den Verhandlungen ja um die EU-Zuschüsse im Zeitraum 2007-2013. Gleichzeitig ging es um eine Erhöhung des Budgets d.h. höhere Abgaben der Nettozahler – und da waren zum Schluss auch die Niederlande, Dänemark, Schweden und Finnland dagegen.
Beides aber – Struktur/Arbeitsweise und Finanzen/Zuschüsse – bedürfen spätestens nächstes Jahr einer Regelung. Aber welcher? - Diese Fragestellung geht tiefer als alles, was die „Chefs“ bisher zu lösen hatten

5.1. Es geht bei der Verfassung um die Frage der Geschäftsordnung , wie ein Gebilde von 25 Staaten noch funktionieren kann, wie Entscheidungen ermöglicht werden sollen. Die EU hatte sich nämlich erweitert, ohne dass die dafür nötige Geschäftsordnung vorhanden gewesen wäre. Es wurde zwar parallel zur Vorbereitung der Integration auch an dieser schon gearbeitet, aber sie war zum Zeitpunkt der Aufnahme der 10 Neuen am 1. Mai 2004 noch nicht beschlossen. Dies geschah erst im Juni in Brüssel bzw. am 29.10.2004 in Rom.
Die Aufnahme war von daher eindeutig verfrüht. Von daher muss bald eine Neuregelung der Geschäftsordnung kommen.
5.2. Die eigentliche Lebens- oder Überlebensfrage der EU brach aber bei den Finanzen auf. Nicht, ob mehr in die Brüsseler Kasse fließen solle – da wären wohl alle zum Schluss zu Kompromissen bereit gewesen, wenn auch die Briten von ihrem Rabatt abgegeben hätten – sondern die Frage Blairs lautete: Wofür wird von der EU Geld ausgegeben? Für Landwirtschaft oder Forschung? Für Vergangenheit oder Zukunft?
Ohne es auszusprechen, hörte aber jeder der Beteiligten, dass unter dieser Prioritäten-Frage für Blair die alte Frage Großbritanniens anklang: Was für ein Europa soll es den zum Schluss werden? Ein Europa vor allem als ein Wirtschaftsraum oder auch als ein Raum von gemeinsamem politischen Handeln nach innen und außen – und zwar mehr und mehr – auf der Basis von gemeinsamen Werten und Überzeugungen.
Seit den Tagen seines Beitritts (1973) hat sich England in der Tradition der englischen Außenpolitik seit Jahrhunderten gegen eine zu enge Verbindung mit dem Kontinent gesträubt. Beispiel: 2002 führte Großbritannien nicht den Euro ein und blieb beim Pfund; oder: dass Tony Blair in Brüssel nicht nachgab, wurde in England als „Sieg“ gefeiert.
Dem gegenüber vertreten die Kontinental-Staaten, allen voraus die beiden großen, Deutschland und Frankreich, dass nur ein engerer Zusammenschluss auch im politischen Handeln Europa für die Zukunft in einer globalisierten Welt konkurrenzfähig mache. Europa soll mit einer Stimme reden.
Für die Briten soll Europa nicht mehr als ein Staatenbund sein , die Kontinentalen hingegen haben im Grunde Europa als einen Bundesstaat vor Augen.
Beide Seiten wollen Europa fit machen für die Zukunft.
- Tony Blair vor allem durch eine haushaltstechnische Umverteilung der Mittel;
- Schröder und Chirac durch eine immer engere politische Verknüpfung der Länder.
Tony Blair muss sich fragen lassen, ob ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, mit unterschiedlichen Währungen und nationalen Meinungen, wirklich einem China, Indien oder USA gegenübertreten kann.
Die Kontinental-Führer müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihre Volker momentan mehrheitlich ihrer Politik der Integration nicht mehr folgen und dass sie deshalb die Rolle der Nationen als Heimat gegenüber dem Ganzen neu und anders bestimmen müssen.
Um Menschen zu begeistern, braucht es Visionen, Visionen, für die es sich lohnt zu kämpfen, zu verzichten, zu investieren. Wer keine bessere Zukunft erwartet, wird sich heute nicht bewegen, sondern Erworbenes festhalten und verteidigen. Und dies ist im Augenblick in Europa der Fall. Europa ist in den Herzen seiner Bürger noch nicht wirklich angekommen.

•  Angekommen aber ist die Globalisierung . Globalisierung als etwas, was die Menschen schreckt. Dass Europa hier eine Hilfe darstellen soll, konnte die Politik ihren Bürgern bisher nicht vermitteln – wie Bundeskanzler Schröder richtig bemerkt. Vielmehr wird Europa auf derselben Linie gesehen, als Einsteig, als Vorgeschmack von Globalisierung sozusagen – und darum abgelehnt. Wie die EU tatsächlich ihren Menschen im Globalisierungsdruck hilft, wird zu schlecht vermittelt. Dass die EU z.B. Schutzzölle auf Einfuhren von Dritte-Welt-Ländern erhebt, um die eigenen Bauern zu schützen, weiß kaum einer. Dies wird erst wahrgenommen, wenn die EU wie neulich, die Schutzzölle auf Zucker wegfallen lässt – was hunderte von bäuerlichen Betrieben in den Konkurs treibt, da die Herstellung aus Zuckerrüben hiesiger Produktion einfach teurer kommt als die von Zucker aus Zuckerrohr aus Jamaika.

•  Eine wichtige und richtige Konsequenz aus dem Abstimmungsdebakel hat Kommissions-Vizepräsident Günter Verheugen gezogen, indem er feststellte, die Erweiterung könne nicht mehr in diesem Tempo fortgesetzt werden. Neue Töne aus Brüssel! Neue Töne von ihm, der die Erweiterung um die zehn Länder als zuständiger Kommissar seit 2003 kompromisslos forciert hatte. Allerdings fügt er hinzu, müssten geschlossene Verträge eingehalten werden: im Klartext, Rumänien und Bulgarien kommen und die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei werden auch aufgenommen. Aber, so sagt er, die Erfüllung der Kriterien wird strenger als bisher gehandhabt werden. Neue Kandidaten werden es in Zukunft schwerer haben als in den Tagen der bisherigen Erweiterungseuphorie der Politstrategen.

Zusammenhänge und Perspektiven

Wieder steht die EU an einem Wendepunkt. Ein Blick zurück in die Geschichte ihrer Entwicklung ist daher angebracht.

Phasen der Entwicklung der EU

Die 1. Phase

1946 hielt Winston Churchill in Genf eine Rede, in der er aus der Erfahrung der beiden Weltkriege die Bildung von „Vereinigten Staaten von Europa“ vorschlug, in denen Deutschland und Frankreich eine zentrale Rolle spielen müssten. Nur so könne der Frieden in Europa künftig gesichert werden. Er hatte Recht!

Zunächst 1950 nur für Kohle und Stahl, wurde 1957 eine breitere wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart. Am 25. März 1957 wurde in Rom die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet. Gründungsmitglieder waren: Belgien, Deutschland (BRD), Frankreich, Italien, Luxemburg und Niederlande.

Der Kreis der 6 wuchs auf 9 und allmählich auf 15. Und auch der Name änderte sich über EG zu EU, wobei jeder neue Name einen programmatischen Fortschritt darstellte.

Die Themen dieser Phase waren Versöhnung der früheren „Erbfeinde“ und Frieden und Zusammenarbeit auf immer mehr Politikfeldern. Aus dem Frieden erwuchs ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum und daraus erwuchs Wohlstand für die beteiligten Völker. Zudem gaben sich diese Staaten in eigenen Organisationen (Nato) auch Schutz und Sicherheit . Es war die Zeit des Kalten Krieges.

Die 2. Phase

Diese Phase beginnt mit dem Fall der Berliner Mauer , mit der „Wende“. Zunächst gehörte dann plötzlich Ostdeutschland mit zur EU. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs eröffnete aber die Perspektive, dass auch die Satteliten-Staaten der ehemaligen UDSSR, die geschichtlich ja zu Europa gehören, Mitglieder werden konnten – was einen langen Prozess der Annäherung in Gang setzte, der am 1. Mai 2004 mit ihrer Aufnahme in die EU politisch erfolgreich abschloss.

Die Erweiterung von 15 auf 25 Mitglieder brachte mit sich aber die Frage der Administration, der Geschäftsordnung , aber auch der Grenzen der Erweiterung und damit die Frage der europäischen Identität.

Dieses Bündel von Fragen sollte der Konvent beraten und in die Form einer Verfassung bringen. Diese – noch wichtigen! – Klärungen können nun nicht in Kraft treten. Diese Fragen müssen aber geklärt werden.

Der Prozess ist also noch nicht abgeschlossen und das Ziel dieser Phase ist noch nicht erreicht. Aber es beginnt bereits.

Die 3. Phase

Sie wird geprägt sein von den Problemen der zunehmenden Globalisierung auf allen Feldern. Europa muss seinen Platz finden zwischen den USA, China und Indien.

Es ist deutlich, dass das nicht heißen kann: noch schneller, noch billiger, noch mehr, sondern dass Europa seine Identität erkennen muss, um von daher mit eigenen Schwerpunkten zu operieren.

Ein großes Problem wird dabei die abnehmende Bevölkerung und ihre zunehmende Überalterung sein, was das Potential an Innovationskraft abnehmen lässt.

So gesehen ist der Schock von Brüssel nötig gewesen. Tony Blair ist zu danken. Er hat die Alarmglocke geläutet. Noch ist es nicht zu spät. Der Schock erweist sich als Chance.

Exkurs

Geistlich gesprochen hat Gott oft im Gericht die Tür der Gnade gleichzeitig geöffnet. Und so sehr Brüssel ein Gericht an den Staatsmännern war, so sehr wissen wir, dass Gott Europa liebt und führt. Er will uns Hoffnung und Zukunft geben.

Was Gott in Jahrhunderten an Europa getan hat, ist Fakt. Das können auch nicht einige Staatslenker ändern, höchstens leugnen. Aber die betende Gemeinde, die Gottes Herrschaft erkennt, anerkennt und rühmt – sie wird der Herr hören und ihr Rufen nach ihm gerne erhören. Er sieht ihre stellvertretende, priesterliche Buße für ihr Land und kann so an dem Land handeln. „Ich will ihre Sünde vergeben und will ihr Land heilen“ (2. Chronik 7,14).

Europas Identität

Nicht nur Länder, auch Kontinente haben eine eigene Identität. Man spürt sie, wenn man als Deutscher einen Spanier in einem fremden Kulturkreis trifft: sei's als Austauschschüler in USA oder als Entwicklungshelfer in Afrika. Europäer sind doch anders als z.B. Amerikaner.
Was ist das Besondere an Europa und den Europäern?

Die USA haben eine 250-jährige Geschichte und bei allen Unterschieden zwischen Osten und Westen, Nordstaaten und Südstaaten verstehen sie sich doch als eine Nation.
Europa hat eine 1500-jährige Geschichte und ist gegliedert in mehr als 25 Nationen mit 20 eigenen Sprachen. Dies bedeutet für einen Europäer die Begegnung mit vielen anderen Kulturen. Europäische Identität ist daher geprägt von der Kenntnis verschiedener Kulturen und der Toleranz, dass man so verschieden sein kann. Darüber hinaus gehört zum Normaleuropäer die Kenntnis einer Fremdsprache und für das Abitur braucht man zwei fremde Sprachen. Beides unterscheidet den Europäer vom Amerikaner.

Die Vielfalt der Völker, aber auch die lange Geschichte mit ihren tausend Windungen entwickelt wie von selbst im (gebildeten) Europäer ein differenziertes Denken. Er muss wissen und spüren können, was die feinen Unterschiede sind. Auf Amerikanisch heißt das „sophisticated“, „hochgestochen, intellektuell“.

Europäische, vor allem mittel- und südeuropäische Kultur ist in ihren Anfängen geprägt von der griechischen und römischen Antike, was später im 15. Jahrhundert wieder aufgenommen wurde in Renaissance und Humanismus, sowie ganz stark in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Das Menschenbild des Humanismus in der Wertschätzung bis Überschätzung der Einzelpersönlichkeit, sowie der Vernunftglaube der Aufklärung mit seiner grundsätzlichen Infragestellung von allem, was nicht rational ist – diese beiden Geisteshaltungen haben die europäische Kultur geprägt im Gegensatz etwa zum islamischen Kulturkreis oder den fernöstlichen Kulturen.

Aus den staatspolitischen Überlegungen der Aufklärung entwickelte sich der Ansatz der Demokratie als Staatsform, was in manchen Ländern sich durch Revolution, in Deutschland erst nach dem 1. Weltkrieg 1918, als Staatsform etablierte.

Die Demokratie basiert auf und entwickelte zugleich die Freiheit der Einzelperson. Hier berühren sich europäische und amerikanische Kultur.

Die breiteste Prägung in alle Bereiche der Kultur erhielt Europa aber durch das Christentum: vom Ural bis nach Gibraltar steht in jedem Ort eine Kirche, ein „Gotteshaus“. Durch das Christentum kam der 7. Tag, der Sonntag in unsere Kultur und von hier aus in alle Welt. Die heute die europäische Kultur prägenden Feiertage im Verlauf eines Jahres sind die Gedenktage des Lebens Jesu. Die Wertschätzung der Frau basiert auf ihrer Gleichheit vor Gott, wie es die Bibel lehrt. Die Ein-Ehe und die daraus entstehende Familie sind aus christlicher Wurzel. An dieser Stelle konnte der christliche Glaube allerdings auf germanischen Sitten aufbauen.

Vom Judentum übernommen haben die 10 Gebote entscheidend das Gewissen des Europäers, sprich das Bewusstsein von recht und unrecht, geprägt. Wertmaßstäbe wurden Kulturgut, selbst wenn sie vielfach missachtet wurden.

In seiner Tübinger Ansprache „Der Rede wert“ hat Bundespräsident Köhler darauf hingewiesen, dass der Gedanke der Solidarität mit den Schwachen zutiefst zur europäischen Identität gehört, wie er von Jesus im Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ vor Augen gestellt wurde. Dieser Gedanke der Solidarität liegt den Genossenschaftsbanken ebenso zugrunde wie dem Versicherungswesen, den Hospitälern und allen karitativen Bemühungen bis hin zur Gründung des Roten Kreuzes.

So ist der Basisgedanke der EU, die Solidarität mit den Schwachen, zutiefst christlich und ein Kennzeichen europäischer Identität, sowie aller Kulturen, die von Europa aus mit dem Christentum berührt wurden.

Teils ermöglicht durch die Entgötterung der Natur durch den jüdisch-christlichen Glauben an Gott als den Erschaffer der Natur, teils vom Rationalismus der Aufklärung her geprägt, hat sich in Europa die Naturwissenschaft und in deren Gefolge die Technik entwickelt.

So ist Europa erfüllt vom Forschergeist und Erfinderdrang und technischer Entwicklungsfertigkeit, was die europäische Kultur bis heute hervorhebt und besonders macht. Im Wettbewerb mit der Welt muss Europa zeigen, dass es nicht länger um ein Mehr geht, sondern um ein Besser – ein Besser in sozialer wie in ökologischer Hinsicht. Weil darin der Ausweg für die Welt liegt.

Dies als eine kurze Skizze europäischer Identität. Nur wer identisch ist, ist fit fürs Leben. „Allein mit einer Rückbesinnung auf seine abendländischen Wurzeln kann Europa sich fit machen für den globalen Wettbewerb“ (Heimo Schwilk, Europäische Visionen in: WAMS 19. Juni 2005).

Die EU – eine Idee Gottes

Nicht alle Christen werden dieser Formulierung zustimmen. Aber ist es nicht mehr die aktuelle Gestalt, die sie ablehnen, als die Idee, die dahinter steht?
Altbundeskanzler Helmut Schmidt schreibt in einem Artikel „Wir brauchen Mut“ in: DIE ZEIT vom 9. Juni 2005: „Dass sich fünfhundert Millionen Europäer mit 20 in Jahrhunderten und Jahrtausenden gewachsenen nationalen Sprachen, aus ihrem eigenen freien Willen und frei von fremder Gewalt zu einer Union vereiniget haben, bleibt in der Weltgeschichte einmalig“.

Alle bisherigen Vereinigungen Europas von Karl dem Großen über Napoleon bis Hitler waren erzwungen mit Gewalt, Krieg und Schrecken. Dies sind die Kennzeichen Satans in der Welt.

Wenn nun mehr Völker als jemals durch Krieg vereinigt waren, sich im Frieden zusammenschließen, um Freunde zu sein – hat dies dann nicht die Handschrift des Friedefürsten Jesus?

Wenn die Gründerväter, Schuman, Adenauer und de Gasperi das neue Europa bewusst auf Versöhnung statt auf Vergeltung bauten – ist das dann nicht in höchstem Maß die Erfahrung der Engelgesänge? „Ehre sei Gott in der Höhe – und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“.

Wenn endlich die Starken nicht mehr die Schwachen ausbeuten (was sie könnten), sondern sich zu ihnen neigen, solidarisch werden mit ihrer Not und ihnen helfen – ist das nicht wie ein Anbruch des Reiches Gottes?

Wenn es auf Grund von Frieden und Freiheit den Menschen gut geht, die Wirtschaft blüht und der Wohlstand gedeiht – ist das nicht Segen? Sollten wir da nörgelnd Gott Vorhaltungen machen, dass er segnet, obwohl sich die Menschen durch seine Güte nicht „zur Umkehr leiten“ ließen?

Nein, Gott ist nicht gegen die Union der europäischen Völker, sondern er macht sie mit diesen Grundwerten zu einem Vorbild für andere Kulturen und zu einem Zeugnis vor den Völkern der Welt für die Werte des Reiches Gottes, umgesetzt in Gegenwartspolitik.

Das Problem ist nicht die wachsende Einheit der Völker, sondern der Selbstruhm der Staatsmänner. Gott demütigt sie, ja er wird in nächster Zeit etliche auch entfernen – aber Gott lässt deswegen nicht ab von seinem Werk an Europa. Durch Gebet ebnet die Gemeinde dem Herrn den Weg und gibt Räume der Umsetzung seines Willens „wie im Himmel so auf Erden“.

Dazu gehört momentan zentral die Frage der Neubestimmung des Verhältnisses von Nationalstaat und Zentrale. Es ist spürbar in den Voten der Bürger, dass sie eine stärkere Betonung der Nationalstaaten wünschen. Wenn die jetzt gescheiterte Verfassung neu formuliert wird, wird auch dieser Punkt noch deutlicher hervor zu heben sein, als nur mit dem Pauschalbegriff der „Subsidiarität“.

Denn was die Familie als selbstständige „Organisation“ für den Staat ist, das sind die Nationalstaaten für die EU. So wenig wie der Staat in die Rechte der Familie eingreifen darf, so wenig die EU in die Rechte der Nationalstaaten. Und doch brauchen die Familien den Staat als übergeordnete Größe mit eigenen Vollmachten z.B. in Bezug auf Rahmenbedingungen für das Familienleben und vieles andere mehr. So hat auch die EU die Aufgabe zu initiieren und zu regulieren, was (a) die Kraft des einzelnen Staates übersteigt und (b) was zum Vorteil für alle gelten soll.

Abschlussgedanken

Politik zu machen ist ein großes und heiliges Geschäft, denn du darfst Gottes gute Gedanken mit den Völkern in die Tat umsetzen.

Wer darf das tun?

Der Gehorsame.

Sieh Salomo an. Dessen oberster Wunsch war, als er an die Regierung kam, dass er ein „gehorsames Herz“ haben möge. Wichtig für sein Regierungsgeschäft, nicht nur im Privaten (1. Könige 3,5-15).

Und wie hat ihn Gott erhört?

Indem Israel unter Salomon die längste Friedenszeit hatte und eine Blüte politisch, wirtschaftlich und geistig erlebte, wie vorher und danach nie mehr.

So belohnt der Herr gehorsame Herzen der Regierenden mit Wohlfahrt, Frieden, Reichtum und Glück ihrer Völker. So war es und so wird es sein bis zum Ende der Zeiten.

Ortwin Schweitzer

Quellen : Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 19.6.05; DIE ZEIT 9.6. und 16.6.05; Frankfurter Rundschau 18.6. / 20.6. / 24.6.05; Rheinischer Merkur 23.6.05; Stuttgarter Nachrichten 7.5.05; Stuttgarter Zeitung 17.6.05; Welt am Sonntag 19.6.05; Deutschlandradio, ARD Sabine Christiansen

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