Die Politische Seite

- Mai 2003 -

 

 

Noch einmal im Fokus – der Irak-Krieg

 

Einleitung

Der Irak-Krieg hatte alle anderen Themen der Politik „gefressen“, wobei dies durchaus wichtige Themen sind wie z. B. die Umsetzung der vom Kanzler angekündigten Veränderungen in den Sozialsystemen (Rürup-Kommission, Parteitag der SPD) oder die weiterhin drückende Arbeitslosenquote von über 11 % oder die Nachricht aus Brüssel, dass Deutschland 2003 wohl das einzige Land in der EU sein werde, das eine Rezession zu erwarten habe. Aber all dies tritt in den Schatten hinter die täglichen Nachrichten aus dem Irak.

Es ist aber unmöglich in Tagen wie diesen, in einem Monatsbrief aktuelle Informationen geben zu wollen.

Es sollen daher in dieser Ausgabe grundsätzliche Überlegungen angestellt werden. Dies geschieht durch Briefe von zwei Personen, die mir nahe stehen und die meinen Artikel vom April kritisiert haben. Das eine ist mein ehemaliger Referendarausbilder Prof. Gerhard Martin (ca. 70 Jahre, ev. Theologe) und mein Sohn Winfried (30 Jahre, Diakon und Musiker). Ihre Briefe und meine Antworten behandeln Grundsatzfragen unserer Tage – auch nach dem Krieg. Daran möchte ich einige Überlegungen zur Lage nach dem Krieg anschießen.

Zum Schluss wie immer die Gebetsvorschläge.

Die beiden Briefe und Antworten können bei der Weitergabe durch die Koordinatoren aber aus Platzgründen auch weggelassen werden. Der 2. Teil ist auch für sich verstehbar.

 

1.    Die beiden Briefe

 

1.1. Brief von Prof. G. Martin (29. 03. 03)

 

Lieber Herr Schweitzer,

gestern erhielt ich Ihren theologischen Kommentar zum Irak-Krieg. Er hat bei mir nachträglich einige Gedanken ausgelöst, die ich Ihnen schuldig zu sein meine.

Ich meine, dass die von Ihnen heran gezogene Stelle aus Psalm 46,10 nicht so eindeutig ist, wie es in Ihrem Kommentar den Anschein hat. Ein Blick in den Biblischen Kommentar zum AT brachte mir zunächst nicht viel. Als ich aber dann im hebräischen Text und im Wörterbuch (Gesenius 1954) nachschlug, ergab sich ein interessantes Bild.

Der Formulierung „der den Kriegen steuert“ bei Luther entspricht im Urtext ein Partizip (Hiphil) mit der Bedeutung: „machen, dass etw. aufhöre zu sein, ihm ein Ende machen“ – und als Belegstellen werden im Lexikon genannt (in dieser Reihenfolge):

Dem Kriege Ps. 46,10; dem Streite Pr. (Sprüche) 18,18; dem Jubel u. ä. Jes. 13,11; 16,10; Jer. 16,9; Ez. 26,13; 30,10; Hos.2,13; der Arbeit Neh. 4,5; 2 Chr. 16,5; dem Opfer Daniel 9,27; einem Sprichworte Ez. 12,23; der Pracht Ez. 7, 24; der Klage Jes. 21,2;

Verwandt ist u. a. das Wort „Sabbath“.

Es kann also keine Rede davon sein, dass hier im Psalm Gott gleichsam als oberster Regisseur des Kriegsgeschehens gesehen würde, der in einer für uns geheimnisvollen Weise z. B. den amerikanischen Präsidenten in Marsch gesetzt hätte. Gerade an dieser Belegstelle ist Gott der, welcher „den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.“

Sie meinen an einer Stelle, als Christen stünden wir nicht rechts oder links, sondern „darüber“. Ich meine schon, das Anliegen zu verstehen, das Ihnen an dieser Stelle wichtig ist. Dass wir aber gar nicht anders können, als de facto Partei zu ergreifen, ist doch klar. Wie soll das auch anders zugehen, wenn wir uns zu Jesus halten, der ja auch „der Zöllner und Sünder Geselle“ genannt wurde und auch sonst in keiner Weise „darüber stand“.

 

Die Tatsache schließlich, wie Jesus im Namen der Religion und der Politik und des Rechtes ums Leben gebracht wurde, sollte uns davor warnen, fromme Motive eines Menschen – seien sie nun echt oder nur zur Schau gestellt – als Qualitätsmerkmal für politisches Handeln zu halten.

Für die Beschwörung christlicher Töne gibt es leider ganz unsäglich negative Vorgänge, die aber politisch gewirkt haben. Haben Sie einmal das Tondokument gehört, das uns Hitler als einen vorführt, der auf dem Höhepunkt einer Rede in ein „Gebet“ zum „Allmächtigen“ ausbricht (als er den 1. Mai zum „Tag der Deutschen Arbeit’ „adelte“)? Das hat viele Christen in Deutschland tief beeindruckt!

Als ich diese Rede vor zwei oder drei Jahren erstmals im Radio hörte, war ich entsetzt! Dabei wusste ich von Hitlers „frommen“ Tiraden schon genug. Ich betrachte es also nicht als mangelnden Mut, wenn Politiker sich in der Politik mit Glaubensbekenntnissen zurückhalten, sondern eher als ein Gespür oder als ein Wissen um die Notwendigkeit der Unterscheidung von Person und Amt, die uns schon Luther einzuschärfen versucht hat. Ihren Glauben sollen Politiker in der Gemeinde oder in Veranstaltungen wie z. B. dem Kirchentag oder bei einer Evangelisation bekennen. Als Christ werde ich an die  politische Kompetenz eines Politikers, den ich als Christen kenne, eher strengere Maßstäbe anlegen; jedenfalls kriegt er von mir keine Ermäßigung hinsichtlich meiner Ansprüche an professionelle Qualität. Und wenn ich daran denke, mit welcher Ignoranz im Blick auf die Möglichkeit der Einführung von Demokratie im Irak Präsident Bush ans Werk geht, dann wird mir seine „Christlichkeit“ zur Anfechtung.

Diese Bemerkungen sollen natürlich Ihr Bemühen, einen Beitrag zu einer christlichen Deutung der Zeitereignisse zu geben und zur Fürbitte aufzurufen, nicht in Frage stellen. Vielmehr wollen sie dieses Bemühen ernst nehmen. (Ich hätte mir sonst nicht die Zeit genommen und auch nicht eine Beeinträchtigung der guten Erinnerungen riskiert, die ich zwischen uns empfinde.) Nehmen Sie’s also bitte als das, was es sein soll: ein Beitrag zur Sache.

 

Ich wünsche Ihnen persönlich und für Ihre Aufgaben Gottes Geleit und Segen und bleibe mit herzlichen Grüßen Ihr Gerhard Martin

 

1.2.   Antwort an Prof. G. Martin  (05. 04. 03)

 

Lieber Herr Martin,

das finde ich ja ganz bemerkenswert, dass Sie sich so viel Zeit zur Kommentierung meiner Politischen Seite 04/03 genommen haben. Ich kann Kritik „in der Sache“ gut ab, zumal von Ihnen.

Es ist nicht leicht, Monat für Monat einen geistlichen Kommentar zu den Geschehnissen der Welt zu publizieren; denn ich weiß, dass ich nie die ganze Erkenntnis habe, weder in Bezug auf die nötigen Informationen, noch in Bezug darauf, was Gott darüber denkt. In letzter Zeit habe ich darum immer wieder glaubwürdige Christen mit prophetischem Charisma vor der Abfassung meiner Artikel gefragt – was aber auch keine Eindeutigkeit ergab und mich eines abwägenden Schreibens und Prüfens nicht enthob. (Vielleicht lassen sie sich mal auch den März-Artikel geben).

Ich verstehe dieses Abwägen als Teil des „Darüber-Stehens“. Im Grunde sehe ich dabei die Argumente der einen wie der anderen Seite schärfer, weil ent-emotionalisiert, aber eben auch die weggelassenen Argumente jeder Seite. Und das tun ja beide!

Danke für Ihre exegetischen Hinweise. Ich war durch die „Elberfelder Übersetzung“ auch schon drauf gekommen und wollte es noch ändern; ging aber nicht mehr. Jedoch muss man ehrlicherweise auch sagen, dass es durchaus andere Stellen gibt, nach denen Gott Kriege als Gerichte veranlasst und schickt, aber immer in seiner Hand behält, bis dahin, dass er Nebukadnezar abstraft, als der von sich aus zu weit ging. „Gott Zebaoth“, „Gott der Hererscharen“ ist ja einer der Titel Jahwes im AT.

 

Herr Martin, ohne einer religiösen Glorifizierung das Krieges das Wort reden zu wollen, stelle ich doch der Gemeinde Jesu die Frage, ob sie theologisch in der Lage ist, von ihrem jetzigen Gottesbild aus Vorgänge in dieser Welt als „Gerichte“ Gottes zu interpretieren und darauf mit Umkehr zu reagieren, so dass der innere Sinn der Gerichte Gottes, nämlich die „Heim-Suchung“ sichtbar und erlebbar wird. Ich fürchte, unser gegenwärtiges Gottesbild vom nur liebenden Gott bedarf dieser Vertiefung: dass nämlich Gott der Liebende bleibt, auch auf dem Weg seiner Gerichte. Die Appokalypse wird als Interpretament   von Geschichte in Zukunft wohl nötiger sein als bisher.

Gott ist nicht der Gott einer deutschen Friedens-Theologie; Gott ist nicht der Gott einer amerikanischen Rambo-Theologie. Gott ist Gott. Und wir können uns IHM nur in Demut und Vorsicht nahen – von beiden Seiten. Und vielleicht treffen wir uns bei Ihm, wenn wir einander nicht moralisch vorher schon umgebracht haben.

In treuer Verbundenheit in IHM, Ihr Ortwin Schweitzer

 

 

1.3.   Brief von Winfried Schweitzer  (26. 03. 03) (Hervorhebungen nachträglich eingefügt)

 

Lieber Vater,

zum ersten Mal kann ich Deine Ansätze in der Politischen Seite ganz und gar nicht teilen.  

Meine Klage und Frage in dieser ganzen Sache ist einzig und allein, wie ein bekennender Christ derart blind sein kann. Ein Land, das sich außenpolitisch so präsentiert wie die USA, kann ich mit Gottes Willen 0, 0 zusammenbringen. Ich nenne stellvertretend nur das Weltklima-Abkommen, das durch die USA gekippt wurde und die Wieder-Einführung des Verkaufs von Landmienen. So ein Land hat KEINE edlen Befreiungsmotive, das nehme ich denen (und auch einem Christenpräsidenten) nie im Leben ab. Denen geht es um Macht in der Welt und wirtschaftliches Wachstum. Was ungefähr dasselbe ist.

 

Nach dem 11.09. habe ich von denen nicht eine einzige selbstkritische Silbe in Bezug auf unsere super ungerechte Weltwirtschaft gehört, obwohl man das Ganze durchaus auch als Gottes gerechte Strafe für ein Babylon sondergleichen interpretieren könnte. Nein, Vater! Der Herr Bush ist in seiner Wahrnehmung für  Gottes Wahrheit meiner Ansicht nach leider vollkommen erblindet vor Selbstherrlichkeit und mit ihm sein ganzes Volk. Und was noch schlimmer ist, ein großer Teil der Christenheit. Lieber Vater, bitte überlege noch mal neu, was Du da schreibst und denkst. Ich sehe das völlig anders.

Was vor und während diesem Krieg von den USA gelogen und  betrogen wurde, um diesen Krieg zu rechtfertigen, ist für eine Demokratie einfach unglaublich und noch mehr für Menschen, die sich Christen nennen. Solche Leute nehmen einem jedes Argument, im Gespräch mit Atheisten für Jesus zu werben. Was soll ich denn da sagen? Werde Christ, so wie Bush?

 

Ich für meinen Teil bin immer wieder aufs Neue überwältigt, dass Menschen, die sich nicht öffentlich als Christen outen, sondern ganz im Gegensatz dazu von den Christen eher bekämpft wurden und werden, wie z.B. die Grünen oder Alice Schwarzer oder, oder, eine Meinung vertreten, die von meinem Herzen aus geurteilt, Lichtjahre näher an dem dran ist, was mein Jesus dachte und lebte, als z. B. unsere CDU oder viele Christen in den USA. Das verstehe ich nicht.

Von Jesus erwartete man genau so einen Feldzug der Befeiung von den Römern. Und was hat er gemacht?  Oder hat er die Welt dazu gezwungen, die Juden zu lieben und Christen zu werden? Entspricht es Gott auch nur 1%, seinen Willen gegen den Willen anderer durchzukämpfen? Ist das Gott?

Nein, Jesus war ein liebender Diener, der sich selbst geschunden hat. Nie im Leben würde Jesus 1 Milliarde Dollar für einen Tarnkappenbomber ausgeben. Nie im Leben ist dieser Krieg das, was Jesus tun würde. So fühlt mein Herz, so fühlt mein Glaube an Jesus, den Diener.

Für mich bleibt als Resultat lediglich eine große Demut für das, was ich als die Wahrheit erkenne, nämlich, dass „meine Wahrheit“ (und damit meine ich auch meine Verurteilung eines amerikanischen Präsidenten) immer Türen offen lassen MUSS, die sagen: Ich vertraue auf Gott, dass er selbst das Richtige machen wird. Letztendlich weiß ich nichts,  außer dass Gottes Geist durch mich sein Reich  bauen wird, wenn ich ihn darum bitte und ihm glaube. Meine Vorstellungen von „DER Wahrheit“ sind äußerst relativ. Luther verfolgte Juden und Bush führt Krieg. - Wir leben aus seiner Gnade.

Mag sein, dass dieser Krieg Gottes Wille ist. Wenn ja, bin ich im Himmel gespannt auf die Erklärung.

Bis denn, liebe Grüße, Dein Sohn Winnie

 

1.4.  Antwort an Winfried Schweitzer (08. 04. 03)

 

Lieber Winnie,

 

danke für deinen engagierten Widerspruch. Ich freue mich dabei (klammheimlich), dass Du „zum ersten Mal“ meine Ansicht so ganz und gar ablehnen musst, sonst also im Großen und Ganzen einverstanden sein kannst. Danke!  

Ich denke, so wie Du denken z. Zt. viele Leute in Deutschland, vor allem jüngere. Mögen sie die Demut auch haben, ihre Meinung so zu relativieren, wie Du es am Ende tust und denselben Glauben zu haben wie Du, dass Gott alles zuletzt in Seiner Hand behält. Darum hast Du total recht: „Wir leben aus seiner Gnade“. Luther hat am Ende seines Lebens gesagt: „Wir sind Bettler. Das ist wahr.“

Im Grunde war die von Dir am Schluss skizzierte fragende Grundhaltung auch die, unter der ich meinen April-Artikel schrieb – nur im Ansatz stärker von der anderen Seite her. Wenn Du ihn aufmerksam liest, findest Du laufend darin Passagen, die eine Schwarz-Weiß-Malerei vermeiden, indem ich z. B. auch Verdienste Saddams herausstellte oder indem ich die Furchtbarkeit des Krieges beschrieb. Nein, ich bin weit davon entfernt, mich als Kriegstreiber zu sehen.

Was mich auf der anderen Seite aber stört, ist ein Pazifismus, der sich in sich schon für göttlich hält, weil er die Bergpredigt zitieren kann, aber außer Acht lässt, dass in der Bergpredigt (a) keine Staatslehre, sondern eine Individuallehre von Jesus im Anschluss an das mosaische Gesetz vorgetragen wird und dass (b) die Bibel im AT wie im NT (Offenbarung, Hebräer, ...) einen Gott zeichnet, der auch zornig werden kann und dann - wie Jesus! – die Geißel nimmt und züchtigt. Dies ist keine Infragestellung der Liebe Gottes, aber ihre notwendige Ergänzung. Wenn wir die Gerichte Gottes nicht deuten lernen als Ausdruck seiner „Heimsuchung“, wird uns nach einem Weltkrieg nichts von Gott bleiben als der Tattergreis in Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür“, der über die Bühne wankt und nach all dem Geschehen nur mit weinerlicher Stimme klagen kann: „Meine Kinder! Ach, meine Kinder!“

Entweder wir lernen Gott erkennen, auch in den Feuerstürmen des Gerichtes und reagieren darauf in geistlicher Weise mit Umkehr – oder wir werden irre an dem Gott, der angeblich „alles so herrlich regieret.“

Ich bin nicht für den Krieg. Wie könnte ich? Ich bin aber gegen einen Pazifismus, der uns halb-blind macht für den Gott der Bibel und der mich unter bestimmten Umständen darum aus Enttäuschung an diesem Gott zum Atheisten machen kann.

Für Amerika habe ich Angst – eben weil ich sehe, wie Gott nicht aufgehört hat, seine „biblisch bezeugten Prinzipien“ auch heute in der Gestaltung von Geschichte anzuwenden.

Wenn Präsident Bush nach dem 11. September mit nur einer Geste, nur einem kurzen Gebet sich und sein Land vor Gott gebeugt hätte – er hätte das Geschehen tiefer verstanden als jetzt, wo er sofort den Anti-Terrorkrieg schwor, aus dem er nun auch diesen Krieg ableitet.

Dass er das Protokoll von Kyoto zum Welt-Klimaschutz nicht unterzeichnete, dass er sein Land nicht dem Weltgerichtshof unterstellt, dass er sich einen Präventivschlag unter Einschluss von A-Waffen offen hält und nun nach all dem, die UNO in dieser Weise vorführt – all dies ist Hybris eines Starken, der es sich leisten kann, ist Hochmut und Überheblichkeit, die Gott, der Herr, sieht.

Sein persönlich echter Glaube und die stellvertretende Buße vieler Beter in USA halten Gottes Eingreifen hier wohl noch zurück. Aber die USA sind in ihrer jetzigen Hegemonial-Politik biblisch gefährdet. Gottes Absicht mit einer so stark christlich geprägten Supermacht wie den USA ist Dienerschaft an der Welt, Hilfe für die Schwächeren und Bau einer Völkergemeinschaft mit viel vom Frieden Christi und der Freiheit des Geistes darin (was nicht identisch ist mit der Staatsform der Demokratie).

Das tausendjährige Friedensreich bringt erst der Messias Jesus. Aber ein Christ und Staatsmann von der Machtfülle des Präsidenten der Vereinigten Staaten könnte sich das Millennium vor Augen  halten als Masterplan politischen Handelns in der Welt heute. Psalm 72 beschreibt einen solchen Herrscher unter Gott (lies ihn mal!). – so wird einmal Jesus herrschen.

In IHM verbunden, lieber Winnie, grüßt Dich, Dein Vater

2.      Gedanken zu den Entwicklungen nach dem Krieg

 

Wir halten es für die Erhörung der Gebete auf der ganzen Welt, dass viele Alpträume und Befürchtungen der Kriegsgegner zu diesem Krieg, so nicht eingetroffen sind:

-          Der Krieg war kürzer als alle erwartet haben, trotz Behinderung durch die Türkei.

-          Kein Flächenbrand der Ölfelder und damit keine Umweltkatastrophe für die Region.

-          Kein Flächenbrand in den islamischen, besonders den arabischen Staaten. Es gab wohl patriotische Solidarisierungen und riesige Demonstrationen, aber keine Putschversuche.

-          Ein Blutbad durch einen Häuserkampf in Bagdad blieb aus.

-          Es gab – trotz Ankündigungen – keinen massenhaften Einsatz von Selbstmordattentätern.

-          Israel wurde nicht angegriffen.

-          Es wurden keine biologischen oder chemischen Kampfstoffe eingesetzt. Sie können jetzt gesucht und vernichtet werden, sofern welche vorhanden sind.

-          Der Ölpreis ist stabil geblieben d. h. die Weltwirtschaft kam nicht ins Trudeln.

-          Vor allem ist der Diktator gestürzt und sein Gewaltregime beseitigt

 

Überlegungen zur weiteren Entwicklung

 

2.1. Der Irak

(a) Der high-tech-Krieg hat seine Überlegenheit erwiesen. Dem hat kein Staat dieser Welt etwas entgegen zu setzen. Syrien, Iran und Nord Korea sind sehr zurückhaltend geworden.

(b) Der Krieg am Boden war ebenfalls in seinem Ausgang absehbar.

(c) Nicht so aber der sog. „asymetrische Krieg“, d. h. der Krieg von patriotischen und fundamentalistischen Terrorgruppen gegen die Besatzer.

(d) Die „Schlacht um die Herzen“ schien schon verloren zu sein: statt Jubel für die „Befreier“, gab es unerwarteten Widerstand gegen die „Besetzer“. Es wird sich  erst   allmählich zeigen, wie die Bevölkerung auf lange Sicht reagiert.

Die Demokratie zu verordnen, dürfte schwierig sein,

-          da die ganze Kultur islamisch und das heißt patriarchalisch, männlich geprägt ist (Frauen-Rechte?)

-          und das heißt auch von Stammeshäuptlingen und nicht gewählten Volksvertretern  geleitet wird (Demokratie?);

-          außerdem besitzt der Irak nach 35 Jahren Gewaltherrschaft keine Zivilgesellschaft d. h. kein funktionierendes freiheitliches Bürgertum, das immer den Träger von Demokratie in einem Staat darstellt.

Es ist zu hoffen, dass die Amerikaner sensibel genug sind im Umgang mit dem arabischen Land und nicht Dinge von oben her verordnen. Sie sind jetzt zunächst aber nötig als Militärmacht, um der Anarchie Einhalt zu gebieten (Plündereien und Lynchjustiz). Der schnelle Sieg beinhaltet – trotz aller Vorteile! – die Gefahr, dass sich die Supermacht ermutigt fühlen könnte, mit den anderen „Schurkenstaaten“ von der „Achse des Bösen“ in der Region (Syrien und Iran) auch gleich aufzuräumen – wenn man schon mal in der Gegend ist. Die Drohkulisse steht schon.

Die USA wollen auf jeden Fall noch eine (längere?) Zeit in der Region präsent zu sein.

 

2.2. Die USA

Seit dem 11. September 01 hat sich in den USA ein tiefer Wandel vollzogen; der Anschlag wurde als Kriegserklärung verstanden;  die USA re-agieren also nicht mehr mit Defensivmaßnahmen auf diese Bedrohung, sondern agieren offensiv bis hin zu Präventivmaßnahmen, zu Erstschlägen. Aus diesem Grund empfinden die Amerikaner diesen Krieg auch als gerechtfertigt und die Soldaten verstehen ihren Einsatz als Landesverteidigung. Amerika hat aber noch nie die Furie des Krieges im eigenen Land erlebt. Das amerikanische Volk hat noch nie einen Alarm und Bombenhagel in den eigenen Städten erlebt. So etwas ist bisher nur im Fernseher bekannt und das gezielt gefiltert als „sauberer Krieg“.

 

Von daher ist für die USA Kriegsvermeidung „bis zum allerletzten“ nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Krieg als Mittel der Politik ist grundsätzlich möglich, zumal wenn man den Sieg schon mehr oder weniger in der Tasche hat. Die „Freiheit der Demokratie“ gibt dabei den notwendigen ideologischen Unterbau ab, der zur Entlastung des Gewissens nötig ist. Jeder Krieg dieser Welt braucht eine ideologische Rechtfertigung – auch dieser. Präsident Bush hat dieser uramerikanischen Mission von der Freiheit noch seinen persönlichen Glauben hinzugefügt, indem er die Mission Amerikas als persönliche Beauftragung durch Gott empfindet und angenommen hat. Dies ist neu, aber grundsätzlich nicht verwerflich, sofern man nicht der Meinung ist, dass auch anderswo Glaube und Beruf getrennt sein müssten.

So gesehen erscheinen von Amerika aus Schröder, Chirac und Putin als „Zauderer und Besserwisser“, auf die man nicht hören sollte. Und dass die „Drückeberger von gestern sich heute um die Geschäftsmöglichkeiten beim Wiederaufbau reißen“, ist geschmacklos. (Aus einer US- Umfrage).

Dass aber in der Verbindung von Kriegserfahrungen in Europa und Risikobereitschaft in den USA ein außerordentlich effektives globales Miteinander entstehen könnte, ist eine Erfahrung, die die USA wohl erst noch machen müssen. Aber möglichst auf einem anderen Gebiet als dem des Krieges. Sensibilität und Differenziertheit der Wahrnehmung ist die Gabe, die Europa in den Dialog des Westens einbringen könnte. Wenn Amerika zuhört…

 

2.3. Die UNO

Die UNO steht am Abgrund d. h. vor der Bedeutungslosigkeit. Schon einmal haben die USA durch ihren Nicht-Eintritt den damaligen „Völkerbund“ zur Ohnmacht verurteilt. Wiederholt sich die Geschichte?

Um dies zu vermeiden, beharren die Kriegsgegner nun so nachdrücklich auf einer Friedensordnung durch die UN. Nach allen Gesetzen aller Kriege haben aber nach einem Krieg immer zuerst die Sieger das Sagen. So wird es auch hier sein.

Das Höchste, was George W. Bush seinem „besten Verbündeten und besten Freund“ Tony Blair am 08. 04. in Hillsborough in Richtung UNO zugestanden hat, war, dass die Vereinten Nationen eine „zentrale (vitale) Rolle“ für die irakische Nachkriegszeit spielen sollten. Mehr nicht und vor allem ganz undefiniert. Bush ist bereit, „mit internationalen Institutionen“ zu kooperieren. Aber nach ihren (USA) Regeln.

Man muss wissen, dass der Völkerbund damals zwischen 1933 und 1938 zu vielen Kriegen und vielem Unrecht geschwiegen hat und sich so um seine Autorität gebracht hat. Weder die Tschechoslowakei noch Polen riefen daher noch den Völkerbund an, als Hitler sie überrannte. Das Faustrecht der Diktatoren hatte die Weltorganisation abgesetzt: der 2. Weltkrieg war die Folge.

Der Fortbestand und die Autorität der UNO sind für die Zukunft unserer Welt von Bedeutung. Denn die Frage eines Präventivschlages gegen Nordkorea, Syrien oder Iran steht schon bald auf der Tagesordnung. Wie wird, wie kann die UNO dann reagieren? Es wird entscheidend sein, ob sich die USA zur oder gegen die UNO stellen werden.

Über den Krieg hat man sich zerstritten. Über den Wiederaufbau sollte man jetzt wieder zusammen finden!

Das Vorgehen der Amerikaner in den nächsten Wochen, ihre Bereitschaft mit Tony Blair, mit der UNO, mit Europa, mit den arabischen Ländern zu kooperieren, wird das Bild Amerikas für die Zukunft prägen. Es wird sich zeigen: Ging es ihnen um Befreiung oder letztlich doch nur um ihre geopolitische Machtposition? Dieses Image wird auch wesentlich über das Anwachsen oder allmähliche Zurückgehen des Terrorismus mit islamischem Hintergrund entscheiden. Mubaraks Befürchtung war: In jeder Minute dieses Krieges wird ein neuer Osama bin Laden geboren.

Am meisten wird das Bild der Amerikaner in der arabischen Welt aber abhängen von ihrem Umgang mit Israel und inwiefern sie dort auch eine Friedensordnung durchzusetzen vermögen, wie im arabischen Bruderland Irak. Israel stehen schwere Zeiten bevor.

 

2.4. Europa

Europa wird diesen Schock der zwei Achsen-Bildung noch lange zu verkraften haben. Europa wird nach diesen Vorgängen nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. Der Optimismus, zur Einigung Europas bald zu gelangen, dürfte vorerst verflogen sein. Im Januar 2004 steht die Aufnahme von 10 neuen Staaten an. Dies – ohnehin eine kritische Situation – könnte sich in der jetzigen Lage der 15 Alt-Länder zur Überbelastung auswachsen, die die EU als Gemeinschaft überfordern könnte.

Die Vorgänge jetzt dürften tiefe Auswirkungen auf die neue europäische Verfassung haben. Welche, kann man noch nicht sagen. Entweder die Staaten behalten sich gerade jetzt Außen- und Sicherheitspolitik selber vor – dann geht Europa in Richtung Staaten-Bund. Oder man folgert aus den Vorgängen genau umgekehrt die Notwendigkeit einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik – dann wird die Vision eines Bundesstaates noch energischer verfolgt.

 

Deutschland scheint eine Meisterschaft in voreiligen Festlegungen zu entwickeln. Erst legt sich der Kanzler auf ein Nein zum Irakkrieg selbst bei einem UNO-Mandat fest; jetzt Peter Struck, Verteidigungsminister, dass sich Deutschland an einem Aufbauprogramm unter Führung der USA wohl nicht beteiligen werde, sondern nur unter Leitung der UNO. Jeder, auch Struck, weiß aber haargenau, dass nach einem Krieg zunächst die Siegermächte für die Wiederherstellung einer staatlichen Ordnung verantwortlich sind. Wie lange, weiß niemand vorher. Deutsche Politiker sollten jetzt nach dem Krieg alles tun, um den Graben zu den USA wieder zu überbrücken und nicht zu vertiefen durch neue Enttäuschungen. Denn jede Enttäuschung treibt den Enttäuschten noch tiefer in seine Position. Schröders Einseitigkeit hat durchaus mit der von Bush zu tun.

3.Gebet

 

3.1. Dank

 

3.2 Anbetung

Wer Geschichte betend betrachtet, erkennt darin biblische Prinzipien d. h. Gottes Handeln heute. Anbetung dem Weltenherrscher, der – selbst im Feuer und Sturm des Krieges – regiert. Je mehr wir dies glaubend proklamieren, auch jetzt nach dem Krieg, desto mehr kann und wird sich von seiner Herrschaft „wie im Himmel, so auf Erden“ offenbaren.

 

3.3. Umkehr

Gericht ist  nicht das Gegenteil von Gnade, sondern deren andere, dunkle Seite als „Heimsuchung“. Es kommt an dieser Stelle darauf an, dass wir uns vor Gott beugen und um Vergebung bitten. Wir stimmen über Schuld und Not ein in ein lautes und langes „Kyrie eleison“  - über Deutschland, dem Irak, der USA und Israel: „Herr, erbarme dich unser!“

 

3.4. Fürbitte

Ortwin Schweitzer